Ostkongo

Ihr Körper lag an einer Wasserstelle, aus ihr floss Blut, ein Rinnsal, der sich mit dem Wasser vermischte und es etwas verfärbte. Noch war Leben in ihrem Leib, sie fühlte das Brennen in ihr und auf ihr, als würde die Sonne in ihr lodern.

Ihr Atem ging schwer, sie wollte nicht mehr atmen, aber gegen diese Mechanik ihrer Existenz war sie machtlos. Es gab nur noch einen Gedanken in ihr, ein Kind hatte überlebt, das wusste sie, das spürte sie, deshalb musste auch sie überleben.

Man fand sie nach ein paar Stunden und brachte sie in ein Krankenhaus.

Sie sah angstvoll aus ihren Augen, sprach kein Wort, nur der Geschmack von Blut bewegte ihre Lippen. Man gab ihr Schmerzmittel und versorgte sie, so dass sie endlich schlafen konnte.

Es dauerte drei Tage, bis sie zu Kräften kam und die Namen ihrer Kinder sagte, eines lebt, es muss irgendwo sein, sie wollte es finden, sie musste gesund werden.

Die Ärzte und Schwestern hatten schon die schlimmsten Dinge ertragen, verstümmelte Körper und kaputte Seelen behandeln müssen, aber ihre Geschichte war wie ein Gleichnis für ihr Land, alle Unerträglichkeiten erfahren zu müssen und doch nicht den Willen zum Leben zu verlieren.

Sie war eine junge Mutter von vier gesunden Kindern gewesen und glücklich verheiratet, sie lebten in einem Dorf, eines von vielen, ein ganz normales Leben.

Mit Politik hatten sie nichts zu tun, wollten sie auch nicht. Aber die Lage im Land wurde immer unübersichtlicher, es gab Streit um Gebiete und Macht, die Regierung erwies sich als unfähig und korrupt. Und sie wurde immer brutaler, weil sie einen Aufstand fürchtete.

Die Rebellen hingegen plünderten die Dörfer und metzelten die Einwohner nieder, auch die Truppen der Regierung plünderten, weil sie schlecht bezahlt wurden. Es gab ständig Überläufer in beiden Lagern.

Niemand hatte den Überblick, niemand konnte gewinnen, es brach das reinste Chaos aus, es gab keinen Schutz mehr, keiner konnte mehr sagen, in welches politische Lager er gehört, die Unterschiede waren verschwommen, es wurde zerstört und vergewaltigt auf beiden Seiten.

Die Menschen in den Dörfern hatten Angst, sie waren gläubige Christen geworden und hofften, dass ihr Gott sie schützen möge. Und dann fielen die Horden auch in ihr Dorf ein, sie nahm ihre vier Kinder zu sich in das Haus.

Ihr Mann hielt an der Tür Wache. Als die Truppen ihr Haus erreichten, schlugen sie ihren Mann zu Boden und traten die Tür ein. Dort stand sie mit ihrer Tochter, ihren zwei Söhnen und dem Baby, das sie auf dem Arm fest an sich drückte.

Die fremden Männer zogen ihren blutenden Mann in die Hütte und fingen an, auf ihn zu schießen, zuerst in die Beine und dann langsam höher bis in den Kopf. Durch die Schüsse machte der Körper ruckartige Bewegungen, bis er schließlich nur noch so da lag, ein Haufen rotes Fleisch, an dem die Stofffetzen herunter hingen.

Sie befahlen ihr, sich neben ihren toten Mann zu legen und ihr Kleid hoch zu ziehen. Die Kinder standen am Tisch, das Baby hielt nun die Tochter, sie starrten entsetzt auf das, was geschah. Es waren vier Männer, die sich über sie her machten, jeder brauchte ein paar Minuten, sie schrie nicht, sie ließ es klaglos geschehen, damit die Kinder nicht noch mehr Angst bekämen.

Als die Männer fertig waren, warfen sie sie in eine Ecke, nahmen sich ihre beiden Söhne und schlugen mit den Gewehrkolben auf sie ein, sie hörte dieses Knacken von den Knochen, die sie ihnen brachen und das Bersten, als sie ihnen die Köpfe einschlugen.

Dann lagen ihre sterblichen Hüllen schwer auf dem Boden, nicht mehr zu erkennen.

Doch sie schrie immer noch nicht, sah in die aufgerissenen Augen ihrer Tochter, der sie das Baby weg nahmen. Sie fanden einen Strick, legten diesen Strick um den Hals der Babys, dann brachen sie in irres Gelächter aus, so lustig fanden sie ihre Idee.

Sie lag noch in der Ecke, sie gaben ihr ihr Baby und befahlen ihr, den Strick zu zuziehen, bis das Baby erstickt ist, da schrie sie.

Sie richteten ihre Waffen auf sie, eine steckten sie von unten in ihre Scheide und befahlen erneut, dass sie ihr Baby erwürgen müsse. Sie legte das Baby auf den Tisch, und zog von beiden Seiten am Strick bis der Kopf blau anlief und es schließlich nicht mehr atmete.

Sie stand da mit leerem Blick, sah ihr Kind an, das so friedlich geblieben war.

Einer wollte gerade auf den kleinen Leichnam einschlagen, als zwei weitere Männer in das Haus kamen, sie hatten eine Frau und einen Mann im Schlepptau.

Es waren ihre Schwester und ihr Bruder von nebenan, die wimmernd zusammen brachen, als sie dieses Gemetzel sahen. Ihre Schwester ging in die Knie, faltete ihre Hände und bat um Gnade. Ihre gefalteten Hände hackte ein Mann mit einer Machete ab, dunkles Blut spritze umher, sie schrie so erbärmlich, dass ein anderer sie mit einem gezielten Schuss nieder streckte.

Dann befahlen sie ihrem Bruder, dass er sie, seine Schwester, vor ihren Augen vergewaltigen sollte. Er weigerte sich, sie warteten eine Weile und als nichts passierte, schlug einer ihm den Kopf ab, der rollte umher, seine Augen schienen noch zu leben.

Die Männer hatten genug, ihnen war langweilig geworden, sie hatten Hunger und waren müde.

Die Tochter stand noch am Tisch und blickte flehend in die Augen ihrer Mutter, diese wurde von den Männern nach draußen geschleppt. Man schleifte sie durch das Dorf, das menschenleer war und ließ sie an einer Wasserstelle einfach liegen. Sie war mit Wunden übersät, ihre Haut, ihr Blut mischten sich mit dem beige farbenen Sand, sie war völlig gefühllos geworden und verlor das Bewusstsein.

Als sie wieder zu sich kam, sah sie nur die entsetzten Augen ihrer Tochter von sich, sie könnte noch leben. Die Männer hatten ihr Interesse verloren und sie wahrscheinlich gehen lassen.

Sie würde alles tun, um ihre Tochter zu finden.

Rache fühlte sie nicht, es sind eben schlechte Zeiten, es würden wieder bessere kommen.

 

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