Jihad

Die Welt ändern, das wollte er. Ein besonders guter Muslim sei er, das sagte seine Mutter, die sehr stolz auf ihn war, seit sie wusste, dass ihr Sohn ein Auserwählter sei, ein Märtyrer. Jede Trauer verbot sie sich, würde es ihm im Paradies endlich gut gehen, denn das hier, was man irdisches Leben nennt, war keines.

Er war ein hübscher Junge, die Nachbarn hofften auf eine Ehe mit ihrer Tochter, diese war sehr niedergeschlagen, als sie davon erfuhr. Im Umkreis wussten es nun alle, man beglückwünschte die Familie, brachte kleine Geschenke. In drei Tagen sollte es soweit sein, die Atmosphäre war gespannt, man sprach nicht mehr viel.

Seine Eltern behandelte ihn jetzt wie einen Erwachsenen, seine jüngeren Geschwister schauten bewundernd zu ihm auf. In ihm kroch eine Angst hoch, aber er sagte es keinem, alle meinten, dass er sich keine Sorgen zu machen brauche, ihm würde es soviel besser gehen, er hätte sich für sein Land, seinen Glauben geopfert.

Er konnte nicht mehr schlafen, denn es würde doch weh tun, sein Körper würde in Stücke gerissen, ob die Jungfrauen ihn dann erkennen könnten, und würde er im Paradies heil ankommen, und wie war Allah, war er gütiger als sein eigener Vater.

Er nahm sich zusammen, Schwäche durfte er nicht zeigen. Vor zwei Jahren hatte er das erste Mal bewusst vom Jihad erfahren. Diese stolzen jungen Märtyrer, deren Abbilder in den Straßen hingen, faszinierten ihn, auch er wollte sofort einer von ihnen werden. Als er es seiner Mutter sagte, war sie ganz gerührt, auch seinem Vater liefen die Tränen herunter, seine Eltern waren einverstanden, es würde ihr Ansehen in der Straße ungemein erhöhen. Ein Geistlicher wurde bestellt, er sollte das Vorhaben segnen und die praktischen Maßnahmen dafür einleiten.

Dann vergingen Monate und nichts passierte, doch plötzlich war es soweit, alles sollte ganz schnell gehen. Man brachte ihn in einen geheimen Keller, dort band man ihm ein grünes Tuch um den Kopf, legte ihm eine Sprengstoffgürtel-Attrappe um den Bauch und gab ihm eine Kalaschnikow in die Hand. Er sollte ernst und entschlossen in die Kamera schauen, ihn verließ fast der Mut.

Die Männer kannte er nicht, sie fluchten und rauchten, dann gaben sie ihm einen Zettel, den er vorlesen sollte, es ging um den Heiligen Krieg, das heilige Land, das besetzt war von den Ungläubigen, die vernichtet werden müssen. Nach zehn Minuten war es vorbei, sie hatten ihre Fotos und das Video, das sie wollten, nun kam der eigentliche Teil an die Reihe. Er sollte die nächsten Stunden genießen, rieten ihm die Männer, gutes Essen, Rauchen oder eine Frau.

Er war entsetzt, er wollte sich doch mit Gott auf seinen großen Tag vorbereiten, die Männer lächelten weise und gaben ihm Recht. Man würde ihm dann die weiteren Instruktionen zukommen lassen, es sei alles ganz einfach, versicherten sie. Er wurde langsam sehr nervös, verriet es aber niemandem, eigentlich wollte er leben, die Tochter des Nachbarn mochte er besonders gern, als Kinder hatte sie beschlossen, wenn sie groß sind, zu heiraten, auch den Eltern gefiel diese Idee.

Und nun war alles anders gekommen, nur weil er aus einer Laune der Begeisterung gesagt hatte, Märtyrer werden zu wollen, er hatte die Videos dieser tapferen Jungs im Fernsehen oft genug angeschaut, jeder wollte sein wie sie. Es hatte etwas Geheimnisvolles, etwas wirklich Großes an sich, auch an diesen Ort zu gehen, direkt ins Paradies, ohne Umweg und Strapazen. Es gibt dort alles, was man sich wünscht und das zu jeder Zeit.

Das Leben auf Erden war hart, aber nicht so schlecht, dass man es wegwerfen sollte. Selbstmord war verboten, aber nicht die Selbstopferung, um Ungläubige zu töten, so sagten es die Imame. Die Hinterbliebenen von Märtyrern bekamen viel Geld und Unterstützung, auch das war ein Grund für ihn gewesen, sein Leben für eine höhere Sache zu geben, allein das war es wert.

Insgeheim hatte er vielleicht gehofft, dass seine Mutter ihm den Märtyrertod verbieten würde, jede Mutter will doch für ihr Kind ein gutes Leben und das Beste. Aber genau das sollte es für ihn sein, er würde es besser haben, als die anderen. Sie schien überhaupt nicht traurig darüber zu sein, dass er die Familie verlassen wird, sie ihn nicht mehr in die Arme schließen konnte, auch der Vater zeigte keine Regung von Zweifel, seine Eltern waren zufrieden mit seiner Entscheidung. Er hatte noch zwei Schwestern und einen Bruder, der nun seinen Platz einnehmen durfte, wahrscheinlich würde er auch die Nachbarstochter heiraten.

Es gab kein Zurück, je länger er nachdachte, umso mehr Bedenken machten sich in ihm breit. Er suchte den Imam auf, der reagierte schroff, hunderte oder tausende würden an seiner Stelle sein dürfen, er sei auserwählt, Gott hat sein Schicksal so befohlen, und dagegen darf man sich nicht stellen. Nur Allah bestimmt die Geschicke der Menschen, es solle tiefe Dankbarkeit empfinden für seine lichte Zukunft.

Als er nach Hause ging, plagten ihn die Fragen, warum denn Allah so viel Unrecht geschaffen hatte, wenn Allah, der einzige große Gott, die Welt erschaffen hatte und alles wusste, jeden Gedanken, jede Tat, warum schritt er denn nicht ein und lenkte das Geschehen in eine gute Richtung. Noch nie hatten ihn solche Fragen bewegt, doch nun lief ihm die Zeit davon, nur noch ein paar Stunden, dann würde er die Erde verlassen.

In seiner letzten Nacht tat er kein Auge zu, er dachte an seine Nachbarin, seine Angehörigen, die er vorerst nicht sehen durfte, irgendwann im Paradies vielleicht. Er kam sich einsam und verraten vor, und dieses Gefühl konnte er mit all seinen Gebeten nicht loswerden. Dann wurde es langsam hell, er musste gehen, alle standen da zum Abschied, stumm, auch er brachte kein Wort heraus, nickte nur und verschwand.

Im vereinbarten Versteck angekommen, erhielt er genaue Weisungen, er sollte mit einem Bus fahren und dort den Sprengsatz zünden. Man legte ihm diesen Gürtel um und versicherte ihm auf seine fragenden Blicke, dass er auf jeden Fall sterben werde, die Explosion sei so stark, dass ein schwer verletztes Überleben nicht möglich war. Außerdem könne er diesen Gürtel nicht mehr abnehmen, in jedem Fall käme es zur Sprengung.

Ein Mann, der die ganze Zeit an einem Brot knabberte, legte ihm noch einen Schutz vor seinen Schritt, das sei für die Jungfrauen, meinte er sehr ernst. Dann schickten sie ihn auf seinen Weg, Allah ist der Größte.

Er ging zur Bushaltestelle, die Angst hämmerte in seinen Schläfen, ihm wurde klar, dass er Menschen mit sich in den Tod reißen würde, daran hatte er vorher noch nicht so präzise gedacht, vielleicht Kinder, es könnten auch Muslime im Bus sein, sein Atem ging so schnell wie seine Überlegungen im Kopf kreisten, der Schweiß rann an ihm herab in den Sprengstoffgürtel.

Er wartete auf den Bus und murmelte seine Gebete, das hatte man ihm empfohlen, immer wieder das Gleiche beten, solange bis der Knopf gedrückt ist. Der Bus kam, er stieg ein und blieb in der Mitte stehen, er sah sich nicht um, sondern schaute zu Boden, Allah ist der Größte, Allah, er nahm seine rechte Hand zum Knopf und drückte einfach drauf.

Er hatte einen ziemlichen Lärm erwartet, stattdessen blieb es merkwürdig still, nur sein Atem hörte er nicht mehr, auch Schmerzen hatte er keine, obwohl doch sein Körper in Stücke gerissen sein musste. Er konnte sich gut daran erinnern, dass er in den Bus stieg und den Sprengsatz zündete, nur Sehen war ihm nicht möglich, obwohl alles ringsum hell war.

Es gab nur eine Erklärung, er musste im Paradies sein, er fühlte sich leicht und erlöst. Dann hörte er eine Stimme, die sagte, dass er willkommen sei, auch seine Freunde seien willkommen. Er fragte sich, welche Freunde denn, und er erhielt die Antwort, die aus dem Bus, die er mitgebracht hatte.

Das konnte er nicht verstehen, sie waren doch seine Feinde, das war doch der Sinn gewesen, so viel wie möglich davon zu töten, dafür hatte er sich doch geopfert. Er sei ein mutiger junger Mann, versicherte ihm diese Stimme, aber es gäbe keine Ungläubigen, er würde es hier lernen, zusammen mit seinen Freunden aus dem Bus, sie sind hier, direkt neben ihm.

Dann sah er gestaltähnliche Wesen, sehr wohlwollend, er fragte sich, warum sie so zuwendend waren, er hatte sie doch mit in den Tod gerissen, und als er das dachte, sah er in sich dem zerfetzten Bus, seine verstreuten Körperteile und die, der anderen, ein Wimmern ging wie ein Blitz durch ihn durch und das Jammern donnerte hinterher. Dann verschwand das Bild wieder und die freundlichen Kreaturen umgaben ihn, sie flüsterten ihm zu, dass sie sich freuen, ihn kennen zu lernen, mit ihm zusammen sein zu dürfen.

Er war sehr irritiert, und schon sagte die laute Stimme, dass es hier keine Strafe gäbe, für niemandem, der je auf der Erde gewesen war, es gibt nur die Trauer darüber, dass man sein Leben nicht so gelebt hat, wie es gedacht war, und für ihn war die Hochzeit gedacht und eine eigene Familie, Kinder.

Nun hat er eine neue Familie, seine Begleiter aus dem Bus, gemeinsam werden sie in der Trauer sein. Wenn sie noch Körper hätten, würden sie vor unerträglichen Schmerzen in die Knie gehen, ihr verlorenes Leben vor Augen, deshalb gibt es hier keine Körper. Es würde dauern, wie alles dauert. Er hätte die Wahl gehabt, jeder hätte die Wahl gehabt, Allah ist so groß, weil er jedem die Wahl lässt. Wie unendlich traurig muss der Gütige eigentlich sein, dachte er, und die Stimme verstummte.

 

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