Fall

Früher war dieser Ort eine Kleinstadt mit drei Kneipen und es gab sogar ein kleines Landestheater, die Kneipen waren voll, das Theater nicht. Alles sah runter gekommen aus, die gelblich braune Farbe war dominant, selbst der Bach war so gefärbt. Es war die Farbe der Hoffnungslosigkeit. Aber man verstand sich gegenseitig, es gab nicht viel zu tun. Der Alkohol war der ständige Begleiter und stärkte das Zusammengehörigkeitsgefühl. In der Kirche gab es einen Pfarrer, der ein kleiner Lichtblick war.

Dann kam der November, grau und passend zu den Fassaden, wie immer saßen die Männer in den Kneipen, doch dann sahen sie glückliche Menschen im Fernsehen, die auf der Mauer tanzten. Hier gab es keine Mauer, aber nach und nach wurden die Häuser gestrichen, die Kneipen renoviert, selbst der Bach wurde wieder klarer.

Maria lebte mit ihrem Sohn allein, ihr Mann hatte über die Jahre zu viel getrunken und starb kurz nach dem Mauerfall, das war ihre ganz persönliche Wende. Sie kam nicht mehr zurecht, obwohl sie einen festen Job in einer Bäckerei hatte. Sie war sehr pflichtbewusst und ließ sich nicht anmerken, dass sie viel Kraft brauchte, um den Tag zu überstehen. Sie fühlte sich leer und hilflos, dazu verlor sie die Orientierung in ihrer eigenen Stadt, es wurde viel gebaut und alles neu gemacht.

Eigentlich sollte es sie doch genauso freuen, wie es ihren Kolleginnen gefiel, die stolz darauf waren, wie schön nun ihre Kleinstadt aussah, für Maria blieb sie düster, sie hatte Depressionen, kannte aber noch nicht einmal dieses Wort. Sie verlor den Anschluss und wusste nicht mehr, worüber sie reden sollte. Was sie im Fernsehen sah, bedrohte sie nun, es könnte alles ebenso auch hier passieren.

Früher fand hier gar nichts statt, nun rannten die Menschen dem Geld hinterher, es gab viele Geschäfte, nur für das kleine Theater interessierte sich kaum jemand. Ebenso blieb die Kirche am Sonntag leer. Sie konnte sich nie vorstellen, dass es einen Gott gab, sie bedauerte dies, konnte es aber nicht ändern, vielleicht hätte sie einen Halt gehabt.

Ihr Sohn ging nun in die Schule, auch er war schweigsam und ein Einzelgänger, froh war er nur, wenn seine Mutter bei ihm war und mit ihm spielte, sie verstanden sich ohne Worte, beide gehörten nicht wirklich in diese Welt. Auch als er älter wurde, änderte sich nichts an ihrem Verhältnis, wie Verschworene hielten sie zusammen, niemand sonst hatte Platz in ihrem Leben.

Dann kam der Schock, sie verlor ihre Arbeit, den Kollegen war sie unheimlich und zu eigenwillig, anscheinend konnte sie sich nicht gut anpassen an die neue Zeit. Zunächst bekam sie noch Arbeitslosengeld, aber dann kam Hartz IV, sie wurde immer trauriger, es gab keine Alternative mehr, sie saß in der Falle und konnte gerade so ihre Wohnung bezahlen.

Ihr Sohn verließ die Schule, er wollte seine Mutter, die jeden Tag apathisch in der Küche saß, nicht allein lassen. Auch er wurde Hartz IV-Empfänger und fühlte sich verraten, vor allem, dass man sich auf dem Amt in sein Leben einmischen wollte, das gefiel ihm gar nicht. Er wollte keine Hilfe, er brauchte keine, es war sein Leben und das seiner Mutter, die er vergötterte.

Das Schicksal würde sie nie trennen, sie wollten alles teilen. Auch, als das Essen knapp wurde, bekam jeder eine kleine Ration. Sie beschlossen, nicht mehr zu den Ämtern zu gehen und Anträge zu stellen, es fragte auch niemand, keiner suchte und besuchte sie. Die Nachbarn waren mit sich beschäftigt und für die Miete reichte es noch eine kleine Weile.

Es gab nur noch Brot und Marmelade, Wasser und ein wenig Tee, und das jeden Tag, aber es wurde weniger und weniger. Mutter und Sohn verbrachten die Tage nur noch im Liegen, damit sie nicht so viel Energie verbrauchen, auch gingen sie nicht mehr auf die Straße, um vielleicht doch noch etwas Essbares zu finden. Aber sie waren merkwürdig froh, der Hunger hatte sie wach gemacht, als hätten sie sich mit Tabletten aufgeputscht.

Die Aussicht, dass es bald vorbei war, dieses unberechenbare Leben, diese Angst in der Welt zu sein, die Panik, wenn andere Menschen etwas forderten, bewirkte eine innere Freude. Sie fühlten sich als Komplizen, zusammen unbesiegbar in ihrer kleinen Wohnung, niemand störte, die Welt blieb draußen, auch den Fernseher schalteten sie nicht mehr ein.

Sie lagen einfach da und schauten sich an, es konnte nicht mehr lange dauern.

Eines Morgens sagte Maria zu ihrem Sohn das Wort, das sie immer ganz vertraulich in sein Ohr flüsterte, aber er rührte sich nicht. Seine Augen blieben geschlossen, er sah so schön aus. Plötzlich klingelte es, sie erschrak und schleppte sich zur Tür, da stand ein Beamter, der nachsehen wollte, ob alles in Ordnung sei, Nachbarn hatte die Polizei alarmiert, weil sie seit Monaten nichts mehr gehört hatten.

Dem Beamten kam ein strenger Geruch entgegen, er bat, eintreten zu dürfen, was sie jedoch verweigerte, er hätte kein Recht dazu, sie würde auch kein Geld vom Staat nehmen. Kurze Zeit später verschafften sich mehrere Männer Zutritt in die Wohnung, sie bargen den Leichnam des Sohnes, seine Mutter brachten sie ins Krankenhaus, wo sie kurze Zeit später verstarb.

Keiner hatte das kommen sehen, niemand machte sich darüber Gedanken, warum beide nicht mehr auf den Ämtern erschienen waren, um Anträge zu stellen oder eine Arbeit zu finden. Sie blieben Nummern in einem bürokratischen schwarzen Loch. Auch den Anwohnern war ihre Abwesenheit nicht wirklich aufgefallen, nun waren sie entsetzt.

Die Häuser waren schön bunt angemalt, aber darin herrscht manchmal die Angst vor dem Leben.

 

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