Gotthold

Dieser Name ist selten und merkwürdig, und doch sollte er für das Verhängnis ihres Lebens stehen.

Gotthold, wie ein Mantra saß es in ihrem Kopf, als wäre es immer dort gewesen, mit der menschlichen Begegnung wurden diese Buchstaben nur freigelegt wie ein Stein, der vom Sand befreit wird und sich zeigt, um für immer in Erinnerung zu bleiben. Gotthold gehörte zu den Menschen, die alles daran setzten, um nicht vergessen zu werden, die den Ruhm wollten und auch bekamen.

Sie kannte ihn nicht, da sie aus dem Osten kam, und die Mauer sehr widerstandsfähig war. Noch vor der Wende hatte sie die Gelegenheit, in den Westen zu reisen, nutzte sie und blieb. Dieser Überfluss von allem, was man kaufen konnte, ließ sie vieles übersehen, die vielen Bücher, die sie nie würde lesen können, deprimierten sie. Etliche Kunstbände gingen in den ersten Monaten durch ihre Hände, doch einen merkte sie sich, und auch das Datum und die Umstände, als sie diese schockierenden Bilder betrachtete.

Zwanzig Monate später trat dann derjenige, der diese Bilder gemalt hatte, in ihr Leben, doch zuerst nahm sie keine Notiz davon. Sie arbeitete am Theater, es war ihr Traum, den sie lebte, und das Theater war richtig gut, so wollte sie den Rest ihres Lebens verbringen. Sie hatte gerade nichts zu tun, schaute aber, wenn sie durfte, bei anderen Proben zu.

Es war der Tag, an dem ihre Mutter Geburtstag hatte, die vergebens darum kämpfte, als Malerin und Künstlerin anerkannt zu werden. An diesem Tag war sie in einem japanischen Restaurant mit ihren Kollegen, und dann kam Gotthold mit Ehefrau und dunkler Sonnenbrille und sprach dauernd vom Licht.

Er und sein Freund Heinz waren hier für eine Produktion am Theater für ein paar Wochen tätig. Sie hatte sich darauf gefreut, denn sie mochte den etwas derben Heinz sehr. In den nächsten Tagen traf sie Gotthold öfter im Theater, er war ihr unheimlich, war ein sehr femininer, großer Mann, der eine vitale Energie ausstrahlte, was sie zutiefst irritierte. Aber sie fühlte auch eine große Freude, wusste nicht, woher die kam, die Welt sah richtig nett aus, irgendetwas hatte ihre Schutzmechanismen durchbrochen, sie lief wie losgelöst durch die Stadt, durch das Theater.

Mit einer damaligen Freundin ging sie in eine Kneipe, da tauchten Heinz und Gotthold auf, setzten sich zu den beiden, Gotthold rauchte und fixierte ihre Freundin. Am nächsten Tag bemerkte sie, wie Gotthold sie anstarrte. Er hatte Besuch von seinen Kindern bekommen und nutzte die Gelegenheit, während er von seinen Kindern sprach, seinen Arm um ihre Schultern zu legen. Von dieser Berührung war sie derart getroffen, dass sie verstört den Raum verließ, so etwas kannte sie noch nicht, ihr Atem stockte, und dieser Stromschlag ließ sie nicht mehr los. Sie hatte seine Nähe nie gesucht, durch seine dunkle Brille konnte sie seine Augen nicht wirklich sehen, aber sie ahnte etwas Ungeheures darin. Nun war sie gefangen, nun entkam sie ihm nicht mehr.

Ein paar Tage vor der Premiere ging sie mit in die Kneipe, er saß neben ihr wie ein Magnet. Einen Tag zuvor hatten ihr Bekannte einen Trümmerberg gezeigt mit einen riesigen Kreuz in der Mitte, es war der erste Mai, und es war unglaublich heiß. Sie erzählte Gotthold von diesem Berg und auch, dass ihr Auto in der Werkstatt war, weil sie jemandem hinten rein gefahren war. Gotthold bot ihr sein Auto an, wenn sie dahin fahren wolle, und sie nahm an und fuhr mitten in der Nacht allein zu diesem Berg und ging die halbe Stunde hoch durch die Dunkelheit, bis sie das Kreuz sehen konnte, es war grausig so allein, aber sie wollte mutig sein.

Sie brachte ihm sein Auto zurück, im Hotelzimmer saßen Heinz und Gotthold und schauten Pornos. Sie fand das ziemlich witzig, auch wenn sie Pornos sehr langweilig fand. Heinz ging plötzlich, und Gotthold erzählte aus seinem Leben, was er zuerst gemalt hatte, und wie es dann weiter ging und der Erfolg kam. Er fragte sie, was sie über de Sade und Sacher-Masoch wüsste und nannte sie sein Kind, da sie die beiden nicht einordnen konnte. Es wurde hell, und er brachte sie noch zum Ausgang und umarmte sie zum Abschied, sie spürte eine überwältigende Kraft, sie wollte dem eigentlich schnell entfliehen. Sie erinnerte sich an ihre erste Liebe, so ein Gefühl war es, das war sieben Jahre her. 

Am nächsten Tag sah sie ihn in der Kantine, er gab ihr einen Kuss auf den Mund zur Begrüßung, sie wollte sich noch weg drehen, es gelang nicht. Am Abend ging sie wieder mit in die Kneipe, aber sie wurde ernster, Gotthold ging es gut, er bat sie, ihm den Trümmerberg zu zeigen. Also fuhren die beiden dorthin und liefen in einer sternklaren Nacht die Windungen der Hügels hinauf. Sie hielten sich an den Händen, beide hatten warme und zärtliche Hände, und sie küssten sich auf diesem Trümmerberg. Er fand den Ort sehr mystisch und besonders.

Im Hotel redeten sie nicht, sie küssten sich und blieben angezogen im Bett, es wurde hell, sie schliefen ein wenig. Heinz saß im Frühstücksraum und wartete auf Gotthold, er war nicht erstaunt, sie dort zu sehen, Hunger hatte sie keinen.

Es gab noch viel zu tun vor der Generalprobe, und sie ging zu sich nach Hause. Sie wollte nicht über die Nacht nachdenken, so nahe war sie dem Glück noch nie gekommen, aber auch dem Abgrund, dunkel, sehr dunkel könnte es werden. Im Theater suchte sie ihn, sie bemerkte, wie er sich freute, sie zu sehen, er gab ihr einen Kuss, wenn er weg musste, ohne sich darum zu kümmern, ob das jemand sah, sanft war die Berührung und doch so brennend.

Sie zog sich um für den Abend, ein schwarzes rückenfreies Kleid, als sie ihn wieder sah, spürte sie die tiefste Freude, die sie je gekannt hatte, so viel Glück hing an diesem Menschen. Heinz sah das und schüttelte bestürzt den Kopf. Nach der Probe gingen wir wieder in diese Kneipe, sie saß zwischen den beiden, Heinz war angriffslustig und verärgert über diese Leidenschaft, er sagte noch zu ihr, dass sie wirklich Pech hätte, worauf sie erwiderte, dass sie das gewöhnt sei.

Gottholds Hände brannten auf ihrem Rücken, so sehr sie seine Berührungen liebte, nun kehrte sich die Sanftheit in glühenden Schmerz um, aber sie ertrug es. Heinz malte eine Figur auf ihren Rücken und schrieb Mama dazu, Gotthold malte eine Sonne. Heinz hatte die Idee, Freeschach zu spielen, einer macht einen Zug, der nächste einen schlimmeren, so warfen sie Gläser um, und die Runde geriet fast außer Kontrolle. Es folgten verbale Züge, Heinz meinte, sie auf den Tisch flachlegen zu wollen, Gotthold würde ihn dafür aus dem Fenster werfen, dann hörte es auf, etwas Ungutes saß mit am Tisch.

Sie saß in seinen Armen, sah sein schönes Profil und seine wunderbaren Hände und wusste, nie würde sie das vergessen können, nie. Alle waren leicht angetrunken, sie fuhren Heinz zu seinem Quartier und dann ins Hotel.

Gotthold meinte, dass er mit ihr reden müsse, dass er sie wirklich gut fände, seine Frau sei aber in Ordnung, sie fragte, ob sie denn käme zur Premiere, was er befürchtete, wie er sagte. Und dass er ihre Freundin damals so anstarrte, um sich zu schützen, dass er daran dachte, mit ihr zu schlafen, aber eben nur daran gedacht hatte. Sie fragte ihn noch, warum er so reagierte, worauf er meinte, dass er sie liebt, ohne e, weil ich Dich lieb, und dass er sie zu oft gesehen hätte. Er fand, dass sie sich morgen auch noch sehen könnten, sie konterte, wohl zum Kaffee trinken, was er zynisch fand.

Und immer eine Du, Du und ein Oh Gott, genervt fragte sie, warum er immer nur die Hälfte seines Namens nannte, er war kein Gespräch, es waren nur Fetzen von Sätzen. Sie wollte ihm sagen, dass sie ihn wirklich liebt, aber sie brachte nur ein wahnsinnig gern haben heraus. Beide blieben angezogen, aber er warf ihr Unkeuschheit vor, was sie nun gar nicht begriff, er war streng katholisch in Wien erzogen, eine andere Welt, seine Sprache hatte oft auch andere Bedeutungen, so fand er den Abend lustig, obwohl es nun alles andere als lustig war, auch dass er sein Leben in die Reihe gekriegt hätte, und nun so was.

Er hatte immer seine Brille aufbehalten, und nun mitten in der Nacht nahm er sie ab, sie sah in seine Augen und ein Schlag durchzuckte ihren Körper, irritiert setzte er seine Brille wieder auf. Sie hatte keine Worte für das, was sie in den Augen gesehen hatte, es war eine Art Spiegel, es ging nicht um ihn, es ging um sie, sie war verloren, rettungslos, sie war erst dreiundzwanzig Jahre alt. Sie konnte nicht neben ihm einschlafen, er glaubte es ihr nicht, fand sich schon so alt, er war einundvierzig Jahre. Die Vögel machten ziemlichen Lärm, und sie schliefen doch ein.

Als sie aufwachte, war er nicht mehr da, sie bekam die schlimmste Angst, die sie bis dahin gekannt hatte, er war weg, und sie saß im Zimmer und verlor mit diesem Moment ihre Seelenruhe. Sie ging sofort nach Hause und später ins Theater. Als Gotthold sie sah, küsste er sie und wurde rot, schüttelte wortlos den Kopf, er hatte noch ein Interview am Nachmittag, sie könne doch dazu kommen.

Sie ging in ihre Garderobe, und stellte sich mit ihren Sachen unter die kalte Dusche, und so nass ging sie dann in das Café, dort saßen Heinz und Gotthold. Heinz sagte nur zu ihr, dass sie ein Teufel sei, sie ignorierte es, Gotthold saß breitbeinig und zufrieden auf dem Sofa, von ihm ging eine helles Licht aus, und das brannte sich in ihr Herz und Hirn.

Da war auch schon die Journalistin, die die ganze Zeit Fragen stellte, als sie sich verabschiedete, war keine Zeit mehr für ein paar Sätze, Gotthold ging überstürzt, und sie bleib allein zurück, leer.

Für die Premiere zog sie sich um, einen schwarzen Hosenanzug. Die Vorstellung lief wie ein Film ab, den sie nicht verstand. Am Ende gingen beide, Heinz und Gotthold auf die Bühne, sie sah ihn und ihr wurde wieder warm. Zur Premierenfeier kamen viele Leute, die sie nicht kannte, seine Frau war auch da mit langen offenen Haaren, aber in ein Gespräch vertieft. Gotthold stand da und redete ganz entspannt, der Abend war ein Erfolg, und das zählte.

Sie hatte das Gefühl, dass sie diese Veranstaltung gegen ihre Gewohnheit schnell verlassen sollte, sie unterhielt sich kurz mit ihrer liebsten Kollegin und sagte ihr, dass sie für diesen Mann durch die Hölle gehen würde, diese erwiderte, dass er doch so komische Hemden an hatte. Das stimmte, Stil hatte er wirklich nicht, die Schlangenlederstiefel und eben die karierten Hemden passten so gar nicht zusammen.

Sie ging zu Gotthold, um sich zu verabschieden, er küsste ihr die Hand und sagte mit seiner sanften Stimme, dass er ihren ganzen Körper bemalen wolle und sie demnächst anrufen werde. Völlig durcheinander saß sie später in ihrem Zimmer und trank eine Flasche Wein, bevor sie schlafen konnte. Sie fühlte sich verlassen und nicht mehr am Leben, anderseits hatte sie noch Hoffnung, er würde anrufen, und sie würden zusammen sein.

Sie spürte eine unerträgliche Sehnsucht nach ihm, ein Verlangen, das sie nie gekannt hatte und jeden Rahmen, den sie aus der Literatur oder durch das Theater kannte, sprengte. Diese Mischung aus Begierde und Angst, Furcht vor dem Verlust ihrer Liebe, dass sie in diesem Leben kein Glück bekam, besser gesagt, dieses Glück, was sie durch ihn empfand, was ihr mehr als alles andere bedeutete, für immer verlieren könnte. Selbst ihre Arbeit kam ihr nun sinnlos vor, die anderen Menschen waren fremd, ihre Umgebung wurde ihr egal, ihr Spiegelbild unerträglich, ganze Seiten beschrieb sie mit dem Namen Gotthold.

Vor dem Theater war ein Brunnen, da saß das Schicksal mit stechendem Blick. Hatte sie vorher noch über vieles gelacht, war ihr jetzt jede Fröhlichkeit abhanden gekommen, das Schicksal hatte zugeschlagen, es konnte gar nicht pathetischer sein, noch wollte sie das nicht wahr haben. Ihr Wille zum Glück war ungebrochen, aber die Zerstörung nahm ihren Lauf.

Sie bekam keinen Vertrag mehr am Theater und Gast wollte sie nicht sein, sie schmiss also hin mit allen Konsequenzen. Wenn sie den Mann ihres Lebens nicht haben durfte, wollte sie gar nichts haben, so schwirrte es in ihrem Kopf, sie machte den schlimmsten Schachzug gegen sich selber. Die Brücken waren abgebrochen, sie hatte das Gefühl zu fallen, immer tiefer, vollkommen haltlos, der Tod schien nahe, und es hatte etwas Verlockendes, jetzt sterben zu können, doch so leicht stirbt man nicht.

Dann kam der Anruf nach vier Tagen, Gotthold fragte, ob sie ihn sehen wolle, sie konnte nichts sagen, er meinte, dass es ihm gut gehe und war erschrocken, dass sie das Theater hingeworfen hatte, er hatte sie so sanft erlebt, nun sei sie so wild. Er wollte wieder anrufen und legte auf. Sie war starr, und sie wusste, das war der letzte Anruf gewesen, sie rief einen Freund an und redete über irgendwas, plötzlich sah sie in der Küche eine schwarz verhüllte Gestalt sitzen, die ein Goldstück fallen ließ, doch bevor es am Boden lag, war es plötzlich wieder in Hand, und damit verschwand das Ganze, nur die Türen waren eigentlich zu, sie hatte durch die geschlossenen Türen sehen können. Sie erzählte es sofort am Telefon, der meinte, sie wäre auf einem Trip, aber sie hatte nur Wein getrunken, den brauchte sie, um schlafen und sich ablenken zu können.

Etwas schien sich für immer geschlossen zu haben, eine Entscheidung war über ihren Kopf hinweg gefällt worden, wie ein Fallbeil, das sie nun vom Leben getrennt hatte, sie war noch auf der Welt, aber einen wirklichen Zugang hatte sie nicht mehr. Die Menschen gingen an ihr vorüber, als wäre sie nicht mehr da, ihre Kollegen hatten das Interesse verloren, keiner schien sich um sie mehr Gedanken zu machen.

Sie sah alles sehr deutlich, aber sie war aus der Zeit gefallen, sie selbst hatte es herausgefordert, sie strahlte das aus, wovor sich alle Menschen fürchten, Elend, Schmerz, Verzweiflung und ewige Verbannung darin. Aber sie versuchte, sich dagegen zu wehren, sie war doch noch so jung und kräftig, voller Leben, aber nach und nach verfiel sie, inzwischen hatte sie die Stadt gewechselt, arbeitete beim Fernsehen, aber sie war völlig isoliert.

Sie konnte nicht mehr schlafen, hatte Angst vor den Fensterkreuzen, und sie betete zu Gott, ihr wenigstens diesen Mann zu geben, nach dem sie sich verzehrte, sein Gesicht sah sie ständig vor ihrem geistigen Auge. Wenn sie nachts von ihm träumte, wollte sie nicht mehr aufwachen, aber sie hatte ihn sehen können, wenn auch seltsam distanziert. Wäre er doch nur ein armer Maler gewesen, und sie hätten ein normales Leben haben können.

Sie rechnete aus, wie lange sie auf ihn warten müsse, bis seine Kinder groß sein würden, so mindestens fünfzehn Jahre würde es dauern. Und sie begann sich mit seinen Bildern auseinander zu setzen, die waren grausam, unheimlich und verstörend und entsprachen ihrer Situation, die sich zusehens verschlimmerte.

Ihren eigenen Blick im Spiegel konnte sie nicht mehr aushalten, er war so stechend wie Gottholds Augen gewesen waren. Ihr fiel ein, dass sie als Kind schon einmal so angeschaut wurde von einem Fremden, der Ausdruck entsprach der Äußerung, dass er sie töten werde, sie war damals in Panik davon gerannt. Auch Gottholds Augen hatten diese Gefahr für sie in sich, und nun waren es ihre eigenen Augen, die sie anstarrten mit dem Subtext, dass sie nicht mehr entkommen könne.

Immer wieder fielen ihr die Zeilen von Gretchen ein, meine Ruh ist hin, mein Herz ist schwer, ich find sie nimmer und nimmer mehr, und ein Lied, welches sie so gern hatte, es handelte von Liebe und Abschied, der Geliebte ging einfach, so kommst du auch nicht wieder, Herzallerliebster mein.

Ihr Herz tat weh, jede Minute, es war als würde ein Stein, der nach unten zog, in ihrem Körper sein. Ihre langen blonden Haare hatte sie abgeschnitten, sie bekamen einen Grauschimmer, ihre Lippen waren weiß geworden, ihre Haut gelblich und die Ringe unter den Augen violett wie bei einer Leiche.

Sie hörte oft die Winterreise von Schubert und begriff ihre eigene Winterreise, sie fügte sich langsam in ihr Schicksal, sie hatte keine Kraft mehr, sich zu wehren. Aber sie wollte doch so sehr leben, hatte so viel Liebe zu geben, so viel Zärtlichkeit, und Kinder wollte sie haben, eine Familie.

Unerträglich war es, wenn sie fröhliche Menschen mit Kindern aus der Straße sah, die sich grüßten und umarmten. Ihre Oma hatte ihr von ihrer ersten Liebe erzählt, er war im Krieg gefallen und hatte einen ganz ähnlichen Namen wie Gotthold, es wunderte sie schon nicht mehr.

Als Frau fühlte sie sich nicht gewollt, nicht begehrt, abgelehnt, ein bitteres Los hatte sie gezogen, sie überlegte, ob sie in ein Kloster eintreten sollte, da hätte sie vielleicht überleben können.

Oder sie wünschte sich in einem Verließ eingesperrt zu sein, wenn sie ihn doch wenigstens einmal im Jahr sehen dürfte, ihn nur sehen.

Sie fasste Mut und rief ihn an, sagte, dass es ihr schlecht gehe und bat ihn um ein Treffen, er willigte ein, und einen Monat später traf sie ihn in einem Restaurant. Er war sehr distanziert, sie redeten etwas, sie konnte nicht in seine Augen sehen, aber sie spürte immer noch diesen Bann und fühlte sich wieder lebendig. Aber er war ganz woanders und meinte trocken, ob sie immer noch daran denke, es sei doch so lange her, er hätte viel zu tun und wünschte ihr alles Gute, sie brachte ihn am nächsten Tag noch zum Flughafen, schnell war Gotthold verschwunden.

Sie war wie gelähmt, konnte sich nicht mehr an das Gespräch erinnern, sie lief nur die ganze Nacht durch die Wohnung, trank Wodka, was sie sonst nie tat, und redete mit sich selbst, immer nur einen Satz, nur nicht wahnsinnig werden, nur nicht wahnsinnig werden. Sie arbeitete zwar noch, sah aber immer schlechter aus, als hätte sie eine tödliche Krankheit, dazu kamen die Aufenthalte in Kliniken, sie war erstaunt, dass es immer noch schlechter werden konnte, es gab kein Ende, keinen Schluss. Für eine Weile ging sie nach Wien, um die Leute dort im selben Dialekt sprechen zu hören wie Gotthold sprach, es ruinierte sie noch mehr.

Merkwürdige Menschen kreuzten ihren Weg, alle waren irgendwie kaputt und gaben ihr zu verstehen, dass sie nun auch zu diesen Verlorenen gehörte. Eine Frau sagte ihr, das Schicksal hätte für sie eigentlich einen anderen Platz gehabt, aber sie hätte ja eine Familie zerstören wollen, nun musste die diesen Kelch annehmen. Daran hatte sie nicht gedacht, sie wollte kein Leben zerstören und fühlte sich dafür schuldig, einen verheirateten Mann zu lieben.

Es gab auch keinen anderen Mann, alle verglich sie mit ihm, aber sowieso hatten selbst Männer, die ihr gefielen, kein Interesse an ihr, nur die, die sie auf der Straße auf einen Fick ansprachen, sie war bedroht und hilflos, das merkten die anderen und versuchten, es auszunutzen. 

Sie versuchte, sich zu retten, noch nicht sterben, aber niemand konnte ihr helfen, auch Ärzte waren überfordert, man hielt sie für krank, sehr krank. Aber ihre Situation verbessern konnte keiner, obwohl sie in verschiedene Kliniken ging, es wurde nur noch schlimmer, langsam gab sie auf, sie sah so schlecht aus, dass frühere Bekannte auf der Straße an ihr vorbei liefen, sie gab sich auch nicht mehr zu erkennen.

Völlig Fremde sagten, dass sie wohl nicht mehr lange leben würde, und sie spürte den herannahenden Tod schon, wehrte sich jedoch, indem sie mit Mühe Nahrung zu sich nahm.

Sie wollte Gotthold sehen und fuhr zu einer Ausstellungseröffnung, er war überrascht und freundlich, wechselte ein paar Worte, wo sie denn jetzt lebe, das war alles, seine Frau stand in einer anderen Ecke. Als sie ging, schaute er ihr sehr intensiv hinterher.

Sie hatte in diese Welt keinen Eintritt mehr, man mied sie, sogar die eigene Familie hielt Distanz, selber helfen konnte sie sich nicht. Sie rief Gotthold noch einmal an, um ihm zu sagen, dass sie für ihn nur ein Spielzeug war, er verneinte, er hätte sehr wohl gemerkt, was daraus werden konnte, aber er habe Verantwortung für die Menschen, mit denen er arbeitet.

Sie rutschte immer tiefer, konnte noch nicht einmal das Geringste bewältigen, rauchte Unmengen von Zigaretten und trank Bier, Wein und Kaffee. An einem gewissen Punkt angekommen, hatte sie plötzlich nicht mehr nur um sich Angst, sondern glaubte, dass die ganze Welt untergehen könnte, sie war sich ziemlich sicher, dass nur sie allein, diese Welt vor dem Untergang retten kann, sie musste nur zu Gotthold gehen und ihm das sagen, was sie sich nie getraut hatte, dass sie ihn liebe, nur durch diese Worte würde der Bann gebrochen sein, viel Zeit hatte sie nicht, drei Tage.

Sie fuhr wieder in die Klinik, in der sie schon oft war, um gleich wieder panisch wegzulaufen, man fing sie wieder ein, nachts auf einer Autobahn. Ein Arzt nahm ihre Verzweiflung ernst und besorgte ihr jemanden, der sie zu Gotthold fuhr. Zuvor hatte sie dort angerufen, aber nur auf das Band gesprochen, dass sie ihn liebt. Sie schlief nicht mehr und war seltsam munter.

Sie fuhr zu ihm, allein das war wichtig, die Umgebung sah bedrohlich aus, die Verkehrsschilder waren rückwärts beschrieben, auch die Musik, die im Auto lief, spielte sich ein paar Mal rückwärts ab, selbst der Fahrer wunderte sich, das war der Beweis, dass sie nicht verrückt war, sondern dass das stimmte, was nur sie allein wusste.

Sie sah mehrere Rauchsäulen aufsteigen und bekam Angst, dass dort wieder Menschen verbrannt werden könnten. In ein paar Stunden würde es geschafft sein, dann hätte sie ihre Aufgabe hier auf Erden erfüllt und könnte endlich in Ruhe sterben. Als sie ankam, wurde sie von Gottholds Frau empfangen, sie wusste schon, dass sie kommen würde, Gotthold selbst war noch nicht da, aber sie wollte ihn in einer Stunde vom Zug abholen.

Das taten sie gemeinsam, Gotthold verbarg sein Entsetzen über ihr Aussehen, er hätte sie wohl nicht erkannt und sagte nur, was sie für Sachen mache. Seine Frau machte ihr einen Vitamintrank, sie war sehr freundlich und neugierig. Später konnte sie mit Gotthold kurz reden, er war verstört, es lagen vier Jahre dazwischen, als sie sich kennen lernten, ihren Anruf, dass sie ihn liebte, hatte er bekommen, und meinte dazu, dass er seine Frau und seine Kinder liebe, und ins Ausland gehen würde. Sie wollte wissen, welche Augenfarbe er habe und wie alt er war, als er seine Frau kennen lernte, blau und achtundzwanzig, sie sei jetzt auch fast so alt, bemerkte sie.

Dann brachten Gotthold und seine Frau sie in eine Pension, sie konnte erstmals wieder richtig schlafen. Sie hatte es geschafft, die Welt war gerettet, nun war sie wieder auf sich zurück geworfen. Zum Abschied fragte sie Gotthold, ob sie sich wieder sehen würden, eines Tages, war seine Antwort.

Seine Frau fuhr sie zurück in die Klinik, dort wartete sie auf den Tod, aber der kam nicht, die Welt sah wieder ganz normal aus, als wäre nichts geschehen, sie durfte auch niemandem verraten, was passiert war, so schwieg sie und betete zu Gott, dass er sie zu sich nehmen solle. Sie bekam starke Medikamente, sie hätte eine Psychose, meinten die Ärzte, sie kam in eine andere Klinik, es folgten noch Jahre in etlichen anderen Kliniken, bis sie einigermaßen lebensfähig war.

Sie hatte sogar eine eigene Wohnung, und es schien, dass sich ihr Leben wieder normalisierte, sie hatte aber nie aufgehört, Gottholds Leben zu verfolgen. Er war ins Ausland gezogen und immer noch erfolgreich, vor allem in den Staaten, wo er auch einen Wohnsitz hatte, seine Kinder waren groß geworden, und er war immer noch mit seiner Frau verheiratet. Sie überlegte, wenn seiner Frau etwas zustoßen würde, ob er sich vielleicht doch für sie entscheiden könnte, diese Idee wurde immer mächtiger in ihrem Kopf.

Zufällig las sie einen Artikel über Geisterbeschwörer in Mexiko, die waren in der Lage, Krankheiten und Tod auszulösen, wenn man sie gut bezahlte. Sie überzog ihr Konto und flog nach Mexiko-Stadt, dort brauchte sie drei Wochen, um jemanden mit diesen speziellen Fähigkeiten zu finden.

Er sah ganz harmlos aus und fragte sie, ob sie sich das gut überlegt hätte, hatte sie, sie bat ihn, dass Gottholds Frau eine tödliche Krankheit bekommt. Sie hatte sogar ein Foto von ihr mit, das war auch nötig, um die richtige Person zu treffen.

Sie musste ihm die ganze Geschichte ehrlich erzählen, der Beschwörer meinte, dass es bei dieser Konstellation ein Problem gäbe, wenn sie sein Pulver, das mit dem Foto seiner Frau verbrannt werden sollte, nicht vollständig mit dem Feuer vernichtet, oder es ohne das Foto verbrennt, würde sie selbst innerhalb von Wochen eine tödliche Krankheit bekommen. In jedem Falle, wenn er diesen Stoff erst einmal hergestellt hatte, würde entweder seine Frau oder sie selbst sterben.

Sie musste sich entscheiden, ob sie wirklich bereit war für diesen Schritt, sie wollte es, in drei Tagen würde es soweit sein. Sie lief durch die Stadt, sie war heiß und voller Leben, bunt und schillernd, wie ein großes Königreich, sie war die Prinzessin, die aus Liebe ihren Umkreis verlassen hatte und nur durch den Mord an ihrer Rivalin zurück ins Leben finden würde.

Ihr Lieblingsmärchen in der Kindheit war die kleine Seejungfrau, dieses Mädchen, das aus Liebe auf Messern ging, und das letztendlich auf ihre Liebe und ihr Leben verzichtet hatte, nur damit ihr Geliebter mit seiner Frau glücklich sein kann.

Diese Geschichte ging ihr nicht mehr aus dem Kopf, wie eine Prophezeihung schien sie nun.

Als es soweit war, und sie zu dem Beschwörer ging, sah er ihr schon an, dass sie sich anders entschieden hatte, sagte jedoch nichts, er zündete schwarze Kerzen an, legte ein schwarze Decke auf den Tisch und darauf eine undefinierbare glänzende Substanz, er schaute sie an, sie hatte das Foto in der Tasche, schüttelte aber den Kopf. Er sah besorgt aus, als er sie aufforderte, dass Pulver zu entzünden, nach fünf Minuten und ein paar murmelnden Worten war alles vorbei.

Sie ging schweigend und tränenüberströmt hinaus, ihr Schicksal war nun besiegelt, sie war unendlich traurig und merkwürdig erleichtert, waren doch die letzten Jahre seit sie Gotthold getroffen hatte, auch ein Gang auf Messern gewesen.

Ihm würde nichts passieren, seine Frau würde gesund bleiben, aber sie würde sterben, ohne ihn noch einmal gesehen zu haben, sie war nun genauso alt wie er damals als sie sich das erste Mal trafen, der Kreis würde sich schließen.

Sie flog zurück nach Hause, wieviel Zeit ihr noch blieb, wusste sie nicht, aber sie setzte sich an ihren Schreibtisch, um diese Geschichte aufzuschreiben, und sie hörte andauernd die Winterreise.

In Deine Decke grab ich mit einem spitzen Stein den Namen meines Liebsten und Stund und Tag hinein, den Tag des ersten Grußes, den Tag an dem ich ging, um Nam und Zahlen windet sich zerbrochner Ring, mein Herz, in diesem Bache, erkennst Du nun Dein Bild?

 

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