Alois Brunner

Sie wollte ihrem Kummer entfliehen und hatte sich in den Kopf gesetzt, nach Israel zu reisen. Als sie dort ankam, war sie durch das extrem helle Licht geblendet und alles war so lebendig. Nur die jungen bewaffneten Männer und Frauen, die überall standen, irritierten sie aufs Äußerste. Das war für sie fast unerträglich, sie registrierte ihr Manko, dass sie sich nicht gründlich genug auf diese Reise vorbereitet hatte. Den dicken Reiseführer hatte sie nur überflogen und mit der tatsächlichen Situation war sie nun überfordert.

Sie stieg in einen Bus nach Jerusalem, wo sie ein paar Tage bleiben wollte. Sie sah den Schmelztiegel der Jahrhunderte, junge aufgeschlossene Menschen, verhüllte Frauen, Männer in alten jüdischen Gewändern. In der Altstadt lief sie einfach geradeaus, dann stand sie plötzlich in einem türkisfarbenen Gebäude, es schien nicht von dieser Welt, aber schon stürzten wütende Männer in ihre Richtung, beschimpften sie und jagten sie hinaus.

Sie rannte davon und irrte weiter durch die gelblichen Gassen. In einer Pension übernachtete sie, neben ihr lag eine Frau, die ihr erzählte, dass sie ihren gesamten Besitz verschenkt hatte und nun auf den Spuren von Jesus wandelte, sie traf noch andere Leute mit ähnlichen Geschichten. Das brachte sie noch mehr durcheinander.

Ihr fiel ein, dass sie vor kurzem in einer Zeitung gelesen hatte, dass viele ausländische Besucher in Israel in der Psychiatrie landen, weil sie von religiösen und weltlichen Eindrücken überlastet waren. Auch am nächsten Tag sah sie merkwürdige Gestalten und begann sich zu fürchten.

Ein junger Palästinenser sah ihre Not und sprach sie an. Es stellte sich heraus, dass er einige Jahre in Deutschland gelebt und nun hier einen kleinen Schmuckladen hatte. Er erklärte ihr, dass sie als Frau nicht in eine Moschee gehen durfte, was ihr am Vortag passiert war. Und er zeigte ihr seine Altstadt, das quirlige Miteinander auf den Märkten und seinen Lieblingsort, das Damaskustor.

Den Abendhimmel nahm sie in violett wahr mit einem grünlichen Mond, und es gab keine Dämmerung, es wurde schlagartig dunkel. Er machte sich Sorgen um sie, da er merkte, dass sie sehr empfindsam auf die Vitalität der verschiedenen Kulturen reagierte. Doch er konnte sie nicht halten, sie musste weiter, so ließ er sie widerwillig gehen.

Auf dem Busbahnhof gab es eine Bombendrohung, Alltag, wie man ihr versicherte. Sie spürte überall eine gewaltige Energie, die unerklärlich und unmenschlich war. In irgendeinen Bus stieg sie dann doch. Ihr gegenüber saß ein freundlicher alter Mann. Das gab ihr ein wenig Sicherheit, denn sie überlegte, ob sie nicht lieber schnell nach Hause fliegen sollte.

An seinem Unterarm bemerkte sie einen dunklen Fleck, bei genauerer Betrachtung stellte sich dieser als eine Nummer heraus. Sie wusste, was das bedeutete und ihr wurde ziemlich unwohl. Der Mann sah sie blass werden und fragte schnell, woher sie denn käme. Sie musste Deutschland antworten, aber der Mann blieb äußerst höflich. Ihren Namen wollte er wissen, Lilith, sagte sie, das gefiel ihm, er schmunzelte, ein etwas ketzerischer Name.

Wenn sie Zeit hätte, meinte er, würde er sie gern zu sich einladen, das hatte etwas Beruhigendes und sie nahm seine Einladung an. Er brachte sie in seinen Kibbutz, nicht weit von der Stadt, viele kleine Häuser standen dort und ein riesiger Garten umrandete diese Idylle. Es war so friedlich und ihre Anspannung löste sich allmählich.

Dann kam ein junger strahlender Mann auf sie zu, es war sein Enkelsohn, der sie neugierig betrachtete. Sie musste unwillkürlich lächeln, Ariel hieß er. Und es war Liebe auf den ersten Blick.

Ariel zeigte ihr alles und erklärte, dass sein Großvater Auschwitz überlebt hatte, aber keinen Groll auf die Deutschen hegte, wie die meisten hier. Trotzdem fühlte sie sich verpflichtet und befangen, zeigte es aber nicht.

Sie erlebte wunderschöne Tage im Kibbutz und auch sehr Trauriges. Nachdem sie die ganze Geschichte des Großvaters erfahren hatte, denn sie bestand darauf, wollte sie etwas für ihn und seine Familie tun.

Ein früherer Freund von ihnen war gerade gestorben, ein Ingenieur und Musiker, der in Auschwitz für die Aufseher Geige spielte und so überlebte. Der Großvater hatte schon viele Freunde und Verwandte verloren, die meisten damals in den Konzentrationslagern.

Das belastete sie noch mehr, Ariel meinte aber, es sei nicht ihre Schuld und tröstete sie. Eigentlich hätte sie ihn trösten müssen, dachte sie. Der Großvater hatte einem seiner toten Freunde ein Versprechen gegeben, er erzählte von einem Massenmörder, die rechte Hand von Eichmann, der etliche Juden von Österreich, Griechenland, Frankreich und der Slowakei aus nach Auschwitz und in andere Lager befördert hatte. Er, Alois Brunner war sein Name, sollte immer noch unbehelligt leben.

Eine Freundin aus New York, ursprünglich Wienerin, die einen Prozess mit der Frau von Alois Brunner um das gestohlene Mobiliar und die Kunstwerke verloren hatte, weil Frau Anni Brunner nun in ihrer früheren Wohnung lebte, rief zufällig an einem der Abende an. Sie war darüber so verbittert, für sie gab es keine Gerechtigkeit mehr. Der Großvater war sehr aufgelöst nach diesem Telefonat, lange hatte er nicht mehr so ausführlich über diese dunkle Zeit gesprochen.

Aber so ist das, meinte er, den Besitzer des Riesenrads in Wien haben sie in Auschwitz ermordet, aber das Wahrzeichen dieser Stadt dreht sich weiter. Er versuchte, zu lächeln, aber es gelang ihm nicht wirklich.

Lilith bat Ariel, ihr alles über diesen Alois Brunner zu erzählen. Er schlug ihr einen Ausflug ans Tote Meer vor, er würde sie auf der Reise über die Zusammenhänge genau informieren. Sie war innerlich sehr aufgewühlt, einerseits glücklich über diese unverhoffte Begegnung mit Ariel, andererseits lastete die Geschichte auf ihr wie ein böser Schatten.

Trotzdem lachten sie viel, und sie war völlig fasziniert von der Landschaft, die sie zwar schon auf Fotos gesehen hatte, die aber so unwirklich anmutete. Und dann das unglaubliche Tote Meer. Eine spiegelglatte Fläche erinnerte an gegossenes Blei, umringt von bizarren gezackten Felsen.

Die Strahlen der Sonne ließen das Ganze wie geschliffene Edelsteine aufblitzen wie ein traumversunkener Schatz. Aber es gab überall Warnschilder wegen der Senklöcher, die sich durch den gesunkenen Wasserspiegel gebildet hatten, wie Mondkrater, Vorboten einer kommenden Katastrophe.

Ariel erzählte ihr den Mythos, den das so einzigartige Gewässer umgab. Gott ließ Feuer und Schwefel auf Sodom und Gomorra niederregnen als Strafe für deren Sünden. Aber, so lachte er, es entstand infolge eines Erdbebens vor 1,5 Millionen Jahren, zuvor war das Land mit einem Ozean bedeckt und das war nun der klägliche Rest.

Sie wollte unbedingt wissen, wie es ist, zu schwimmen, ohne unterzugehen, das konnte sie sich partout nicht vorstellen. Sie sprangen ins warme schwere Wasser und da lagen sie nun mit den anderen Badenden herum. Sie tauchte kurz unter und bekam das Salzwasser in die Augen, es brannte so fürchterlich, dass sie in Panik geriet und glaubte, sie würde ertrinken. Ariel hatte vergessen, sie zu warnen, er packte sie und brachte sie an den Strand. Genau das sollte man nicht tun, es seien schon Leute ertrunken, eben weil sie panisch auf den stechenden Schmerz reagierten und so die Kontrolle verloren hatten.

Ziemlich hilflos und mit einem Schrecken in den Knochen schaute Lilith nun voller Respekt auf das schillernde Wesen, in dem die anderen Menschen vor sich hin dösten. Sie bat Ariel nun, ihr alles über Alois Brunner zu erzählen.

Er sei inzwischen 96 Jahre alt und lebt in Damaskus, er wurde in Rohrbrunn im Burgenland geboren als Sohn eines Bauern, 1931 trat er der NSDAP bei und gehörte im selben Jahr der SA an, er lernte Adolf Eichmann 1938 kennen, der sein Freund und Förderer wurde. Nur Brunner war nicht nur ein Schreibtischtäter, auch erfüllte er seinen Plan immer zu 150 Prozent, Eichmann nannte ihn seinen besten Mann. Er folterte und tötete eigenhändig, nebenbei stellte er die endlosen Listen zusammen, auf denen die Namen der Juden standen, die in die Konzentrationslager transportiert wurden, viele wählte er höchstpersönlich aus. Deren Habseligkeiten hatte er sich teilweise angeeignet.

Er war wie Eichmann äußerst gründlich, seine Kommandos führten oft nachts Verhaftungen von Männern, Frauen und Kindern durch, um sie durch Folter zur Preisgabe ihrer Familienmitglieder zu zwingen. Sie durchkämmten jeden Tag die Städte auf der Suche nach Juden und das noch bis kurz vor Ende des Krieges. Es gehen wohl mehr als 120 000 Juden, die umgebracht wurden, auf sein Konto.

Lilith wusste einiges über den Holocaust, wie sie betroffen flüsterte. Ariel meinte, Holocaust sei nur ein Wort, genau wie Shoa, man sollte es doch so nennen, wie es war, millionenfacher Mord an den Juden. Nun war sie sehr verunsichert, wie sollte sie auch damit umgehen können und blieb still sitzen.

Sie schwiegen sehr lange, Ariel schien auf etwas zu warten. Dann fragte sie ihn, wie es käme, dass er nicht bestraft worden war. Viele wurden nicht bestraft, Ariel konnte seine Wut nicht unterdrücken. Der sogenannte Bluthund zum Beispiel, Josef Weiszl, ein besonders brutaler Freund von Brunner bekam später Heimkehrer-Fürsorge und lebte bis zu seinem Tod unbehelligt in Deutschland. Die Amerikaner waren da sehr großzügig, wer mit ihnen zusammenarbeitete, wurde in der Regel nicht verurteilt.

Er wollte noch weitere Personen nennen, hielt aber inne, es ging ihm nur um Alois Brunner. Mit leiser Stimme versuchte er ihr zu erklären, dass er sich selbst ein Versprechen gegeben hatte, als er die Geschichte über Brunner erfuhr. Sie begann zu ahnen, dass es ihm bitter ernst war und fragte, wieso Brunner denn in Damaskus leben könne und wie er überhaupt dorthin gelangte.

Ariel nahm sich zusammen, Brunner lebe unter falschem Namen dort, ein früherer SS-Kamerad gab ihm 1954 seinen Pass, er heißt seitdem Dr. Georg Fischer. Zuvor lebte er in Linz, München, dann arbeitete er in Essen, er war bei seinen Kollegen sehr beliebt, auch bei den Kommunisten. Ein späterer Bundestagsabgeordneter der CDU, ein alter Kollege der Propagandastaffel, Dr. Rudolf Vogel, half ihm unter anderem und warnte ihn rechtzeitig.

Wahrscheinlich konnte Brunner über Italien oder Spanien fliehen. Und dann scheint es ziemlich sicher, dass Brunner Unterstützung durch gewisse Kreise in der katholischen Kirche genoss, die darauf spezialisiert waren, Nazis aus dem Nachkriegsdeutschland die Flucht zu ermöglichen. Sein prominentester Fluchthelfer war Reinhard Gehlen, der die Operation Gehlen mit Hilfe der CIC aufgebaut hat, späterer Chef des Bundesnachrichtendienstes, der er bis 1968 blieb.

Die Amerikaner hatten Gehlen also angeheuert, der wiederum verpflichtete Brunner, der in Damaskus Geheimdienstexperte für diese Region des Nahen Ostens wurde. Es gab keinen Zweifel daran, dass die Amerikaner Gehlen dafür bezahlt hatten, den ägyptischen Geheimdienst aufzubauen, und so wurde Brunner durch diesen Schachzug als Experte geschützt.

Er konnte ein normales Leben führen mit der Unterstützung des deutschen und des amerikanischen Geheimdienstes. Und dann wurde er noch bei der syrischen Geheimpolizei als Gesinnungsgenosse akzeptiert, sozusagen als Berater für Judenfragen und somit genoss er die Obhut der syrischen Regierung, obwohl diese das stets verleugnete.

Ungläubig sah Lilith in Ariels Augen, er hatte wie ein Uhrwerk diese Ungeheuerlichkeiten aufgezählt, aber er war noch nicht fertig. Brunner gab 1985 ein Interview einer bekannten deutschen Zeitung, der Bunten.

Er ließ sich auch fotografieren und äußerte sich freimütig über seine Vergangenheit und dass ihn Israel nie bekäme, dass er kein zweiter Eichmann werden würde, er hätte vorgesorgt. Und er sei immer noch stolz darauf, dieses Dreckszeug, wie er es nannte, also die Juden weggeschafft zu haben. Es gab einen ziemlichen Wirbel hinterher, sogar in der UN-Vollversammlung, aber das ebbte dann doch schnell wieder ab.

Das Landeskriminalamt NRW befragte erst sieben Jahre später den Journalisten der Bunten zwecks Identitätsfeststellung, immerhin hatten die Staatsanwaltschaften Frankfurt und Köln eine Belohnung von 500 000 Mark auf ihn ausgesetzt, ein Fahndungsplakat gab es allerdings nie.

Es meldete sich später auch niemand mehr von dort, die ursprünglich angeforderten Fotos wollte dann doch keiner haben. Sie hatten einfach kein Interesse, sich dieses Falles anzunehmen, ein Staatsanwalt war schon gestorben, der zweite pensioniert, der dritte kurz davor. Nur in Frankreich wurde Brunner 1954 in Abwesenheit zum Tode verurteilt.

Allerdings wurden Brunner mehrere Briefbomben geschickt, er verlor ein Auge und später vier Finger der linken Hand. Wie man auf den letzten Fotos sehen konnte, hatte er gänzlich verstümmelte Hände und nur eine Daumenkralle, sah aber sonst recht fröhlich aus. Seine Tochter Irene, die 1945 geboren wurde, hat weiterhin Kontakt zu ihrem Vater und besucht ihn regelmäßig. Manche behaupten sogar, Brunner würde wieder im Burgenland leben.

Lilith saß fassungslos da, sie fühlte sich schuldig und wurde zornig auf sich und die Welt. Die Sonne strahlte unerbittlich das gleißende Tote Meer an und sie starrte wie gebannt auf diesen blinden Spiegel. Ariel schwieg, aber sie ertrug sein Schweigen nicht.

Sie hörte sich sagen, wenn jemand dieses enorm salzhaltige Wasser trinken würde, zwei, drei Liter, würde ihm zwar schlecht werden, sein Körper aber würde dehydrieren, Ohnmacht wäre die Folge, seine Gehirn schwillt dann dann, er bekäme Krampfanfälle, seine Zellen im Leib zerplatzen, nach einer halben, dreiviertel Stunde wäre er tot.

Ariel war erstaunt, sie hatte einige Semester Medizin studiert, erwiderte sie. So wenig wussten sie voneinander, trotzdem fragte er, ob sie das für ihn tun würde. Ohne zu zögern, willigte sie ein und sie versicherten sich, mit niemandem darüber zu sprechen und diese Sache nur das Tote Meer zu nennen. Sie sammelten drei leere Flaschen, füllten sie mit dem Salzwasser und fuhren mit dem Bus zurück in den Kibbutz.

Sein Großvater empfing die beiden herzlich und freute sich über diese junge Liebe. Sie erlebten noch beschwingte leichtsinnige Tage. Der Großvater scherzte, dass dieser Kibbutz es etwas schwer hätte im Lande, weil sie hier im Kibbutz nicht allzu gläubig waren und er erzählte seinen Lieblingswitz. Ein Jude betete jeden Tag mehrmals an der Klagemauer, als er gefragt wurde, wofür er so eifrig betet, antwortete er, für den Weltfrieden, und wie er sich fühle dabei, wurde er gefragt, er meinte, er habe das Gefühl, er spräche mit einer Wand.

Lilith bewunderte den jüdischen Humor, aber tief im Innern begriff sie langsam, worauf sie sich eingelassen hatte. Nur für ihren geliebten Ariel wollte sie das tun. Nach einer Woche musste sie die Heimreise antreten, Ariel brachte sie zum Flugzeug und ermahnte sie, dass sie sich einen neuen Pass machen lassen müsse, um nach Syrien einreisen zu können und das Tote Meer erledigen. Sie nickte beklommen.

Die Beamten wunderten sich über die drei Wasserflaschen, sie erklärte, es sei ein Andenken. Ein Gruß aus Israel, rief Ariel in den Raum, so dass alle es hören konnten. In Deutschland angekommen, meldete sie ihren Pass als verloren und buchte eine Reise nach Damaskus, schon nach drei Wochen konnte sie fliegen. Ariel hatte ihr einen Brief mitgegeben, den sie erst dort öffnen sollte. Sie nahm Beruhigungstabletten, ihren Eltern hatte sie nichts erzählt, auch nicht von Ariel, sie blieb wortkarg, was eigentlich nicht ihre Art war.

Die Einreise nach Syrien war unkompliziert, auch hier wunderte man sich über die Wasserflaschen, sie fanden es eher lustig, dass jemand aus dem reichen Europa eigenes Wasser mitbringt. Damaskus war voller Leben, überall duftete es nach Gewürzen, viele Frauen waren verschleiert, die Männer saßen zahnlos in den Straßen, tranken Tee und rauchten Unmengen an Zigaretten.

Sie suchte sich ein kleines Hotel im Zentrum, dort öffnete sie den Brief von Ariel, darin waren ein Foto von Brunner und seiner Villa, seine Adresse und eine Beschreibung dorthin. Sie begann zu zweifeln, lag die ganze Nacht wach, aber sie hatte es versprochen. Und sie konnte wirklich etwas gegen die Ungerechtigkeit tun. An diesem Gedanken hielt sie sich fest, als sie am nächsten Morgen nervös fiebrig zu Brunner fuhr.

Es war eine wirklich schöne, geschmackvolle Villa, auf der Veranda saß ein sehr alter Mann im Schaukelstuhl. Er war es, leibhaftig, aber wie zerbrechlich wirkte er auf sie. Freundlich hob er seinen Kopf, als er sie hörte und sprach sie an. Er könne kaum noch etwas sehen, sie solle doch näher treten und er bot ihr an, sich zu ihm zu setzen. Sie war irritiert, hatte sie doch eine Vorstellung davon, wie ein Verbrecher sein sollte, aber er wirkte fast gütig.

Er sprach von Anfang an Deutsch, als wüsste er, woher sie kommt. Was sie im Rucksack bei sich trüge, wollte er wissen, sie antwortete, Wasser. Und ihr Herzschlag raste, es war unerträglich heiß. Wasser, meinte er, Wasser zum Leben oder zum Sterben? Sie sagte nichts, aber er schien zu verstehen. Sie schaute sich um, es war sonst niemand da. So sehr sie sich auch wünschte, dass das alles nicht der Realität entsprach, so sehr spürte sie, dass sie nur noch wie eine Maschine funktionierte.

Wasser zum Sterben, sagte sie unerschrocken, Wasser vom Toten Meer. Er nickte, er schien einverstanden, was sie dann doch aus der Fassung brachte. Warum wehrte er sich nicht oder rief jemanden um Hilfe? Sie stellte die drei Flaschen auf den Tisch. Alles, worum er sie bat, war, ihm beim Trinken zu helfen, er wies auf seine verstümmelten Hände.

Es ging alles zu schnell, sie konnte über einen Rückzieher nicht mehr nachdenken und hielt die Öffnung der ersten Flasche an seinen bläulichen Mund. Er schaffte eine halbe und hustete, wollte aber weiter trinken, eine ganze war schnell getrunken. Er verzog keine Miene, sagte kein Wort, kein Klagen über den bitteren salzigen Geschmack. Er griff fast gierig nach der zweiten Flasche, aber er schaffte es nicht, sie ganz auszutrinken. Er atmete schwer, aus seinem Mund lief weißer Schleim und er röchelte.

Es war ein entsetzlicher Anblick, Mitleid überkam sie und auch Verwunderung über sein furchtloses Verhalten. Alles hatte sie erwartet, nur nicht, dass er sich bereitwillig töten ließ. Er hatte Schmerzen und krallte sich am Schaukelstuhl fest. Einen Laut wiederholte er mehrmals, etwas wie Namen oder Amen. Lilith, Lilith, rief sie.

Und er fiel zu Boden und erbrach sich. Sie wünschte, dass das nur ein Alptraum wäre, es durfte nicht wahr sein, sie rannte weg und lief immer weiter, ohne Ziel. Nach endlosen Minuten verließ sie ihre Kraft, hilflos und erschöpft lehnte sie sich an eine Häuserwand. Ihr wurde übel, sie bekam Schüttelfrost und weinte hemmungslos, sie hatte wahnsinnige Kopfschmerzen. Ihre Gedanken wüteten zügellos in ihr, sie war eine Mörderin geworden, sie hatte einen Menschen umgebracht, ihn zu Tode gequält.

Laut schrie es aus ihr heraus, ich habe einen Menschen getötet! Die Leute sahen sie mitleidig an, sie verstanden ihre deutschen Worte nicht. Jemand hatte die Polizei gerufen, sie ließ sich willig in ein Auto führen. Einer fragte auf Englisch, was denn los sei? Sie konnte nicht begreifen, dass sie nicht wussten, was sie getan hatte. Ihre Stimme tönte gebrochen, sie hatte einen Nazi ermordet, aber sie schauten nur ungläubig und telefonierten.

Sie fuhren sie in eine Klinik, dort saß ein älterer Herr mit weißem Kittel und erkundigte sich ruhig, was sie denn so aufgebracht hätte. Weinend und völlig kaputt klammerte sie sich an den Stuhl, eine Mörderin sei sie, flüsterte sie. Aber der Arzt widersprach, sie sei nur krank, sie werde hier behandelt und dann zurück nach Deutschland geschickt, die Botschaft wäre schon informiert worden.

Man gab ihr eine Flüssigkeit zu trinken, sie wehrte sich, sie kreischte, sie wolle kein Salzwasser trinken, man flößte ihr die Medizin mit Gewalt ein. Sie lag wimmernd auf einem Bett, allein in einem weißen neonlichten Raum, der nur ein Fenster zu einem anderen Raum hatte, von dort aus wurde sie die ganze Zeit beobachtet.

Ariel, Ariel. Sie wiederholte den Namen wie ein Mantra.

Und, das Tote Meer ist gestorben.

Das Tote Meer ist gestorben.

 

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