Mauer

Dass es eine unüberwindliche Mauer gibt, wusste ich schon sehr früh.

Kaum war ich eingeschult, erklärte ich meinen Mitschülern, dass das Ende der Welt eine große Mauer sei, und dass dahinter nichts ist, gar nichts.

Nur wie sollte man sich dieses Nichts vorstellen, wohl als etwas sehr gefährliches, worüber man nicht weiter nachdenken sollte, denn auch der Tod hatte so einen ähnlichen Charakter, das Nichts, wo das Leben endet. Vielleicht musste man dann doch diese Mauer erklimmen, oder sie tat sich von allein auf.

Ob sie stehen bleibt oder wandert, konnte im Kreise der Neugierigen nicht geklärt werden, aber alle fürchteten sich. Ich versuchte absichtlich, ihnen Angst einzujagen, damit sie mir keine unliebsamen Fragen stellten, denn wirklich beantworten konnte ich diese doch wichtigen Dinge nicht, aber ich habe ein Problem in deren Welt gebracht, und das war es mir wert, auch wenn ich Ärger bekam, über hohe Mauern zu erzählen.

Schließlich war die wirkliche Mauer nur einen Kilometer weit weg, für Kinder eine enorme Strecke, und so bemerkten wir sie gar nicht. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, wann ich zum ersten Mal begriff, dass es eine richtige Mauer gab, die uns von dem Rest der Welt trennte.

Das Einzige, was mich schon sehr früh irritiert hat, war die Tatsache, dass es eine geheimnisvolle orientalische Kirche gab, die ich sehen konnte, die jedoch unerreichbar blieb, weil sie schon im Westteil der Stadt lag.

Was es bedeutete, dass da eine unüberwindliche Mauer stand, lernte ich, als ich acht Jahre alt war.

Mein Eltern lebten getrennt, mein Vater, den ich sehr liebte, wohnte in einem riesigen Hochhaus, nicht weit von der Wohnung meiner Mutter. Eines Abends, es war dunkel und es nieselte, nahm mich meine Mutter an die Hand, auf der nassen Straße sah ich meinen Vater kommen.

Ich sollte ihm Auf Wiedersehen sagen, das tat ich natürlich, oft hatte ich meinen Vater schon verabschiedet, so verstand ich nicht, wie es gemeint war, dass mein Papa mich in die Arme nahm und dann ging.

In den nächsten Wochen hörte ich nichts von ihm, dachte mir aber, dass er vielleicht viel arbeiten musste. Aber dann nahm meine Mutter mich beiseite und erklärte mir, dass mein Vater nun im Westen sei und wir da nicht hin könnten, ich würde ihn lange nicht sehen.

Ein dunkler Schleier legte sich über mein Leben, ich fühlte mich niedergeschlagen und von der Welt durch eine unsichtbare Mauer getrennt, alles sah aus wie früher, doch es blieb merkwürdig unerreichbar. Meine Oma erzählte mir später, dass ich öfter geistesabwesend da gesessen hätte, und leise nach Papa rief.

Ich wusste damals schon, was Stasi bedeutet, sie waren in der Nähe, beobachteten uns, klingelten unten an der Tür, oder riefen an und legten auf. Es war eine unangenehme und unsichere Zeit.

Ein paar Möbel und das Klavier konnte meine Mutter denen abkaufen, so blieb ein materieller Hauch der Erinnerung an meinen Vater in unserer Wohnung.

Ein Jahr später trafen wir uns mit meinem Papa für ein paar Tage in Karlovy Vary, das war ohne Gefahr möglich. Diese vielen heißen Quellen, die furchtbar schmeckten, waren beeindruckend, getrunken habe ich doch, vor allem um meinen Eltern zu gefallen. Mein Vater schaute zwar meist den jungen Frauen hinterher, als sich mit mir zu beschäftigen, aber er war da und das zählte.

Schnell ging die Zeit vorbei, der Abschied kam, und die Mauer hatte sich tief in mein Herz eingenistet. Sie sollte sich jedoch mit Gewalt einschneiden.

Ein Jahr später kam ich aus den Sommerferien und wollte zuerst meine beste Freundin besuchen, aber die Tür war versiegelt.

Meine Mutter erklärte mir, dass sie wahrscheinlich in den Westen gegangen waren. Im Sommer waren sie immer in Bulgarien, weil der Vater Bulgare war, und nun waren alle verschwunden, und ich wusste nichts genaues, meine Freundin hatte mir nichts erzählt. Ein paar Tage später wurde die Wohnung ausgeräumt, ich sah zu, wie die Spielsachen in einem LKW verschwanden.

Meine Freundin schrieb mir nach einer gewissen Zeit, dass es ihr und der Familie gut gehe, sie sei froh, nicht mehr in den Plattenbauten zu wohnen, sie lebten nun in Regensburg.

Damals fing ich an, über Selbstmord nachzudenken, ich war zehn Jahre alt und hatte viel verloren.

Meine Lebensfreude war stark beeinträchtigt, ich funktionierte zwar wie ein Kind, aber meine düsteren Gedanken hatten in meinem Innersten die Herrschaft übernommen, etwas wollte mich vernichten, etwas war gegen mich, ich war verraten worden.

Die Mauer rückte in mein Blickfeld, sie war nicht länger nur ein Gedanke, sie war fast lebendig geworden, in meinen Alltag eingedrungen, so grau und hässlich, wie sie war, auch in meine Träume.

Ich dachte nun sehr oft darüber nach, ob ich nicht auch in den Westen gehen sollte, verwarf aber eigene Pläne, dieses Thema beschäftigte mich andauernd.

Wir trafen uns noch ein paar Mal mit meinem Vater in Prag, ich erzählte ihm, dass ich später auch in den Westen wollte, es interessierte ihn nicht sonderlich, er nahm es wohl nicht ernst, da ich noch ein Kind war.

Je älter ich wurde, umso mehr nahm ich die Mauer wahr, sie war überall, in Straßen, in Hinterhöfen, zwischen den Häusern, besonders hoch war sie nicht, aber sie hatte diese tödliche Ausstrahlung.

Irgendwann vergaß ich fast meinen Wunsch, in den Westen zu flüchten, es war riskant, viele wurden erwischt und saßen in Gefängnissen, und die, die legal ausreisen wollten, mussten schlimme Strapazen hinnehmen. Ich wollte etwas innerhalb des Systems verändern und nicht einfach abhauen, so hatte ich mir das damals gedacht, doch es kam anders.

Als ich studierte, lernte ich einen älteren Mann kennen, den ich eigentlich nicht liebte, der mich aber so umgarnte, dass ich darauf einging, er besorgte sofort eine Wohnung, und ich saß in der Falle und wollte eigentlich nur weg. Aber ich kam da nicht weg, er hatte mich vollständig isoliert, und ich hatte überhaupt kein Selbstwertgefühl und nicht die Kraft, zu gehen.

Später erfuhr ich, dass er wohl auch der Stasi angehörte und andere Leute angezeigt hatte, zuzutrauen wäre es ihm, er war verlogen und von Macht besessen. So wollte er auch Macht über mich ausüben, mich quälen, mich abhängig wissen, das gefiel ihm.

Ich lernte bei der Arbeit einen Mann aus Wien kennen, der mich heiraten wollte, um mich aus dem Land zu bekommen, ich konnte mich nicht dazu durchringen und schrieb ihm einen Brief, dieser kam zurück mit der Anmerkung, dass der Empfänger verstorben sei.

So blieb ich in meiner Fallgrube sitzen.

Dieser Alptraum dauerte drei Jahre, dann bekam ich die Möglichkeit, meine Tante in Westberlin zu besuchen. Die Zeiten waren verwirrend, ich traf meinen Vater kurz zuvor in Prag, der machte den Vorschlag dieser Einladung, ein paar Monate später durfte er in die DDR einreisen, das war ihm vorher verwehrt gewesen, und dann noch die Bewilligung, für fünf Tage nach Westberlin zu reisen. Es ging mir schlecht, ich wusste, dass ich mich zu entscheiden hatte.

Einerseits wollte ich aus dieser Beziehung heraus, andererseits wollte ich nicht meine Oma und meine kleine Schwester im Stich lassen, aber meine private Situation war so unerträglich geworden, dass ich diese Chance ergreifen musste, eigentlich wollte ich aber bleiben.

Ich dachte damals, es sei die wichtigste Entscheidung meines Lebens, es sollte für immer sein, ein Schritt, den man nie zurück gehen kann. So ging es sehr vielen Menschen, die alles zurück ließen, um ein neues Leben anzufangen, für niemanden war das leicht, es war damals der tiefste Einschnitt eines Lebens.

Ich sortierte meine Papiere aus, alles, was wichtig war, nur für den Fall, ich sagte auch nichts, und niemand hätte mir geglaubt, dass ich im Westen bleibe, so eine Entscheidung hatte mir keiner zugetraut, am wenigsten der Mann, von dem ich weg wollte.

Er bearbeitete mich immer, dass ich ohne ihn nichts könne. Ich war so verzweifelt, dass ich sehr krank wurde, das machte mir aber die Reise unmöglich, so bat ich die Ärzte, mir eine Spritze zu geben, dass ich fahren könnte. Das taten sie und ich war völlig benommen, als ich an der Friedrichstraße zur Passkontrolle ging.

Es ging ganz schnell und so saß ich nur Minuten später in der S-Bahn und fuhr über die Mauer, den breiten Grenzstreifen, die Polizisten mit den Spürhunden, einfach hinweg.

Dass ich im Westen war, sah ich an den bunten Autos und den ordentlichen Häusern, es berührte mich gar nicht, vielleicht war es das Penicillin, das mich ruhig stellte. Ich stieg am Zoo aus und lief den Kudamm lang zur Wohnung meines Vaters, da saßen meine Verwandten und tranken Kaffee.

Die Mauer wütete in mir, ich musste mich entscheiden, nur fünf Tage, das war nicht lang, ich konnte mich niemandem anvertrauen, auch hatte ich Angst, dass meiner Familie im Osten etwas geschehen könnte, wenn ich blieb. Um die Entscheidung hinaus zu zögern, schrieb mich ein Arzt krank, und ich hatte noch eine Woche länger Zeit, aber ich wusste schon, dass ich nicht zurück wollte.

Ich konnte ein neues Leben beginnen, und ich wollte ein neues Leben beginnen, so erklärte ich mich am Telefon und löste Entsetzen aus. Dieser nun Ex bedrohte mich am Telefon, ich käme in den Knast, aber ich glaubte ihm kein Wort mehr, er hatte sein Lieblingsspielzeug verloren.

Meine Mutter war traurig, meine Schwester war noch klein, genauso alt, wie ich damals war, als mein Vater ging, das lastete schwer auf meiner Seele, am schlimmsten war die Vorstellung, meine Oma nicht mehr sehen zu können, sie war zu alt, um in den Westen zu fahren, sie schrie vor Schmerzen, als sie es erfuhr.

Mein Vater war gar nicht begeistert, er sagte nur, ach du Scheiße, mehr nicht. Ich musste nun die Prozeduren der Einbürgerung über mich ergehen lassen, Papiere über Papiere, Behörden und Wartezimmer. Nachts hatte ich Alpträume, dass mich die Stasi einfängt und mich zurück in die DDR bringt, fast jede Nacht hatte ich ähnliche Träume. Auch tagsüber konnte ich eine gewisse Angst nicht abschütteln, ich fühlte mich keineswegs sicher, ich war von der DDR eingekreist, nur die Mauer sah hier recht bunt aus.

Zufällig fuhr ich mit Freunden direkt an den Ort, wo die Kirche stand, die ich als Kind ständig beobachtete und nicht erreichen konnte, und ich sah aus der anderen Perspektive den Ort meiner Kindheit und war erleichtert, diesem Dasein entkommen zu sein.

Die Mauer verlor an Gewicht, aber ganz weg war sie nicht, ich hatte plötzlich zwei Existenzen in mir, die parallel meine Gedanken bestimmten. Diese empfundene Zwitterhaftigkeit blieb auch als ich in Stuttgart Arbeit fand, die Stadt war schon ein Kulturschock für mich, ich war nicht zu Hause, es gab auch keinen aus der DDR in meiner Umgebung, keinen, der mich wirklich verstand.

Ich war weit weg von der Mauer, und ich hatte mir ein neues Leben aufgebaut, worauf ich sehr stolz war, aber ich war einsam und deshalb trank ich sehr viel, das tröstete mich irgendwie, mir fehlte die Bodenhaftung, die Zugehörigkeit.

Eines Abends sah ich im Fernseher jubelnde Menschen auf der Mauer, unfassbar, mir fiel nichts dazu ein, ich wusste nicht, ob ich mich freuen sollte oder nicht. Am nächsten Morgen fuhr ich zum Flughafen und war Stunden später vor Ort.

Ich hatte mich mit meiner Familie verabredet und kämpfte mich durch die lärmenden Massen, ein flaues Gefühl hing in meinem Magen fest, die Begeisterung konnte ich nicht wirklich teilen, aber ich freute mich trotzdem so gut es ging. Ich sah meine Schwester auf mich zu stürmen, sie war glücklich wie die anderen. Wir liefen umher, aufgepeitscht vom allgemeinem Glück, etwas geglaubt Endgültiges besiegt zu haben, ich konnte mich der Faszination der beseelten Menschen nicht entziehen, die tanzten, lachten, sich in den Armen lagen.

Im Gegensatz dazu war später in einer Szenekneipe, in der die Intellektuellen miesepetrig beisammen saßen und einen Bürgerkrieg herauf kommen sahen, eher meine Stimmung vertreten, aber wer wusste schon, wie die Zukunft sein würde, der Fall der Mauer war das präzise Beispiel dafür, dass niemand exakte Prophezeihungen wagen durfte.

Die Mauer bröckelte, aber ihre Spuren würde ich für immer in mir tragen müssen.

Irgendwie dachte ich, dass mein Weggang aus der DDR umsonst gewesen war, was ich aufgebaut hatte war umsonst, alles kam zurück, was ich verlassen hatte, meine wichtigste Entscheidung war nichts mehr wert, und vor allem wusste ich nicht, wer ich nun war, Teil des Ostens oder des Westens, jetzt kam auch noch eine dritte Existenz dazu, die Summe dessen, das war eindeutig zu viel für mich.

Ich war zwar froh, dass ich meine Oma wieder besuchen konnte, aber es zerriss mich, ich verlor meine Arbeit in Stuttgart, hatte dann in Berlin zu tun, war aber nicht in der Lage, diese Stadt zu ertragen, ich fand mich nicht mehr zurecht, alles wirkte so unwirklich, wie eine Traumsequenz, ich isolierte mich, verlor mehr und mehr den Bezug zur Realität und konnte nicht fassen, was in so kurzer Zeit für mich zusammen gebrochen war.

Fast die gesamte DDR wurde sozusagen abgewickelt und viele Menschen dazu, die genau wie ich ihre Identität und Orientierung verloren hatten.

Es gab keinen Ort mehr, weder außen noch innen, ich war mit unter das Rad der Geschichte geraten, wie ein Steinchen aus der Mauer, unwichtig und grau.

Sie hatte mich endgültig besiegt, die Mauer, das Ende meiner Welt.

 

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