Bagdad

Blutbadboden. 

Es ist sehr früh am Morgen, und es ist still. Es riecht noch nach Vortag, altem Blut und fauligen Stoffresten. Die Sonne kriecht unbarmherzig durch die Gassen und entblößt die alltägliche Schlacht. Schwarzblaue Fetzen, manche violett von Blut getränkt, liegen wie herab geregnet auf den Straßen. Niemand hebt sie auf, keine Mühe, denn es kommen täglich neue hinzu, neue Kleiderstoffe, neue Fleischlappen, die werden hin und wieder weggeräumt, in der Wüste verscharrt.

Immer mehr Tod unter der Erde, immer mehr Nahtote, die auf ihr wandeln, Gewissheit besiegt die Hoffnung. Die Angst strahlt wie ein Pilz in jede Ecke, durch jede Mauer, die Angst ist das gleißende Licht, das blind macht und zum Sterben auffordert.

Heller Staub verdeckt schnell die blutigen Pfützen, nur der Geruch lässt keinen Zweifel daran, dass sich der Tod hier eingenistet hat. Tage sind wie Dominosteine, die in einer Reihe aufgebaut nach und nach fallen, keiner bleibt stehen, keiner entkommt dem tödlichen Aufschlag, Leiber haben da nur noch zwei Dimensionen. Eine Krähe hält eine Trophäe im Maul, eine abgerissene Kinderhand, an der schon zwei Finger fehlen, der Hund findet genug zu fressen, Knochen ist Knochen, Fleisch ist sich sehr ähnlich. Wenn der Wind kommt, bringt er den Staub in die Lungen, fordert Widerstand.

Gestalten huschen durch die Gassen, von einem Torbogen zum nächsten, an dunklen Autos haftet das Verhängnis, oder in Hauseingängen, oder auf dem Markt. Gleich ganz tot sein ist besser als noch als atmendes Bündel aus der Sonne gebracht zu werden, unter das kalte Licht, und die Schmerzen, die so schlimm sind, dass sie betäuben. Aber die Einsicht, dass es kein noch so schäbiges Sein mehr geben wird, ist das furchtbarste am noch funktionierenden Verstand, die Reue steht Pate.

Wieder ein Blitz und ein Donnerschlag, die Zeit ist wie unterbrochen, ein Antimoment, das den Schrecken entfesselt, Metall dringt in alles Weiche, Warmes wird zerrissen. Da liegen sie wieder, die nicht davon kamen, da schreien die Defekten, morsch und verstümmelt, kein aufrechter Gang mehr. Die anderen jagen einer Regelmäßigkeit hinterher, schnell die groben Spuren beseitigen, das rosige Fleisch, die heraus hängenden Adern, die nichts mehr zu bluten haben, scharfe weiße Knochensplitter. Und die Köpfe, wenn die Augen noch heraus stieren, ein Mund ein Wort formen wollte, die zerborstende Hülle, aus der eine gräuliche Masse heraus quillt, ein Stoff des Grauens.

Was bleibt außer faulige, verdorbene, ranzige Substanz, die die Erde schlucken muss und das Feuer. Welcher Krieg kann je für etwas sein, ist doch sein Schatten stets das Schlusswort.

 

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