Ekel

Wie fast jede Nacht stand sie auf dem breiten Fensterbrett und starrte gebannt in den bezaubernden Sternenhimmel. Zählen konnte sie noch nicht, aber sie bemerkte, wie sich die Sterne in unterschiedlicher Weise langsam bewegten, auch hatten sie verschiedene Farben. Wenn man nur lang genug hinsah, glitzerten sie in blau oder rot, manche hatten einen warmen gelblichen Ton. Grün kam nicht vor, sie suchte systematisch den Himmel ab, aber grüne Sterne fand sie nicht, eher blaugrüne, auch braune waren nicht dabei, dafür violette und rosa strahlende.

Alles funkelte und schimmerte wie eine wundervolle ferne Welt, sie konnte sich nicht satt sehen an diesen schillernden Lichtpunkten auf tiefdunklem Grund. Dort oben fühlte sie sich zu Hause, dorthin sehnte sie sich jede Minute. Auch der Mond mit seinem entrückten Antlitz, das sich ständig wandelte, übte eine unbezwingbare Magie auf sie aus, wenn sein fahles Licht in ihr Zimmer schien, spürte sie eine enge Verbindung mit einer hoheitlichen Gewalt.

Den meist bedrückenden Tagen konnte sie nicht viel abgewinnen, es gab nicht nur keine Sterne zu sehen, es fühlte sich außerdem nicht gut an, das zu tun, was ihre Mutter und die Anderen von ihr wollten. Kaum dachte sie an ihre Mutter, ging auch schon die Tür zu ihrem Zimmer auf.

Sie war zornig und meinte wieder mal, dass sie nicht mitten in der Nacht mit nackten Füßen auf dem steinernen Fensterbrett stehen soll und wie oft sie das schon gesagt hätte, es reicht jetzt. Sie rief den Vater, der ausnahmsweise da war und forderte ihn auf, hart durchzugreifen. Das hieß, sie richtig zu verprügeln, damit sie endlich hört.

Ihr Vater griff sie sich und schlug auf sie ein, sie schluchzte, sagte aber kein Wort. Diesmal tat es wirklich weh, ihr Vater hatte kräftige Arme, ihre Mutter hingegen keine Kraft in den Händen. Immer wenn sie auf sie einschlug, musste sie fast lachen, was ihre Mutter dann noch wütender machte. Nach ein paar Minuten hatte ihr Vater genug vom Prügeln und steckte sie ins Bett.

Da lag sie nun auf ihrer Liege, die überhaupt nicht gemütlich war, es ging an den Seiten abwärts, sie hatte immer Schwierigkeiten, sich bequem hinzulegen. In der Tür zum Flur war eine Milchglasscheibe, so konnte sie das Licht im Flur sehen, der orange gestrichen war. Oft dachte sie, dass dort ein Feuer brennt und versteckte sich unter der Bettdecke.

Wieder schaute ihre Mutter kurz herein, um zu kontrollieren, dass sie auch schläft, sie rührte sich nicht, bis die Mutter verschwand. Ihr Körper tat weh, jede Bewegung schmerzte, sie war noch nie vorher von ihrem Vater geschlagen worden. Sie wusste, dass es ihre Mutter war, die ihn dazu trieb, er hatte sich hinreißen lassen und sie fühlte sich verraten.

Er war also auch nicht besser als die Mutter, er war nur selten da. Aber er spielte wenigstens mit ihr, sehr gern sogar, das waren ihre schönsten Stunden. Sie dachte daran und schlief endlich ein. Morgens war sie immer die Erste, die wach wurde, meist machte sie ihr kleines Radio an und hörte Musik, bis ihre Mutter aufstand, ihr Bett aufschüttelte und die Balkontür öffnete.

Sie hasste den Morgengeruch ihrer Mutter, er quoll durch die ganze Wohnung, bis die frische Luft ihn endlich verjagte. Ihre durchsichtigen Nachthemden fand sie auch ganz schrecklich, schlimmer war aber die eine weiße Bluse, die ihre Mutter oft trug, wenn sie ins Theater ging, man konnte alles darunter erkennen. Ihre Mutter ging oft ins Theater und ließ sie allein, aber so konnte sie wenigstens in Ruhe ihren Sternenhimmel betrachten.

An diesem Morgen war erstaunlicherweise ihr Vater im Bett ihrer Mutter, sie öffnete die Tür zum Wohnzimmer, ihr Vater lag eng angeschmiegt an ihrer Mutter und das breite Bett wippte auf und ab. Er meinte freundlich, dass sie doch Musik hören und gehen sollte. Während sie also in ihr Zimmer ging, fiel ihr ein, das war etwas, was nur die Erwachsenen taten, davon hatte sie schon gehört.

Aber der Anblick war so erbärmlich, dass sie sich wünschte, nie alt genug dafür zu werden. Überhaupt hatte sie wenig Freude und Freunde, zwischen ihr und der Welt war eine unsichtbare Wand. Die Kinder, die auch im Haus wohnten, mochten sie nicht und quälten sie ab und zu mit gemeinen Worten und Mutproben, die sie bestehen musste, um wenigstens etwas Zuwendung zu bekommen.

In der Nähe gab es eine alte baufällige Ruine, dort musste sie hinauf steigen oder in die dunklen Keller der Häuser kriechen, wo das Rattengift, winzige hellrote Kügelchen, in jeder Ecke stand. Aber sie tat, was man von ihr verlangte mit klopfendem Herzen.

Sie war sehr klein und irgendwie seltsam für die anderen Kinder, sie hatte niemanden, der sie beschützte, dem sie sich anvertrauen konnte. Die älteren Mädchen erzählten den jüngeren von Rattenungetümen und Kindermördern, die ganz in der Nähe ihr Unwesen trieben. Es gab keinen Grund, ihnen nicht zu glauben. Die unermessliche Welt umher war immer zum Angriff bereit.

Der Wohnblock, in dem sie lebte, war ein Jahr vor ihrer Geburt gebaut worden, ein so genannter Plattenbau, acht Stockwerke hoch, sie wohnte im sechsten. Der Fahrstuhl war extrem laut und unzuverlässig, desöfteren blieb er grundlos stecken.

Dann kamen noch die anderen Geräusche dazu, die sie nicht einordnen konnte, vor allem nachts tönte es aus den Wänden, als wäre dieses Gebäude ein riesiges gefräßiges Monstrum und sein Verdauungsgetöse ließ sie oft wach bleiben.

Aber so lange dieses Haus nur Ratten fraß, was sie annahm, war sie einigermaßen beruhigt. Nur ihre Füße versteckte sie immer unter der Bettdecke, damit sie nicht angeknabbert werden konnten.

Es gab jedoch noch schwerwiegendere Probleme, regelmäßig passierten die ungeheuerlichsten Dinge in ihrem Zimmer. Lichterscheinungen, die im Takt wie Spinnennetze auf sie zurasten und ihr Gesicht mit einem widerwärtigen Schauder bedeckten, Sensen hießen sie.

Und dann der Schrecken schlechthin, für den sie keinen Namen hatte, ein pulsierendes schwarzes Loch auf der weißen Wand, das sich ihr gegenüber langsam vergrößerte, hinter ihr konnte sie gleichzeitig die dazugehörende Stimme vernehmen, ein lautes drohendes Röhren, als wenn jemand ein Tonband rückwärts abspielen würde.

Verstehen konnte sie die Worte nicht, aber den Sinn begriff sie schon, etwas Dunkles war in ihrer Nähe, etwas Tödliches.

Um sich zu beruhigen, schlug sie mit ihrem Kopf auf das Bett, manchmal kniete sie auch davor und ihre Stirn wurde wund von den vielen Schlägen auf die Bettkante. Rhythmisch schnell mussten diese aufeinander folgen, jede Pause würde für die unheilverkündenden Laute Raum lassen.

Während sie das unheimliche Geschehen auf diese Weise bewältigte, versuchte sie sich eine besondere Freude zu bereiten, ihre Lieblingsfantasie war ihre eigene Beerdigung.

Sie lag im Grab, konnte aber von oben alle weinen und klagen sehen, jedes Mal brach sie in schrilles Gelächter aus, so sehr amüsierte sie diese Vorstellung und sie vergaß dabei, was sie augenblicklich umgab. Oft kam dann ihre Mutter herein und beschimpfte sie energisch, sie solle endlich Ruhe geben.

Mit dem Benehmen ihrer Tochter war sie völlig überfordert, fragte aber nie genau nach, was denn los sei. Eigentlich erkundigte sie sich überhaupt nicht, wie es ihr geht und was sie so beschäftigt, auch deshalb fühlte sie sich ihrer Mutter nicht sonderlich verbunden.

Ständig stand diese vor dem Spiegel, machte sich schön, sie hatte lange blonde Haare und ein großes Gesicht. Aber ihre Hände waren unangenehm, ihre Berührungen nicht warm. Ihre Mutter zeigte auch kein Interesse für ihre Träume, das fand sie langweilig und vor allem nervend, wenn ihre Tochter sie weckte, weil die voller Entsetzen mitten in der Nacht auffuhr.

Oft bevölkerten überdimensionale Raupen ihre Alpträume, die sie zertreten musste, was so abscheulich war, dass sie dieser Anblick noch Tage verfolgte. Auch hatte sie das Gefühl, dass kleinere Raupen in ihrem Bett wohnten. Die Nächte waren unerträglich und ihre schlichte Liege eine Falle.

Dann gab es noch ganz seltsame Begegnungen im Schlaf, ständig lief ein fremder Junge im Kreis um sie herum, wollte aber nicht näher kommen, dann tauchten große Messer auf, die an sie heran rückten und Fleischstücke aus ihr heraus schnitten. Es tat überhaupt nicht weh, im Gegenteil, es bereitete ihr eine unbekannte Lust, besonders das Aufspießen ihres eigenen Körpers auf einen riesigen scharf geschliffenen Dolch.

Sie erzählte niemandem davon, es würde ihr sowieso keiner glauben, was sie im Schlaf und auch im Wachzustand erlebte. Sie fühlte einen Schrecken in sich wohnen, ein verbotenes Gebiet des Grauens, das sie nicht aus sich herausbringen konnte. Und das schottete sie noch mehr von der Außenwelt ab. Sie begann allmählich ihren eigenen Körper zu hassen, fand ihn widerlich, er war eine Hülle, die nicht ihr gehörte. 

Ihren Vater hörte sie oft lachen, es amüsierte ihn und sie wollte ihm gefallen. Sie bewunderte ihn, sie vergötterte ihn. Wenn er mit ihr spielte und sie mit seinen Augen anstrahlte und manchmal auch komische Geschichten erzählte, war sie unendlich selig. Aber das waren seltene Momente, meist war sie allein zu Haus und verwandelte ihre bunten Murmeln in Königshäuser mit Prinzen und Prinzessinnen.

Am Tage war die Aussicht aus ihrem Fenster nicht so spannend, gegenüber stand auch ein Plattenbau, gelblich mit schwarzen Linien, dahinter ragte ein Schornstein in den Himmel, der war schon sehr weit weg. Wenn sie hinab sah, konnte sie nur Gebüsch erkennen und drei Pappeln, die schon fast mit ihren Spitzen ihr Stockwerk erreicht hatten.

Ihr Zimmer sah tagsüber völlig harmlos aus, mit hellen Möbeln, gestreifter Tapete und einem blauschwarzen Teppich, der manchmal einen Vorgeschmack auf ihre Nächte preisgab.

Wenn sie sich lange genug konzentrierte, erkannte sie darauf nur hämische Fratzen, so sehr sie auch nach Feen und Zauberern Ausschau hielt. Sie hoffte, dass jene ihre Sehnsucht nach Erlösung bestimmt irgendwann erfüllen würden. Sie wünschte sich weg aus dieser Welt, es musste einen Ausweg geben. Mit Bangen dachte sie daran, dass sie noch lange zu leben hatte.

Aber es gab auch manchmal dieses Wunder in ihr, nächtliche Träume voller Schönheit, nahe Sterne, unglaubliche Muster und Farbenspiele am Himmel und immer wieder die funkelnden Lichter, die sie fast berühren konnte, sie schwebte ihnen hinterher.

Doch schon taten sich Wolken auf und bedeckten nicht nur diese Pracht, sondern fielen wie schwere Steine auf die Erde, sie hatte Mühe, ihnen auszuweichen. Hinter jeder Ecke lauerte ständig eine unberechenbare Angst, und sie konnte sich nicht daran gewöhnen.

Eines Abends, ihre Mutter war wieder mal im Theater, wollte sie ihr eine Freude machen und nahm aus dem Kühlschrank ein paar Äpfel. Sie mochte keine Äpfel, aber ihre Mutter meinte, die seien gesund, sie solle sie essen. Also nahm sie drei Äpfel und warf sie aus dem Fenster. Am nächsten Morgen erzählte sie stolz, dass sie drei Äpfel gegessen hatte, ihre Mutter nickte nur kurz und ging ans Telefon, das neben dem großen Spiegel stand.

Nachmittags hatte sie eine Idee, sie wollte nach den Äpfeln schauen und bat ihre Mutter, kurz nach unten gehen zu dürfen. Die war einverstanden und sowieso anderweitig beschäftigt.

Die vielen Treppen sprang sie schnell hinunter und bog um die Ecke in das Gebüsch, niemand hatte sie dabei beobachtet, sie fühlte sich relativ sicher, obwohl sie sich natürlich vor den Ratten fürchtete. Aber da war keine Ratte, sie fand alle drei Äpfel nebeneinander und alle drei waren zersprungen und kaputt.

Das gefiel ihr, diese Erkenntnis war die wertvollste, die sie bisher gewonnen hatte. Sie spann den Faden weiter, wenn sie selbst aus dem Fenster springen würde, dann wäre ihr Körper auch kaputt, das hieße dann, tot zu sein. Davon erzählten die anderen Kinder, die meisten konnten es aber nicht richtig erklären.

Was aber mit ihren Gedanken und mit dem nächtlichen Spuk werden würde, das erklärte sie sich so, diese dunkle Stimme war der böse Tod, der Quäler, und der andere Tod, wenn der Körper zerspringt, war der gute, der Erlöser.

Dann dachte sie an ihre Mutter und an ihren Vater, gleichzeitig fiel ihr das Bild ihrer eigenen Beerdigung wieder ein und der Spaß, den sie dabei hatte. Nur diesmal wurde sie traurig. Trotzdem verfestigte sich der Gedanke in ihr und sie nahm sich vor, sie würde springen und ihr Leib würde zerbrechen.

Nur musste sie einen günstigen Zeitpunkt wählen und der findet sich, da war sie sich sicher. Wieder kam eine Nacht mit dem pulsierenden schwarzen Loch, wieder die Stimme mit den verzerrten düsteren Worten, doch plötzlich glaubte sie, etwas zu verstehen.

Aus der Welt fallen, den Tod beenden, die Welt beenden, aus dem Tod fallen. Nur diesmal hatte sie keine Angst, sie verstand es als Zeichen, die bösen Kräfte hatten keine Macht mehr über sie. Nun warteten die Feen und die guten Geister, einen glitzernden Empfang aus allen Sternen würden sie ihr bereiten.

In frohgemuter Erwartung hastete sie zum Fenster und stand noch eine Weile barfuß auf den kalten grauen Steinen.

Die Sterne schienen so verheißungsvoll, sie öffnete ihre Pforte und kletterte kichernd hinaus.

 

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