Deadly Alliance

Natasha war gerade 17 geworden, ihren Geburtstag feierte sie ausgiebig mit ihren Freunden, sie war sehr beliebt und hatte viele Freunde. Es wurde ein bisschen Gras geraucht, aber Drogen spielten in ihren Kreisen keine sonderliche Rolle, sie betranken sich des öfteren, wenn sie tanzen gingen. Die Möglichkeiten in ihrer Kleinstadt waren ohnehin auch ziemlich begrenzt.

Zu ihren Eltern hatte sie ein normales Verhältnis und sie ließen ihr ihre Freiheiten, sie war deren einziges Kind. Zum Geburtstag hatte sie sich die Tagebücher von Kurt Cobain gewünscht. Sie verehrte ihn und seine Musik, seine unbändige Wut auf das Leben, auf die Konsumgesellschaft, vor allem aber seine Konsequenz, mit der er aus dem Leben schied.

Sie verschlang seine Gedanken, obwohl sie nicht alles verstand, dass er sich schuldig fühle und mit dem Erfolg nicht klar käme. Sie wäre gern ein Star gewesen, von allen geliebt und bewundert. Aber sie wusste, dass sie keine Chance hatte, auch nur im Entferntesten seine Größe zu erreichen. Was sie jedoch mit ihm verband, war sein Hang, über Selbstmord zu philosophieren.

Cobain hatte, wie viele andere Stars auch, nur die magischen 27 Jahre erreicht, davon war sie noch 10 lange Jahre entfernt. Sie beneidete Cobain um seinen Seelenschmerz, seine Zweifel, seine Zerrissenheit, eine Ikone und gleichzeitig der einsamste Mensch zu sein und wie hingebungsvoll er über den Selbstmord schrieb, das große Finale. Diese Achterbahnfahrt hätte sie auch gern erlebt, so viel Aufmerksamkeit und inneres Leiden.

Dagegen fühlte sie sich leer und unbedeutend, ihr Dasein lief in geordneten Bahnen ab, sie fragte sich, wozu sie überhaupt alt werden solle. Aber sie hatte schon eine Idee, wie sie diesen unausgefüllten Zustand beenden konnte.

Schon vor Wochen war sie über Internet-Chatrooms, die sich mit Cobain und seinem Selbstmord beschäftigen und den Dutzenden, die es ihm nachgeahmt hatten, zu einem besonders aufregenden Chatroom gelangt, er hieß 17-27, sie verbrachte täglich mehrere Stunden dort. Darin wurde fast ausschließlich über Suizid diskutiert und nicht nur das, es gab eine direkte Anleitung zum Erhängen, denn das war das Credo dieser Mitglieder, Selbsttötung durch den Strang.

Unter den Eingeweihten gab es schon 12 junge Männer, die so bereits ihr Leben beendet hatten. Sie wurden unglaublich verehrt und zu ewig jungen Helden erklärt, die tragisch dem diesseitigen Leben, dem Dschungel des Kapitalismus entflohen waren, der ganzen Welt mit ihrer Tat die Stirn geboten hatten. Sie kannte niemanden von denen persönlich, sah aber ihre Fotos und ihre letzten Einträge im Netz.

Glücklich und erleichtert schilderten diese ihren bevorstehenden Übergang in die Unsterblichkeit, unbesiegbar würden sie für alle Zeiten sein. Und sie müssten auch nicht, wie Cobain es formulierte, ihren ungenialen Arsch zu Markte tragen, nicht wie ihre desillusionierten Eltern ihre Träume aufgeben und vor sich hin vegetieren in einem System, das ihnen per Satellit das Dasein erträglich machten sollte.

Sie gingen in eine andere Welt, in der die Engel regierten, in der sie sich alles wünschen durften, in der sich jeder ihrer Wünsche auch erfüllte, daran glaubten die meisten. Es konnte im Jenseits nur besser werden, die Höllenvorstellungen hielten sie für erpresserische Versuche der Religionen.

Es gab viele Gedenkseiten im Internet für jeden dieser 12 Verstorbenen, die schönsten Nachrufe, Worte voller Liebe, Wertschätzung und Anerkennung, sie waren die echten Sieger, die Ritter gegen das Imperium der weltlichen dunklen Mächte.

In ein Foto eines dieser jungen Männer hatte sich Natasha verliebt, er hatte sich mit 27 Jahren umgebracht, John war sein Name, er sah ein bisschen wie Cobain aus und war der Liebling unter den 12 Gegangenen. Viele schrieben über ihn, seine gescheiterten Versuche, seinem großen Idol nachzueifern und Musik zu machen, seine schwierige Kindheit, die Scheidung seiner Eltern, seinen Drogenkonsum und seine zelebrierte Selbstzerstörung. Er hatte ebenfalls ein Tagebuch geschrieben, es kursierte auf vielen Seiten.

Nachdem er sich erhängt hatte, war er der Star der Szene und wurde verehrt wie ein Halbgott. Auch Natasha war völlig hingerissen, zu gern hätte sie ihn kennen gelernt, aber das konnte sie vielleicht noch, wenn sei ihm folgte. Vereint wären sie dann das Traumpaar, das paradiesisch über den Wolken ein gemeinsames Zuhause hätte. Sie fing an, für John Briefe zu schreiben, bezeichnete sich selbst als seine überirdische Geliebte, auf die er bereits wartete. Sie kündigte an, es ihm demnächst gleichtun zu wollen.

Auch mit ihren Freunden sprach sie über John, die fanden ihn auch ziemlich süß, aber lebendig wäre er ihnen lieber gewesen. Sie hatten Natasha nicht richtig verstanden, sie nicht ernst genommen. Sie war ein so fröhliches junges Mädchen, redete gern stundenlang und vergnügte sich mit ihnen bis tief in die Nächte hinein, in letzter Zeit wirkte sie nur etwas aufgedreht.

Trotzdem machte sich keiner ernsthaft Sorgen, jeder hatte schließlich eine düstere Phase in der Jugend, das würde sich auch wieder geben, dachten sie.

Natasha blieb felsenfest davon überzeugt, dass sie eine endgültige Gewissheit darüber hätte, in das Jenseits einzutauchen und John dort zu treffen. Sie beschloss, es so schnell wie möglich zu tun. Eine Anleitung, wie man sich am sichersten aufhängt, fand sie im Chatroom.

Den Strick hatte sie in eine Tüte gepackt und überlegte, wo sie für ihr Vorhaben am besten ungestört sein konnte, sie entschied sich dann doch, ihr letztes Ritual in ihrem Zimmer auszuführen. Sie schrieb ein paar Zeilen für ihre Eltern und ihre Freunde, dass sie nun die glücklichste Braut sei und niemand traurig sein solle, es gäbe keinen anderen Weg für sie.

Alle sollten sich für sie freuen und auf ihrer Beerdigung tanzen und singen.

Dann verfasste sie noch einen Abschiedsgruß im Chatroom, schon nach einigen Minuten las sie ein paar Kommentare, sie solle die süßesten Träume haben, innigste Grüße an John und alle Liebe von dieser Welt, ein Engel sei sie, eine Prinzessin.

Beflügelt und selig bereitete sie alles vor. Ohne zu zögern, legte sie sich den Strick um den Hals und betrat die unumkehrbare Tiefe.

 

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