Libellensee

Es war Sommer, die Luft flirrte und war voller Insekten. Sie ging durch die Wiesen, immer weiter und schneller, da war dieser See, Libellensee genannt. Und in der Mitte ein Boot, so als wäre es an einer Leine, es schwankte, aber es blieb einfach in der Mitte, und hunderte von Libellen schwirrten herum. Sie blieb dort ein paar Minuten und beobachtete das Boot. Ein Windhauch setzte ein und mit ihm eine Art Sog in Richtung See. Man hatte ihr gesagt, dass sie unbedingt Abstand halten solle, da sie sonst in das Wasser gezogen werden könnte. Sie bekam Panik und rannte zurück ins Dorf.

Alles war so gewesen, wie man es ihr erzählt hatte, sie wollte die Geschichte um den See eigentlich nicht glauben, aber es nistete sich eine Ahnung in ihr ein, etwas, was sie hätte nie sehen und wissen dürfen. Sie versuchte, nicht daran zu denken, was man ihr über den See erzählt hatte, aber es gelang ihr immer weniger, und dann hatte sie dieses Bild vor Augen.

Sie sah den See und das Boot, das sich kaum bewegte, sie tauchte in das Wasser ein, das voller durchsichtiger Larven war, unterhalb des Bootes konnte sie zwei löchrige hellbraune Skelette erkennen, ihre Finger durchbohrten den Boden des Bootes, sie krallten sich förmlich an das Holz, man sah einen unermesslichen Schmerz in der Haltung der ehemaligen Körper und der aufgerissenen Kiefer. Das Boot bewegte sich deshalb nicht, weil das Wasser voll mit diesen Larven war, die die beiden bei lebendigem Leib zerfressen hatten.

Niemand im Dorf redete offen dafür, es hieß immer nur, dass man sich nicht in die Nähe dieses Wassers begeben sollte. Angeblich waren es Geschwister, die darin umkamen, sie hatten sich zu sehr geliebt, und das hatte Schande über das Dorf gebracht. Sie beschloss, noch am nächsten Tag abzureisen. Sie war gekommen, um ihren Sohn zu besuchen, der sich innerlich von ihr abgewandt hatte und vor einem Jahr ausgerechnet in dieses Dorf zog.

Sie wollte schon lange mit ihm in Ruhe reden, aber er wollte nicht. Heute Abend würde sie es lassen, zu sehr steckte ihr die Angst vor dem Libellensee in den Knochen. Sie gab ihm einen flüchtigen Kuss zur Guten Nacht und versuchte zu schlafen.

Irgendwann schlief sie ein, aber ein Alptraum brachte sie aus der Fassung, sie hatte ihren Sohn von hinten gesehen, seine krausen dichten Haare, sie hörte Violinenklänge, die immer höher wurden, eine Seite löste sich und durchschnitt zuerst die Luft und dann die Kehle ihres Sohnes, so, dass sein Kopf nach hinten schnellte bis die Wirbelsäule ihn festhielt. Mit diesem beißenden Klang im Ohr wachte sie voller Entsetzen auf und ging in die Küche. Sie beschloss, ihrem Sohn die Wahrheit zu sagen. 

Früh am Morgen bat sie ihn, ihr zuzuhören, denn das, was sie zu sagen hatte, war äußerst unangenehm. Sie hatte bisher nicht aussprechen können, dass ihr Vater auch sein Vater ist, und er entstanden ist aus einem Missbrauch, als sie 14 Jahre alt war. Vier Jahre später brachte sich ihr Vater um, er hatte sich erhängt, weil er nun die Klage seiner Tochter fürchtete. Aber sie wollte ihn gar nicht verklagen, sie wollte nur ihr Kind schützen, deshalb redete sie nie darüber.

Nun war es also in der Welt, ihr Sohn war sichtlich getroffen, er hatte es gar nicht wissen wollen. Ziellos ging er aus dem Haus, er wollte nur weg, sie schaute ihm nach. Er war erwachsen geworden, er würde das hoffentlich verkraften, und sie liebte ihn sehr. Sie saß allein am Küchentisch und fühlte, dass sie endlich eine Last losgeworden war, es ging ihr merkwürdig gut, als sie plötzlich diesen reißenden Klang aus dem Alptraum von weitem vernahm.

Eine seltsame Furcht machte sie für einen Moment starr, dann jedoch rannte sie in Richtung See, jeder Schritt fiel ihr schwer, und sie schrie den Namen ihres Sohnes. Sie schrie und rannte um ihr Leben bis sie den See von weitem sehen konnte, ihr Sohn stand am Ufer, er drehte sich zu ihr um, er sah hilflos aus, entgeistert und zu Tode erschrocken. Er drehte sich wieder weg und ging wie von unsichtbarer Hand gelenkt in den See, er fing an zu schreien, es klang unendlich schrill vor Schmerz.

Sie konnte sich nicht mehr bewegen, das Geräusch lähmte sie völlig, sie sah nur noch seinen Hinterkopf, der plötzlich nach hinten schnellte, so wie sie es im Traum gesehen hatte, und der Schrei, so entsetzlich, dass sie sterben wollte. Sie wusste, dass ihr Sohn in diesem Moment von diesen Larven zerfressen wurde, dass seine Hände sich vielleicht auch an das Boot krallen würden, wie es die beiden anderen zuvor getan hatten.

Für einen Augenblick wollte sie ihm folgen, doch dann verließ sie die Kraft, sie redete sich ein, dass es vielleicht Schicksal war, sie hätte diesen Sohn vielleicht nicht bekommen dürfen. Wie sie nun weiter leben sollte, wusste sie nicht, sie saß zusammen gekauert auf der Wiese, den See konnte sie nur noch verschwommen sehen, ihre Tränen rannen lautlos.

Und die Luft war surrend voller Libellen.

 

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