Brunnen

Meine Knochen liegen noch immer hier im Brunnen, den man bedeckt hat wie ein Grab, über dem die Wiese sich verbreitet. Doch etwas denkt noch in mir, lässt mich nicht vergessen, als ich starb vor fast einhundert Jahren. Mein toter jüngerer Bruder im Geiste liegt ebenfalls hier, nur seine Seele spricht nicht, sein Schmerz über die sich ständig wiederholenden Grausamkeiten ließ ihn endgültig verstummen, so muss ich auch für ihn sprechen. Die Erinnerung an mein Leben unter der Sonne verblasst nur langsam, an meine Familie, die aus dem Haus getrieben wurde von jungen Männern in Uniform, die behängt mit Gewehren keine Gnade kannten, krank vor Gier uns auszulöschen und sich an fremden Eigentum zu bereichern.

Ohne Vorwarnung wurden wir aus unserem Heim getrieben, wir mussten alles zurücklassen, nichts von unseren stolzen Besitztümern durften wir behalten, noch nicht einmal unser Leben. Was mit uns und unserem Volk innerhalb eines Jahres geschah, das überstieg jede Vorstellungskraft, eine Vernichtungsmaschine rollte über unsere Existenzen hinweg und verschonte fast niemanden von uns.

Die Deportation der Armenier wurde systematisch vorgenommen und von den Jungtürken damit begründet, dass sich mein Volk angeblich auf Kosten der Türken bereichert hat und das Land beherrschen wollte, zudem warf man uns vor, dass wir uns mit den Feinden der Türkei verbunden hätten. Bisher hatten wir alle friedlich nebeneinander gelebt und plötzlich begann die Katastrophe, der unglaubliche Befehl von den Regierenden, ein ganzes Volk abzuschlachten. Diejenigen, die uns helfen wollten, mussten mit dem Schlimmsten rechnen, die meisten Bewohner jedoch ließen sich die Chance zu plündern und zu rauben nicht entgehen. Überhaupt war die ganze Stimmung in diesem einen Jahr mörderisch.

Man verhaftete uns nicht nur, man folterte uns, wir wurden geschlagen, gedemütigt und verstümmelt, vielen wurden die Zähne und Nägel herausgezogen oder sie wurden mit den Füßen nach oben aufgehängt. Die Frauen wurden geschändet, auch die Kinder wurden vergewaltigt und man hackte ihnen die Gliedmaßen ab und ließ sie verbluten.

Wie Tiere hat man uns in die Viehwagen der Bagdad-Bahn verladen, die Toten wurden unterwegs aus dem Zug geworfen. Andere mussten wochenlang laufen, ohne Essen und Trinken, an den Wegesrändern türmten sich körperliche Überreste auf, in allen Stadien der Verwesung. Das Weinen und Klagen der Frauen und Kinder war unerträglich, die Kranken und Schwachen wurden von den Gendarmen erschossen oder man ließ sie einfach liegen. Von Hunger gequält haben viele Gras gegessen oder das Fleisch von verendeten Tieren. Mütter waren so verzweifelt, dass sie nicht mehr nach Brot fragten, sondern nach Gift. Manche haben ihre eigenen Kinder ertränkt, weil sie deren Elend nicht mehr ansehen konnten.

Die Flüsse waren voll von aufgequollenen Leichen. Verweiste Kinder irrten verwahrlost herum bis auch sie massakriert wurden. Gnadenlos wurden Zehntausende von uns auf einen Marsch in die syrische Wüste und in mesopotamische Steppe getrieben, wo sie langsam zu Tode gemartert wurden. Die Welt schaute weg, sie hatte andere Sorgen, ausländische Hilfe wurde verweigert, unser Volk sollte vernichtet werden.

Auch meine Familie wurde vollständig ausgerottet, alle wurden an einem Tag bestialisch ermordet.
Mein Schicksal war der Brunnen, in den man mich lebendig warf, es dauerte einige Tage, bis ich sterben durfte, aber meine Seele war noch draußen, ich sah das ganze Ausmaß der Tragödie mit an, ohne dass ich etwas tun konnte. Ich blieb allein in diesem dunklen Loch gefangen und immer in Gedanken damit beschäftigt, was unser Volk und meine Familie erleiden mussten. Eine Antwort auf ein Warum war mir nicht möglich zu finden, wozu all der Hass und die Grausamkeiten, die Menschen sich gegenseitig antun können und es hört nicht auf.

Acht Jahrzehnte später ereignete sich wieder Schreckliches in der Gegend, diesmal traf es die Kurden, die zu zehntausenden ermordet und verschleppt wurden. Auch ihnen warf die türkische Regierung vor, dass sie Vaterlandsverräter und Feinde der Republik seien. Wieder war die Welt mit anderen Dingen beschäftigt und die türkische Regierung hatte freie Hand beim Töten von Bauern, Anwälten und Schafhirten, ganze Dörfer wurden ausgelöscht, die Leichen wurden in Felsspalten geworfen oder in die Brunnen, in die Säure gekippt wurde, damit sich die Überreste auflösen. Einige wurden auch lebendig in die Brunnen voller Säure geworfen und auf den Äckern liegen heute noch Knochenreste und Kleiderfetzen.

Mein Bruder im Geiste war auch ein Opfer dieses Massakers, mein Grab wurde auch zu seinem, als man ihn zu mir in die Tiefe warf. Ich sah sein Entsetzen in seine Augen, als er mich erblickte, aber er sprach kein Wort, er schrie auch nicht, er starb langsam und still. Seine Leidensgenossen erfuhren bisher ebenfalls keine Gerechtigkeit, die Täter wurden nicht bestraft, es herrscht weiterhin eisiges Schweigen darüber. Genau so wie über die Vernichtung meines Volkes und die Namen der Verantwortlichen für diesen Genozid stehen immer noch ehrenvoll auf den Straßenschildern geschrieben.

Meine Seele ist zum Wachsein verdammt, sie wird nicht eher Frieden finden, bis die Wahrheit sich ihren Weg in das freie Wort gebahnt hat. Wir Toten können nicht vergessen und vergessen werden.



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