Herbst

Der Herbst war ihr liebster Monat, die Farben der Blätter und der satte Geruch der Luft. Aber nur so lange es warm und mild war, die düsteren Herbststürme fürchtete sie.

Seit ein paar Tagen konnte sie Schritte auf dem Dach hören. Das war eigentlich unmöglich, dass da jemand sein konnte, den Dachboden hatte sie schon abgesucht, aber immer wenn es stürmte, hörte sie diese unheimlichen Geräusche, ihre Mutter meinte nur, das würde sich schon von allein erledigen.

Der letzte Sommer war ein besonderer, sie hatte es geschafft, sich von ihrem Mann zu trennen. Das war nicht leicht gewesen, ihr Mann war gewalttätig und unberechenbar, er wollte die Trennung nicht. Sie sollte ewig mit ihm verbunden bleiben, das hatte er gesagt, als er ging, sie sei in seinem Herzen und könne da nicht heraus. Ihr machte das nur Angst, sie wollte ihn nur noch los sein.

Sie war sehr jung, als sie ihn kennen lernte, ihre Mutter trieb sie in diese Beziehung, setzte sie unter Druck, endlich ein eigenes Leben aufzubauen und fand ihn so nett und hilfsbereit. Den Mann, den sie wirklich liebte, konnte sie nicht haben, nicht zuletzt, weil ihre Mutter ihr diese Beziehung verbot. Es war so, als wolle ihre Mutter nicht, dass sie glücklich würde.

Es gab einen tief sitzenden Hass zwischen den beiden, den sie aber nicht voreinander zugeben konnten, sie zerstörten sich nur gegenseitig, langsam und stetig, mit Kleinigkeiten im Alltag. Beide hatten keine Freunde und waren deshalb aufeinander angewiesen und machten sich gegenseitig das Leben schwer. Der Mann ihrer Mutter war schon lange gegangen, er hielt ihre tägliche Giftmischung nicht mehr aus. Als sie schwanger war, setzte ihre Mutter alles daran, dass sie das Kind abtrieb, eigentlich hatte sie sich so sehr Kinder gewünscht, aber ihre Mutter wollte eben nicht Oma werden, das passte ihr nicht.

Seit der Mann nun weg war, wohnte sie wieder mit ihrer Tochter im Haus, und es begannen die fürchterlichen Herbststürme. So saßen sie in der Küche und sprachen wieder über die Männer, für ihre Mutter waren es nur Mistkerle. Für sie war es weitaus schlimmer, sie fühlte sich immer noch bedroht und gefangen von ihrem Mann, auch wenn der nicht mehr da war. Er hatte ihr gesagt, dass er sie holen komme, und sie dann für immer vereint sein würden. Etwas in ihr ließ seine Worte innerlich nicht los wie eine nahende düstere Ahnung.

Seit einer Woche schon waren diese Geräusche auf dem Dach, sie konnte nicht mehr schlafen, ihre Mutter hielt ihr Verhalten mal wieder für übertrieben, sie konnte sich verstehen, warum ihre Tochter so ängstlich war. Den Lärm dort oben konnte schließlich auch ein Baum machen, irgendein Ast, der durch den Sturm auf die Dachziegel prallte.

Am nächsten Morgen beschloss ihre Tochter nun doch auf den Dachgiebel zu klettern, der Sturm war nicht mehr so heftig. Eine innere Stimme sagte ihr zwar, dass sie das besser lassen sollte, selbst ihre Mutter bat sie, das nicht zu tun, und genau deshalb tat sie es.

Vom Dachboden aus konnte sie nichts sehen, sie musste aus dem Fenster steigen, musste ihre Höhenangst überwinden und die Spitze der Daches erklimmen, um auf die andere Seite schauen zu können. Als sie sich dort hoch gehangelt hatte, konnte sie ein Seil erkennen, daran war etwas Unförmiges befestigt, sie kroch näher und erkannte, dass es eine menschliche Leiche sein musste, die drehte diesen Körper um, so dass sie das Gesicht sehen konnte.

Was sie sah, ließ sie innerlich erstarren, sie blickte in von Schmerz gezeichnete Gesichtszüge, die Augenhöhlen waren schon leer, der Mund mit schwarzen Lippen stand weit offen, die Haut hatte eine gelblich violette Farbe. Der höllische Schrei war so Gestalt geworden. Es war ihr Mann, der sich wahrscheinlich selbst auf diese qualvolle Weise umgebracht hatte

Sie verlor die Balance, rief ihre Mutter um Hilfe und stürzte vom Dach, sie fiel mit dem Kopf zuerst auf den Boden, das brach ihr das Genick. Ihre Mutter eilte entsetzt herbei, konnte aber nichts mehr für ihre Tochter tun. Sie ließ die Feuerwehr kommen und das Dach absuchen, als sie die Leiche ihres Schwiegersohnes sah und in sein grausiges Antlitz blickte, fiel sie auf die Knie.

Er hatte Recht behalten, er kam, um ihre Tochter zu holen, er wollte mit ihr für immer vereint sein. Sie beschloss, ihm diesen Wunsch zu erfüllen, sie ließ beide einäschern und wollte ihre Asche in einer gemeinsamen Urne beisetzen. Der Pfarrer bat sie, diesen Wunsch zu überdenken, schließlich war ihr Schwiegersohn indirekt der Mörder ihrer Tochter, aber sie ließ sich nicht davon abbringen, sie hatte immer über das Leben ihrer Tochter bestimmt, und sie wollte es sich nicht nehmen lassen zu bestimmen, wie ihre Tochter zu bestatten sei.

Es stürmte bei der Beerdigung, sie hielt die Urne in den Händen, aber der Zufall wollte es, dass sie nicht richtig verschlossen war. Der Deckel fiel zu Boden und die Asche peitschte in ihre Augen. Vor Schmerz ließ sie die Urne fallen, und die gesamte Asche wurde verweht. 

Sie verlor ihr Augenlicht und kam in ein Heim, aber es kam ihr nicht in den Sinn, dass sie einen Fehler gemacht haben könnte, störrisch beharrte sie darauf, dass der Pfarrer Schuld sei an ihrem Erblinden. Sie erzählte allen, wie glücklich ihre Tochter mit ihrem Mann gewesen war, und dass ein böser Dämon diese Liebe zerstört hätte. Sie verlor nach und nach den Verstand, sie sprach ständig mit ihrer Tochter über den Herbst, über die Stürme.

Auf dem Friedhof, wo die Asche zerstreut war, wuchsen keine Blumen mehr, die Erde war verdorben, das Gras sah braun und krank aus. Die Mutter lebte noch lange, aber sie wurde woanders beerdigt, die Einwohner wollten mit ihr nichts mehr zu tun haben, aber die Spur der verwehten Asche auf dem Friedhof blieb.

 

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