Anti Putin

Der kleine Wladimir lernte in der Schule seinen Helden kennen, einen Jungen, Pawlik Morosow, der in der Stalin-Zeit seine eigenen Eltern denunzierte. Er hatte mitgehört, dass diese über den so geliebten Führer schlecht gesprochen hatten und er tat nur seine Pflicht, dafür musste er sterben.

Aber er wurde das Vorbild einer ganzen Generation und er sah irgendwie dem kleinen Wladimir ähnlich auf dem berühmten Bild mit der Unterschrift, der neue Weg.

Put heißt Weg, Richtung, Reise. Ein schicksalhaftes Omen.

Und der Weg führte den kleinen Schüler Wladimir an die Pforte des KGB, dort fragte er noch schüchtern, wann er denn zum Geheimdienst kommen könne, er wäre schon bereit dafür.

Man belächelte den Kleinen für seine Forschheit, er ließ aber nicht locker, so erklärten sie ihm, dass er gut in der Schule sein und am besten Jura studieren solle, der Rest würde sich von allein ergeben. Der kleine Wladimir hatte nun sein Ziel vor Augen.

Mit Geschichten über Lenin und Stalin war er sehr vertraut, sein Großvater war ein guter Koch gewesen und arbeitete für beide, so erzählte er aus erster Hand. Und der Großvater hatte Glück, er wurde vom roten Terror verschont. Viele andere, die sich im Umkreis Stalins aufhielten, überlebten diese Nähe nicht.

Diese Tatsache schreckte den kleinen Wladimir aber gar nicht. Wo gehobelt wird, fallen Späne, so ist das in einem Riesenreich. Er dachte, dass sicher nur die Verräter dran glauben mussten. Ein Stalin konnte sich nicht irren, er, der Stählerne wusste, wie man eine Weltmacht erschafft, er hatte begriffen, welche ureigenste Seele in Mütterchen Russland schlummert.

Und das richtige Instrument für die Schaffung dieser Vision war die Tscheka, der erste sowjetische Geheimdienst und Felix Dserschinski war sein Herr und Meister. So wurde eine neue Elite geschaffen, die treu ergeben der Macht diente.

Eigentlich war das schon immer so, die Mechanismen der Dienste unter den Zaren waren ganz ähnlich strukturiert, aber diese sahen die Zeichen der Zeit nicht mehr.

Das neue sozialistische System würde effizienter arbeiten, man hatte aus der Geschichte zu lernen. Außerdem gab es eine wissenschaftliche Grundlage für diese einschneidende Veränderung im russischen Reich, welches nun endlich die führende Rolle im Weltgeschehen inne hatte.

Der alten Zwist mit dem westlichen Europa, welches sich immer überlegen fühlte, würde nun aus dem Weg geräumt sein, der Sieger war der Kommunismus, die ganze Welt würde das eines Tages noch zu spüren bekommen.

Der kleine Wladimir war davon überzeugt, er würde seinen nicht unerheblichen Teil dazu beitragen, dass die gute Absicht, die Zar Peter der Große hatte, zur Vollendung kommen würde, ein fortschrittliches großes Land aufzubauen auf Augenhöhe mit allem und jedem. Im Geheimen ahnte er, dass seine Heimat überlegen sein würde, wenn man sie im Innersten nur richtig regiert. Das Volk muss in Schach gehalten werden, es ist unwissend und muss vor sich selbst geschützt werden, bis es begreift, welcher Ruhm ihm gebührt. Das würde seine Zeit dauern, nur die Eingeweihten, allen voran die Tschekisten würden diese Aufgabe übernehmen können.

Dabei galt es, das Ungeziefer, das sich ihnen in den Weg stellte zu vernichten, der Feind lauert schließlich überall. Mit Kakerlaken geht man ja auch nicht zimperlich um.

Das Spiel der großen Männer war immer riskant gewesen, aber wenn man eine Lösung für die Geschichte hat und weiß, dass man auf der richtigen Seite steht, muss man sein Leben dafür geben können. Ein winziges Rädchen in der Geschichte aber wollte der kleine Wladimir nicht werden, sein Dasein sollte einen höheren Sinn haben, das war ihm in die Wiege gelegt.

Schon immer war er etwas Besonderes gewesen, seine beiden älteren Brüder starben in den Kriegszeiten und seine Mutter war schon über vierzig Jahre alt, als sie dann doch noch einen ersehnten Sohn bekam, den sie hütete wie ihren Augapfel. Ihm wurde alle Aufmerksamkeit zuteil, die er wollte, auf keinen Fall durfte ihm etwas zustoßen.

Seine Eltern, die einfache Leute waren, setzten all ihre Hoffnungen in den aufgeweckten Jungen. Aber seine kleine Welt, die er sich ausmalte, in der er als Agent wie in den Filmen und Büchern der Weltenretter war, geriet dann bald doch aus den Fugen, es gab Kämpfe zwischen den Jugendlichen in den Hinterhöfen von Leningrad und er war ein schmaler, fast feminin wirkender Junge, seiner Mutter sehr ähnlich.

Seine Leistungen in der Schule waren dürftig, er hing seinen Tagträumen nach, mit denen er sich gegen die brutale Wirklichkeit wehrte. Diese Methode war jedoch auf Dauer nicht durchsetzungsfähig, man verlachte ihn als Muttersöhnchen oder nannte seine Eltern sogar seine Großeltern, weil diese schon so alt waren. Das traf ihn tief und er beschloss, sich im Judo Anerkennung zu erkämpfen. Das tat er mit großem Fleiß und bald kamen die ersten Erfolgserlebnisse, bis er schließlich siegte. Er begriff, dass man es mit körperlicher Überlegenheit und Gewalt zu etwas bringen könnte, wenn man nur hart genug dafür trainierte.

Sein Selbstbewusstsein wuchs, so dass er eines Tages seinen Traum in die Realität umsetzen würde, alles schien möglich, es war leichter als gedacht. Und seit dem Tag, an dem er in der KGB-Zentrale angeklopft hatte, war er wie verwandelt, zur Freude seiner Eltern und Lehrer.

Für Mädchen hatte er kein großes Interesse, die waren in den Filmen und Büchern nur Beiwerk gewesen, ein Mann muss allein seinen Mann stehen, ein Einzelkämpfer für das große Ziel sein. Eine Frau hatte sich ihm zu unterwerfen, hatte ihm Kinder zu gebären und den Haushalt zu führen.

Dann lernte er ein hübsches kapriziöses Mädchen kennen, die jedoch ihren eigenen Kopf hatte, er verliebte sich in sie und merkte bald, wie einflussreich das andere Geschlecht doch war. Das irritierte ihn, sie forderte ihn heraus und er kam etwas vom seinem Weg ab.

Den Frauen konnte man nicht trauen, das hatte er sich von Stalin abgeschaut. Wenn eine zu viel verlangte, sollte man sie besser loswerden. Auch wenn Stalin seine Ehefrau Nadeshda, die sich das Leben nahm, sicher geliebt hatte, denn auch ein großer Führer liebt, war ihm seine Bestimmung wichtiger als seine Liebe. Nadeshda heißt Hoffnung. Welche Hoffnung sie auch immer begraben hat, als sie sich umbrachte, es änderte nichts an der notwendigen Härte, die ein Führer gegenüber seinem Volk zu haben hat.

Kurz vor Wladimirs Hochzeit, machte er einen Rückzieher, das Thema Frauen war für ihn vorerst erledigt. Inzwischen war er als Student für Jura eingeschrieben und er war ein guter und gelehriger Schüler. Es dauerte auch nicht lange, dann meldeten sich die Leute vom KGB bei ihm. Wenn er mit dem Studium fertig sei, könne er für die Dienste arbeiten, vielleicht sogar im Ausland, das war damals die höchste Stufe. Nur die Sache hatte einen Haken, er musste ein normales Leben nach außen führen, das bedeutete, eben auch eine Ehefrau und Kinder zu haben.

Aber da war das Schicksal gnädig, Ludmilla trat in sein Leben, eine einfach gestrickte Frau, die nicht viel fragte. Sie hatte sich in den Kopf gesetzt, diesen Mann zu wollen und er erzählte ihr lange nicht, dass er für den KGB arbeitete. Sie akzeptierte seine Berufung und benahm sich so, wie man es von Ehefrauen in diesen Kreisen erwartete. Sie beschränkte sich auf den Haushalt und die Kinder, alles andere interessierte sie nicht. Ehefrauen weihte man nicht in diese Arbeit ein, das war eine eiserne Regel. Je weniger sie wussten, umso besser.

Wladimir wurde in die Zentrale bestellt, er sollte in die DDR gehen, um Spione anzuwerben, dafür war er schon Jahre ausgebildet worden. Eigentlich hatte er gehofft, in die BRD zu kommen, aber schon die Aussicht, überhaupt ins Ausland gehen zu dürfen, war ein Erfolg und ein Schritt in Richtung der absoluten Elite des KGB. Er hatte gelernt, wie man mit Menschen umgeht, wie man deren Mimik und Gestik nachahmt, so dass sie sich verstanden fühlen, und dass man nie seine eigenen Gefühlszustände und seine wahren Absichten zeigt.

Seinen Ehrgeiz verbarg er hinter einer Maske der Bescheidenheit, als hätte er kein Interesse an einer außergewöhnlichen Karriere. Er blieb lieber im Hintergrund und wartete einfach ab. Auffällig war, dass er so gut wie nie Alkohol trank und immer beherrscht und höflich schien.

In Dresden, wo er einige Jahre tätig war, war er ein unscheinbarer, fast unsichtbarer Mann. Es ging nicht nur um das Anwerben von neuen Agenten, es ging untergründig auch um Wirtschaftsspionage im nicht allzu kleinem Stil. Auch wenn Wladimir nicht die alleinige Verantwortung hatte, gab es auch nasse Angelegenheiten, wie man im Jargon sagte, das heißt, es wurden Menschen ermordet. Eine Ex-Frau seines ehemaligen Untergebenen, die ihn in dieser Zeit genauer kennenlernte, sagte später über ihn, dass er ein zweiter Stalin sei, skrupellos, kalt und machtbesessen.

Sein großes Trauma und das vieler anderer Agenten war die Wende, plötzlich wurden sie von der Macht verlassen, für die sie ihr Leben eingesetzt hatten. Aus Moskau kam keine Rückendeckung, niemand gab Anweisungen, als das DDR-System innerhalb von Tagen zusammenbrach. Sämtliche Beweisstücke mussten eigenhändig verbrannt werden, weil sich in der Machtzentrale keiner verantwortlich fühlte und ihre Elite damit dem Feind auslieferte.

Das traf tief ins Mark. Unter seinen Kollegen war man sich einig, so etwas dürfe nie wieder geschehen. Und die Konsequenz daraus war, wenn die eigenen Machthaber nicht mehr in der Lage waren, ihre Geheimdienste zu schützen, dann müssen eben diese Dienste die Macht übernehmen, um den Staat zu stärken und zu erhalten.

Hals über Kopf floh Wladimir mit seiner Familie zurück nach Leningrad, um wieder am Anfang zu stehen. Aber er war ein zäher Mensch und hatte durch sein Studium und seine Auslandserfahrung besonders gefragte Fähigkeiten erworben.

So ließ er sich in St. Petersburg mit einem demokratisch gesinnten Politiker Anatoli Sobtschak ein, ein früherer Professor von ihm, oder der auf ihn. Es war Putins Einstieg in die Politik und er trat vorerst aus der Geheimdiensttätigkeit aus, aber er hielt die Kontakte zu seinen alten Kollegen.

Es war eine verwirrende Zeit, in der sicher auch Wladimir zu zweifeln begann, welcher Weg der bessere sei und was es zu erreichen galt für ihn selbst, aber auch für seine Ideale, die ihn langsam zu verlassen schienen. Sobtschak war überzeugt, dass der Zusammenbruch der Sowjetunion notwendig und eine große Chance für ein demokratisches Russland war. Das stand im konträren Gegensatz zu Wladimirs früheren Ansichten, aber er war lernfähig und glaubte ihm anfangs, dass er vielleicht Recht damit hatte.

Im Aushalten von Widersprüchen war Wladimir äußerst geübt, also schwieg er und behielt seine Träume für sich. Langsam erwarb er sich das Vertrauen der dortigen wichtigen Leute in Wirtschaft und Politik als loyaler Mitarbeiter und Kenner der Szene.

Er sah die Winkelzüge in den rechtsfreien Räumen, die maßlosen Bereicherungen einiger Weniger, die Schieflage, in die das System unter Boris Jelzin zunehmend geriet.

Und er begriff für sich, dass er sich zurückhalten müsse, seine Zeit würde noch kommen und seine alten Freunde wurden wieder wichtiger. Man beriet, wie man den Ausverkauf der Schätze des Landes aufhalten könne. Auch dass das russische Reich so dermaßen vom Ausland gegängelt wurde, machte die frühere Elite sehr wütend.

Wladimir tat gut daran, sich selber nicht zu bereichern und er beherrschte das Spiel der Täuschung inzwischen perfekt. Als gewandelter ehemaliger Agent mit sichtlich patriotischen Zügen schallte sein Ruf bis nach Moskau. Und als er sogar seinen Stuhl freiwillig als Stellvertretender Vorsitzender bei der Wahlniederlage räumte, schien er der unbestechliche Mann für alle Situationen zu sein. Seine Frau war ziemlich entsetzt, dass ihr Mann seine Privilegien aufgab, sie hatte keine Ahnung, was in ihm wirklich vorging. Ihr Leben bestand neben der Hausarbeit und der Erziehung ihrer beiden Töchter aus Kaffeekränzchen mit Freundinnen und viel Kuchen, Politik fand sie langweilig. Aber sie musste sich wie immer fügen.

Oft waren sie nach Deutschland gefahren, hatten dort Freunde besucht und genossen ihren Urlaub in Frankreich, seine Frau liebte dieses angenehme Leben.

Dann folgte die nächste Etappe, es ging nach Moskau, dem Zentrum allen Geschehens, der zwielichtige Anatoli Tschubais holte und förderte ihn. Wladimir machte seine Arbeit wie ein höriger Beamter in der Verwaltungsbehörde, registrierte aber die Ränkespiele und wie das Geld hin und her geschoben wurde, wer sich daran gütlich tat. Aber auch hier erwies er sich als ein stummer Diener. Sein Rendezvous mit der Demokratie hatte er inzwischen verworfen, die Realität führte ihm vor Augen, dass diese für Russland in der Form nicht möglich war. Der Staat war finanziell und moralisch am Ende, gestützt wurde der kranke Jelzin nur durch seine Oligarchen und der Furcht des Westens, dass die Kommunisten wieder das Ruder übernehmen könnten. Die Kredite aus dem Westen wurden intern aufgeteilt, aber die Wirtschaft lag völlig am Boden, die Menschen verloren ihr Erspartes, der Rubel fiel ins Unermessliche. Was war aus der Weltmacht geworden, die mit so viel Blut erworben war.

Der starke Glaube an das Vaterland war verraten worden, die Werte verschleudert an ein paar Superreiche, die nun den Kreml diktierten.

Wladimir wollte seinem Land dienen, das war sein großer Traum gewesen, er fühlte sich auserwählt, dies mit all seiner Macht zu tun, doch nun diente er einem Haufen alkohol- und geldsüchtiger Personen, die genüsslich die Gedärme des Mütterchen Russland ausweideten.

Im Grunde seines Herzens aber war er ein Tschekist geblieben. Diese mussten das Land wieder retten und die erlittenen Demütigungen der letzten Jahre rückgängig machen.

Wie ein göttlicher Wink erschien ihm die Ernennung zum neuen Chef des FSB, da war er wieder, wo er hingehörte. Über jeden hatte er genug Informationen gesammelt, um sich dadurch den Einfluss zu verschaffen, den er für angebracht hielt. Der Familie um Jelzin schien er dennoch absolut treu zu bleiben, nie hatte er sich etwas zu Schulden kommen lassen, immer hatte er sich bescheiden und unterwürfig gegeben, seine Kopfhaltung war gebeugt, doch sein Blick wies glasklar in eine andere Zukunft.

Die Familie war in Bedrängnis, etliche Politiker hatten sie schon verschlissen, um einen Nachfolger zu bestimmen. Sie brauchten eine Marionette, einen gesichtslosen Gehilfen ihrer eigenen Macht, die sie nicht abgeben wollten und er musste ihnen Immunität zusichern, zu viel kriminelle Energie hatten sie schon in die Tat umgesetzt. Wladimir hatte nie Anstalten gemacht, nach der Macht zu greifen, er erfüllte scheinbar alle Kriterien, die sie sich vorstellten.

Welches Netzwerk er in all den Jahren unterschwellig mit seinen Gesinnungsgenossen geknüpft hatte, blieb ihnen verborgen, er redete auch nicht viel, tat nur seine Pflicht.

Doch wie sollte man so einen farblosen Apperatschik zum Präsidenten aufbauen, wie sollte man aus diesem Wladimir einen Putin machen. Der Zufall würde schwerlich dabei helfen, aber es gab andere Mittel und Wege in dem fintenreichen politischen Theater.

Noch bevor der Westen den Terrorismus für sich entdeckte, hielt er in Russland Einzug.

Der wohl einflussreichste Oligarch war Boris Beresowski, er war geübt im Fährten legen und der cleverste Strippenzieher im Kreml. Mit guten Kontakten zu tschetschenischen Rebellen, allen voran Schamil Bassajew, ermunterte er diese, in Dagestan einzufallen. Aber denen war anscheinend nicht klar, auf welches Spiel sie sich da eingelassen hatten. Denn das war nur der Auftakt eines ausgeklügelten Planes. Kurze Zeit später sprengte man einfach ein paar Hochhäuser am Moskauer Stadtrand und in Wolgodonsk in die Luft, dabei starben hunderte von Menschen und man beschuldigte ebenfalls tschetschenische Rebellen.

So konstruiert diese Zusammenhänge auch waren, sie schienen glaubhaft zu sein, waren doch die Rebellen zu allem in der Lage, wie man vorher zweifelsfrei feststellen konnte.

Und Putin war geboren, der Retter der Nation, der weiß, wie man mit den Banditen umzugehen hat und der das auch unmissverständlich äußerte. Selbst die Toiletten waren vor ihm nicht mehr sicher.

Als dann ein paar Tage später eine Bombe in einem Wohnblock in Rjazan von aufmerksamen Polizisten gefunden wurde und die Spuren zum FSB führten, erwiderten die Mitarbeiter, es handele sich um eine Attrappe, man wollte nur die Aufmerksamkeit der Anwohner testen.

Im Fernsehen trat ein FSB-Offizier auf mit einer verpackten Tüte und behauptete felsenfest, darin sei das Beweismittel, es sei nur Zucker, aber öffnen dürfe er es natürlich nicht, da es eben ein Beweis für die Unschuld des FSB sei .

Aus der Ungläubigkeit der Russen wuchs aber in den Wochen danach eine Art Bewunderung für diesen Coup. Und der Krieg gegen Tschetschenien nahm seinen Lauf, die Bevölkerung war auf der Seite Putins gegen die Terroristen eingeschworen. Putin war auf allen Kanälen zu sehen, im Kampfjet als Krieger, Messer austeilend an die Soldaten, seine Entschlossenheit machte großen Eindruck. Vor allem war da ein vitaler Mann, nicht so ein tanzendes Wrack, wie man einen Jelzin gelegentlich zu sehen bekam.

Der Einmarsch gegen die abtrünnigen Tschetschenen, die sowieso als Bergvölker zweiter Klasse angesehen wurden, brachte wieder Schwung in das verlorene Selbstbewusstsein der Russen.

Sie waren wieder wer, niemand sollte ihnen von außen diktieren, was sie zu tun und zu lassen hätten, Putin sei Dank. Durch diesen Krieg wurde aus dem gefriergetrockneten Haifisch ein höchst lebendiger.

Was immer Putin auch genau gewusst haben mag, wer auch immer diese Anschläge verübt haben mag, niemand aus dem FSB hätte so ein Unterfangen bei diesen für sie so positiven Folgen abgelehnt. Und was zählen schon ein paar Menschenleben, wenn es um den Erhalt oder die Ergreifung der Macht geht. Putin selbst meinte hinterher mit leuchtenden Augen vor seiner versammelten Tschekistenschar, dass die erste Mission erfüllt sei, sprich endlich die Dienste da angelangt waren, wo sie glaubten hinzugehören, nach ganz oben und niemand war mehr in der Lage, sie im Stich zu lassen. Keiner Regierung mussten sie nun Folge leisten, sie bestimmten nun die Geschicke des Landes. Sie allein würden Russland wieder als eine Großmacht statuieren, der alte neue Glanz würde die kleinen schmutzigen Details vergessen machen.

Putin erklärte später auch, dass der Zerfall der Sowjetunion das größte geopolitische Desaster des Zwanzigsten Jahrhunderts gewesen sei, dies galt es wieder in Ordnung zu bringen, die nächste Mission. Und es war letztendlich Putins Krieg, der ihn populär machte, ihn als potenten Führer darstellte und Beresowski war der Mathematiker, zuständig für die Rochaden auf dem Reißbrett um die Macht.

Eigentlich hatte Beresowski selber Ambitionen auf das Präsidentenamt, aber er musste einsehen, dass er als reicher Jude in einem latent antisemitischen Klima im Lande nicht akzeptiert werden würde, so baute er seinen Lieblingskandidaten auf. Er war sicher in der Lage, jeden X-Beliebigen zum Präsidenten zu machen, aber auch er verschätzte sich gewaltig, weil er glaubte, durch Putin das System lenken zu können und in ihm einen willigen Gehilfen sah. Er hatte nicht mit der gewaltigen Energie der aufstrebenden Geheimdienste gerechnet, dieser verschworenen Gemeinschaft, die sich ihrer Sache noch nie so sicher gewesen war.

Auch die Gründung einer Kremlpartei und die theatralische Abdankung Jelzins zur Jahrtausendwende waren wohl seine Ideen, damit war aus einem Unbekannten innerhalb von nur sechs Monaten ein passabler Präsident geworden.

Die Informationen der westlichen Geheimdienste, die man über Putins KGB-Tätigkeit in der DDR hatte, verschwanden in den dunklen Kellern, niemand im Ausland konnte es sich leisten, die Wahrheit ans Tageslicht zu fördern, man wollte es sich mit dem Neuen nicht verderben.

Putin war nun überall präsent, wo immer man hinschaute, mal energisch, mal mit einem verschmitztem Lächeln, man traute sich kaum noch eine Fischbüchse zu öffnen. Roman Abramowitsch finanzierte den erfolgreichen Wahlkampf mit Geld seines Ölkonzerns Sibneft.

Die Jelzin-Familie bekam ihre Immunität, die sie auch bitter nötig hatte bei ihren krummen Geschäften und Beresowski bekam den Laufpass, nachdem er zunehmend kritischer wurde. Putin nahm ihm seine Medienmacht, er hatte ausgedient und ließ ihn nach London ziehen, wohl wissend, dass Beresowski die Schaltzentrale für seinen Aufstieg gewesen war und sämtliche düsteren Wahrheiten beweisen hätte können.

Doch Beresowski kannte die Regeln, er hatte verloren und nun saß Putin am längeren Hebel, der Schüler hatte seinen Meister überholt. Um zu überleben, musste er ein neues Spiel spielen, das des Dissidenten mit seinem Lieblingsfeind Putin. Windig wie er war, schaffte er das mühelos und unterstützte so manche Abtrünnige oder ließ sie ins offene Messer laufen, wenn sie zu renitent waren wie der Ex-KGB-Agent Alexander Litwinenko. Aber auf einer höheren Ebene verstand man sich und nahm sich gegenseitig in Kauf, nichts verbindet mehr als gemeinsame Verbrechen.

Auch Wladimir Gussinski hatte die Frechheit besessen und Kritik am Kreml geübt, er musste nun sein Imperium aus Firmen und Medien zurücklassen und floh nach Israel.

Putin hatte erreicht, was er vielleicht nicht wirklich gedacht hatte, so hoch hinaus schien er anfangs nicht zu wollen. Wie ein kleiner Junge nahm er den Atomkoffer in seine Hand, mit gesenktem Haupt und einem spitzbübischen Lächeln in seinen Augen. Aber er war nicht allein, hinter ihm standen schon die Reihen seiner Kameraden bereit, um alles an sich zu reißen. Männer aus Petersburg waren nun überall zu finden, eine alte Clique, die sich berauschen wollte. Nur so einfach war das nicht, erst wenn man ganz oben angekommen war, sah man, wie schwerfällig das russische System eigentlich strukturiert war.

Die Bürokratie war ein äußerst zähes, unterbezahltes und deshalb korruptes Gebilde und hatte ihre Führer selbstbewusst kommen und gehen sehen. Beschlüsse kamen nicht an, man umging die Gesetze und lieferte viele Informationen gar nicht oder zu viele nach ganz oben und diese Fülle an Entscheidungen, die ein Präsident fällen musste, machte das Land praktisch unregierbar. Einer allein konnte das unmöglich bewältigen, so wurde das eben oft anderweitig geregelt. Es gab dadurch eine gewisse Machtlosigkeit der Macht, ein großes Problem.

Auch war Putin anfangs hilflos und geriet in Konflikte mit seine alten Kameraden, weil diese zu schnell zu viel wollten, aber er hatte die Fähigkeit, Dinge aushalten zu können und nach außen ruhig und souverän zu wirken. Er wurde zum Inbegriff eines neuen erstarkten Russlands.

Nach außen signalisierte er, ein ganz normaler Bürger zu sein, Einer von Euch. Und er schien die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in sich vereinen zu können.

Dass Putin zuerst einige Oligarchen verscheuchte, war eine Art Scheinmanöver gegen die Superreichen, das brachte ihm viel Sympathie in der Bevölkerung. Das Vermögen, so propagierte er, sollte dem russischen Volk gehören. In Wirklichkeit wollte er, dass seine Leute an die Ressourcen des Landes kommen, nur so konnte er sich seiner Hausmacht, dem FSB sicher sein und es gab viel zu verteilen.

Diejenigen Neureichen, die sich mit ihm arrangierten, durften ihren Besitz behalten, er sicherte ihnen eine Ordnung zu, die man unter Jelzin doch arg vermisst hatte, eine Diktatur der Gesetzes, wie Putin sich ausdrückte und er meinte es ganz ernst.

Wieder war ihm das Schicksal gnädig, die Preise für Öl und Gas stiegen gewaltig und davon gab es hier eine Menge. Der Staat war ziemlich pleite als er das Ruder übernahm, nun sprudelte das Geld in die Staatskassen und Putin begriff sofort, damit würde er seine Macht konsolidieren können. Doch was tut man mit einem Volk, das ausgehungert und desillusioniert ist. Man gibt ihm die alte Idee von einem Weltreich zurück, dafür muss man Opfer bringen, jeder auf seine Weise, was zählt schon der Einzelne. Patriotismus und Pathos sind die Wiegen des Glücks der Gemeinschaft, jeder hatte sich dem zu fügen.

Auch Putin fügte sich auf seine Weise, seiner großen Idee. Er stilisierte sich als starker Mann, der alles im Griff hat, über alles Bescheid weiß und die Geschicke des Landes lenken kann.

Man sah ihn in allen männlichen Posen, als Kampfsportler, als Reiter, als Angler mit einem muskulösen Oberkörper, beim Schießen und im U-Boot. Wenn da nicht nur die Kursk gewesen wäre, ein Makel, den er lange nicht los wurde. Die Angehörigen der ertrunkenen Matrosen wollten sich partout nicht einschüchtern lassen und schimpften auf ihn.

Das war eine bittere Lektion für Putin, sein Volk war dabei, mündig zu werden und das durfte nicht sein. Er musste ein unangreifbarer Herrscher werden, dieser Gedanke verfestigte sich in ihm, das verlangte der Tribut an die Geschichte von ihm. Eigentlich war es seine größte Schwäche, dass er dachte, er müsse es seinen Vorgängern gleichtun, die historischen Mechanismen taten gleichgültig ihr Werk und Putin war diesem byzantinischen Erbe verhaftet.

Nur Michael Gorbatschow hatte in seinen Augen gründlich versagt. Einem Putin sollte es nicht passieren, dass noch mehr heiliger russischer Boden verloren geht, wo russisches Blut vergossen worden war. Selbst wenn Tolstoi geschrieben hatte, dass die Russen im Kaukasus nichts verloren hatten, so hatte doch Puschkin den Kaukasus als Heimat verklärt.

Der Tschetschenienkrieg erwies sich weiterhin als ausgesprochen nützliches Vehikel zur Gehirnwäsche der Sicherheitskader, sämtliche Soldaten wurden im Rotationsverfahren dadurch geschleust, um einer Instabilität vorzubeugen und Härte zu schaffen.

Der Bevölkerung wurde die Gefahr von terroristischen Anschlägen tagtäglich in den Medien klargemacht und sie geschahen dann auch in immer brutalerer Art und Weise. Nach dem elften September hatte Putin auch die Rückendeckung der westlichen Welt mit seinem ganz persönlichem Kreuzzug gegen das Böse in seinem Lande.

Für den Kreml war das wichtigste Element die Kontrolle. Wie im Gleichklang war im Fernsehen von Banditen die Rede, die ständig die Sicherheit bedrohten, eine Art Paranoia wurde eingeimpft und nur ein starker Staat könnte das Schlimmste verhindern. Auch feindliche Kräfte aus dem Ausland wurden regelmäßig als Bedrohungsszenario postuliert, deren man sich ständig erwehren musste, ihr Ziel war angeblich, den russischen Staat zu schwächen.

Putin war selbst ein Produkt der Medien, das war ihm bewusst. Und da inzwischen die meisten Fernsehsender und Zeitungen in staatlicher Hand waren, konnte er so über die Befindlichkeiten seines Volkes regieren und Angst macht jeden hörig. So schwebten die manipulierten Russen zwischen ihrer Furcht und ihrer Ehre bodenlos hin und her, eine Masse, die sich unmerklich unterdrücken ließ.

Sie selbst wiegten sich in altem Stolz mit ihrer früheren Nationalhymne in Nostalgie, auch die Tötungsmaschinerie Stalins und die Gulags waren kein Thema mehr. Stalin hatte auch seine guten Seiten gehabt. Russlands Biographie wurde Schritt für Schritt begradigt, wie auch die von so vielen Parteigenossen. Es gab neue Schulbücher, Putins Kindheit wurde darin verklärt samt der Geheimdienste, man holte diese aus der Schmuddelecke und machte sie zu den neuen Helden.

Die Wenigen, die sich vehement wehrten, bekamen immer größere Schwierigkeiten, man wollte keine Aufarbeitung der Geschichte. Dass sie sich in vielen Punkten zu wiederholen schien, war eigentlich kein Unglück für die Obrigen. Schuldeingeständnisse wurden als Schwäche angesehen.

Es hieß ganz offen, dass die Feinde, das Ungeziefer, ausgerottet werden müssen.

Mit Dreistigkeit und Härte ging der neue Polizeistaat mit Andersdenkenden um. Die Silowiki, die Sicherheitsorgane benahmen sich so, wie sie dachten, dass Putin es von Ihnen verlangte.

Auch das Lachen über die Mächtigen wurde immer seltener, die Sendung Kukly, die Puppen, die so wunderbar satirisch und bösartig vor allem mit Putin umgingen, wurde eingestellt, das Klima wurde rauer.

Viele behielten jedoch ihre Ergebenheit gegenüber ihrem Präsidenten. Schon immer dachten sie, dass der alte bzw. neue Zar von ihrer Not nichts wüsste und nahmen ihn in Schutz.

Dann kam das Geiseldrama im Musicaltheater Nordost. Etwas Unvorstellbares geschah mitten in Moskau. Aber wie konnte es geschehen, dass die Waffen unbehelligt in das Theater gelangten und eine Gruppe von Tschetschenen hunderte von Geiseln nehmen konnten. Angeblich gab es einen Doppelagenten, der daran beteiligt war, der fliehen konnte und später bei einem Autounfall ums Leben kam.

Wie auch immer, für Putin war von Anfang an klar, diese Sache musste so schnell wie möglich bereinigt werden. Das giftige Gas tötete viele Unschuldige, obwohl man das hätte verhindern können, aber man wollte nicht. Rein theoretisch wären die Geiselnehmer in der Lage gewesen, die Bombe im Saal noch hochgehen zu lassen, aber sie taten es nicht. Putin griff hart durch, koste es, was es wolle, das Ergebnis war erschreckend.

Er stellte es sogar noch als einen Erfolg dar und lobte die Einsatzkräfte. Allgemein wurde der entsetzliche Ausgang des Dramas akzeptiert, es war immer so gewesen, dass Menschen wie Wanzen zerquetscht wurden.

Als zwei Jahre später eine Schule in Beslan in Geiselhaft genommen wurde, gab es das selbe Muster, auch diese Angelegenheit wurde blutig beendet, die Ermittlungen in beiden Fällen blieben verschleiernd. Schuld waren die Terroristen, Schuld waren die anderen und der Staat handelte nur aus seinem Machtreflex, der keine Individuen kennt. Doch dieses unermessliche Leid erschütterte die ganze Nation, die vielen unschuldigen Kinder, die sterben mussten, weil man nicht bereit war, zu verhandeln.

Dass ständig in Tschetschenien Frauen, Kinder und Männer starben und verschleppt und verstümmelt wurden, registrierte die Öffentlichkeit kaum. Dieses tägliche Elend kam in den Medien nicht vor. Jede Familie dort hatte Tote zu beklagen, deren Leichen mussten sie den Behörden teilweise abkaufen, jede dritte Frau war eine Witwe. Hunderte von Kindern waren auf Minen getreten. Es wurde entführt, gefoltert und gedemütigt.

Waffen wurden hin und her verschoben und aus Armeebeständen auch an Rebellen verkauft, um den Alkoholkonsum zu sichern. Aber es verdienten einige ziemlich gut daran, diese wollten nicht, dass der Krieg ein Ende hat. In dieser Verwirrung hatten auch islamische Fundamentalisten Fuß gefasst, die für ihren Glauben kämpften, eigentlich waren die Tschetschenen eher moderat, was die Religion anging, aber nun verschärften sich die Widersprüche aufs Äußerste.

An eine Unabhängigkeit war nicht mehr zu denken, vor allem, seit der größenwahnsinnige Ramsan Kadyrow das Zepter in der Hand hielt, seine Truppen, die Kadyrowski terrorisierten die Bevölkerung und verbreiteten Angst und Schrecken.

Dieser kleine Fleck Erde bedrohte laut Putin die russische Gesellschaft, in einem anderen Sinne hatte er vielleicht Recht, aber er brauchte das Bedrohungspotenzial für seine despotische Politik.

Er bekam weiterhin großen Zuspruch in der Bevölkerung, aber sie sahen ja auch nur ihn. Jede Nachrichtensendung fing mit Putin an, er reiste durch das Land und begutachtete seine Untertanen, machte zu allen Dingen seine Bemerkungen und war immer positiv dargestellt, ein guter Führer.

Er repräsentierte das ganze Land, war der Experte für alles, stand über allem, war für jeden der Präsident, der die Einheit Russlands zu seinem Programm machte.

Er führte den Staat wie ein Unternehmen, das ihm allein gehörte. Überall waren Geheimdienste postiert, in jeder Schaltstelle saßen sie, alles hatten sie unterwandert. Er konnte sich auf seine Petersburger Kameraden verlassen.

Zeitungen, die nicht willig waren, wurden für bankrott erklärt, Aufsässige wurden schikaniert oder mit schmutzigen Videos diffamiert und juristisch verfolgt.

Wer den Staat kritisierte, beschädigte ihn und das war laut Putin ein Verbrechen. Immerhin wurde er von den meisten wieder gewählt, er war der unangefochtene Präsident. Ein unglaublicher Personenkult wurde um ihn gemacht, überall hing sein Portrait, außer ihm gab es niemandem, weil man sonst niemanden sah.

Er war der große Einsame, der allein die wichtigen Entscheidungen fällte. In seinen Alpträumen kämpfte er vielleicht gegen sich selbst, da er keinen Widerpart hatte. Vielleicht zerfleischten ihn seine nächtlichen Gespenster, vielleicht glaubte er sich jedes Wort. Die Macht hatte ihn verwandelt, wie sie es mit jedem tut, auf leisen Sohlen kommt sie launisch und unberechenbar daher.

Auch eine Putin-Jugend wurde gegründet, Nashi, die Unsrigen, die vehement ihr großes Idol feierten mit bedruckten T-Shirts und Plakaten und großen Kundgebungen, zu denen sie aus dem ganzen Lande zusammengekarrt wurden. Wer Karriere machen wollte, hatte keine andere Wahl als sich schon früh mit der Obrigkeit zu arrangieren.

Vielleicht wurde es Putin manchmal unheimlich, wenn er sich tausendfach gespiegelt sah, seine eisblauen Augen wurden noch kälter, seine Gesichtszüge kantiger. Eigentlich war er ziemlich hässlich, aber Ruhm macht bekanntlich jeden Menschen attraktiv.

Seine Frau war es umso weniger, trotz ständigem Frisurwechsel und betont schicken Kleidern sah sie immer etwas fehl am Platze aus, wie eine vernachlässigte Ehefrau. Sie mochte es nicht, ständig zu repräsentieren und sie konnte es auch nicht, aber sie war eine Nebensache, alle Augen waren auf ihren Mann gerichtet.

Er war unbestritten der neue Zar und er wollte sein Vorbild, Zar Peter noch übertrumpfen. Alles schien ihm zu gelingen, aber es gab Widerstand von einem Oligarchen, Michail Chodorkowski. Putin warnte ihn, wie er immer nur einmal warnte, bevor er zuschlug. Aber Chodorkowksi wähnte sich in Sicherheit, er war der reichste unter den Oligarchen und besaß die größte Ölfirma des Landes, Yukos. Er war der erste, der eine Transparenz seines Unternehmens einführte und seine Steuern ordentlich bezahlte.

Wie auch die anderen Oligarchen war er zur Jelzin-Ära mit unlauteren Mitteln zu diesem Reichtum gekommen, nur damals gab es noch nicht die Gesetze, so konnten sich einige Wenige alles unter den Nagel reißen und blieben dabei straffrei. Leidtragende waren wie immer die einfachen Leute, die umso mehr verloren hatten.

Chodorkowski machte zwei entscheidende Fehler. Er wollte, dass ausländische Unternehmen an der Rohstoffförderung beteiligt werden sollten und wollte teilweise seine Anteile an diese verkaufen. Das ging dem Putin-Clan entschieden zu weit, ihr Öl sollte in russischen Händen bleiben. Sie argumentierten, es sei russisches Eigentum. Aber es sollte eigentlich ihr Eigentum sein, es war ihr Recht, das Öl zu beanspruchen und sie verschleierten ihr Anliegen mit der Behauptung, dass das Volk darum nicht betrogen werden sollte. Öl bedeutet Macht und nur darum ging es. Putin war inzwischen besessen davon, er bekam leuchtende Augen, wenn er von den Gewinnen sprach und seine Konsorten ebenfalls.

Den zweiten Fehler, den Chodorkowski machte war, er unterstützte mit seinem Geld die klägliche Opposition im Lande, eine Randerscheinung. Aber er glaubte, eine Art Zivilgesellschaft sei für eine Demokratisierung dringend notwendig. Die paar Parteien, die es außer der Kremlpartei gab, konnten dem Regime nicht wirklich gefährlich werden, aber sie wurden niedergeknüppelt, wieder nur ein Machtreflex. Man fürchtete sogar die orangene Farbe der Ukraine, diese Revolution war wohl Putins größte persönliche Niederlage.

Aber auch die russische Opposition wollte mit ihrem Streben nur nach oben, etwas von dem Kuchen abbekommen. Es gab eine alte Regel, bin ich der Herr, trete ich dich, bist du der Herr, trittst du mich und jeder versuchte dahin zu kommen, wo er treten konnte. Aber die Fressnäpfe waren vom FSB besetzt.

Außerdem äußerte Chodorkowski politische Ambitionen und das war tabu, die Reichen durften ihr Geld nur so lange behalten, so lange sie sich loyal gegenüber der Regierung verhielten. Er wurde kurzerhand verhaftet und wegen Steuerhinterziehung in ein Straflager gesperrt. Mit einer gewissen Häme reagierte die Bevölkerung, auch Reichtum schützte nicht vor dem langen Arm der Macht, der Jude Chodorkowski hatte seine Quittung bekommen.

Sein Konzern wurde zerschlagen und in staatliche Hände geschoben zu Rosneft. So waren nun fast alle Ressourcen unter der Kontrolle der Putin-Gefolgschaft. Die andere Trumpfkarte, das Gas hatten die Sicherheitsbehörden schon vorher mit der Firma Gasprom an sich gerissen. Es war unter Putin alles neu zu ihren Gunsten verteilt worden.

Gasprom finanzierte auch die Fernsehsender, die Zeitungen, die Putin-Jugend, aber auch ein kleines Demokratie-Häppchen, den oppositionellen Radiosender Echo Moskwy. So konnten sie dem Westen vorführen, dass auch sie demokratiefähig waren. Sie bedienten damit nach außen die skeptischen Erwartungen des Westens.

Überhaupt war auf dem Papier alles sehr demokratisch, die Gesetzgebung, die Verfassung, sogar die tschetschenische war eine rhetorische Meisterleistung, nur die Wirklichkeit sah anders aus.

Staatsanwälte und Richter hatten einen Freibrief, waren korrupt und keiner Verantwortlichkeit gegenüber schuldig. Gesetze waren Willkür, jeder war sich im Klaren darüber, eine richterliche Unabhängigkeit war nicht zu erwarten.

In der Putin-Ära wurden mehr als zwanzig Journalisten getötet oder sie verschwanden einfach.

Die Populärste unter ihnen war Anna Politkowskaja, die unerschrocken für das kleine Blatt Nowaja Gazeta recherchierte. Sie deckte die Machenschaften in Tschetschenien auf, unermüdlich sammelte sie die Beweise des dortigen Terrors, um wachzurütteln. Sie versuchte, in dem Geiseldrama von Nordost zu vermitteln und auch in Beslan, wo sie allerdings nie ankam, weil man sie im Flugzeug vergiftete, sie überlebte das nur knapp.

Trotzdem machte sie weiter. In Putin und seiner Gefolgschaft sah sie den Betrug am russischen Volk, eine zynische Machtclique, die nur taktierte, um ihre knallharten Macht- und Wirtschaftsinteressen durchzusetzen und sich bereicherte. Die restaurativen Kräfte hatten sich gegen die reformistischen behauptet, die ewige Wiederkehr des Gleichen. Den Staatsterror gegen die eigene Bevölkerung zeigte sie dezidiert am Beispiel Tschetschenien. Der Vergeltungskrieg war immer noch eine perfekte Propagandamaschine, obwohl offiziell kein Krieg mehr herrschte.

Aber wie sollte man diese Zustände dort nennen, diese alltägliche Schikane, die Angst, jederzeit verhaftet zu werden und rechtlos zu sein. Der Wahnsinn hatte Methode, es gab Wichtigeres als Menschenrechte.

Die Großmachtsgefühle waren unter dem Mantel der Bedeutsamkeit geweckt worden und nur die Begehrlichkeiten der Herrschenden wurden gestillt. Zwar wurden wieder Renten und Löhne gezahlt, aber das ganze Geld floss nach Moskau, die Stadt der Milliardäre und in die Heimatstadt Putins nach St. Petersburg. Auf den Straßen bettelten die alten Mütterchen. Und schon wenn man ein paar Kilometer aus den Hauptstädten fuhr, sah es trist und traurig aus wie zu Sowjetzeiten und teilweise schlechter.

Alkohol und Drogen machten die Menschen kaputt. Die Gefängnisse waren gnadenlos überfüllt und äußerst brutal, oft waren es alte Gulags, die etwas umfunktioniert wurden.

Und über allem schwebte dieser Putin, den man nicht verstehen musste, sondern an ihn glauben. Seine Machtvertikale hatte er perfektioniert, die Gouverneure bestimmte nur er selbst, unabhängige Duma-Abgeordnete gab es nicht mehr und es wurde wieder massiv aufgerüstet. Das Märchen von der gelenkten Demokratie glich eher einer Autokratie oder einer Diktatur. Es gab Wahlfälschungen und Einschüchterungen allerortens. Die Krake Geheimdienst hatte ihre Arme überall und saugte sich dämonisch in allen Bereichen fest.

Wie eine Kriegerin gab sich Politkowskaja der Gefahr hin, ließ sich das offene Wort nicht verbieten, prangerte die Verbrechen und Missstände an. Das wurde ihr zum Verhängnis. Ausgerechnet an Putins Geburtstag wurde sie hinterrücks vor ihrer Wohnung hingerichtet.

Für Putin war das ein Problem weniger und er bemerkte unverhohlen, dass der Tod dieser Journalistin ihm doch mehr schade, als ihm nütze und dass sicher ausländische oder tschetschenische Terroristen dahinter steckten. Nach ein paar Tagen ebbte dieses Ereignis aber wieder ab, die Staatsanwaltschaft gelobte die Aufklärung.

Für Putin lief es weiterhin bestens, er wurde vom Ausland hofiert, die Öl- und Gasvorkommen brachten ihm die Aufmerksamkeit und Stärke. Und er verstand sich prächtig mit seinen Mitspielern auf dem Parkett der großen Männer. Sein breites Lachen zeigte seine innere Sicherheit, kein Zweifel war mehr in ihm, er hatte geschafft, wovon Zar Peter träumte, die Augenhöhe mit der westlichen Welt. Er beherrschte auch die Begrifflichkeit der demokratischen Gewänder. Eloquent und pointiert machte er seine Witze, seine neuen Freunde in aller Welt nahmen das als Sympathiebekundung auf.

Seine strategischen Fähigkeiten, die Gleichzeitigkeit von gegensätzlichen Dingen auszuhalten und abzuwarten, bis der andere eine Schwäche zeigt, erzeugten Bewunderung.

Auch hatte man vor dem russischen Riesen allein durch seine Ausmaße schon Respekt. Und der Westen hielt an seinem Wunschdenken fest, die Unebenheiten dort würden sich schon geben. So einen Riesen wollte man nicht wecken, lieber gab man dem Bären Zucker.

Das alles bestärkte Putins unangefochtene Stellung, das bisschen Krieg im Kaukasus, die Menschenrechtsverletzungen und die desolate Lage der Pressefreiheit waren Kleinigkeiten, solange das Öl floss.

Auch die Erpressung der abtrünnigen Ukraine und die Grenzzwistigkeiten mit Georgien, die Repressalien gegen deren Bürger nahm man gelassen hin und die Unterstützung der Diktatur Weißrusslands, welches ebenfalls zurück ins Reich sollte.

Wichtig war die außenpolitische Stabilität, die Putin geschaffen hatte. Er schien ein verlässlicher Partner zu sein, und die Sache mit der gelenkten Demokratie war eben Russlands Sonderweg. Dazu gehörten auch die neuen Gesetze gegen extremistische Elemente, die man auf jeden unliebsamen Bürger anwenden konnte und die Niederschlagung der Opposition. Auch wollte sich keiner an die stalinistische Vergangenheit mit den Millionen von Toten erinnern, die sich im russischen Bewusstsein mehr und mehr zu einem neuen Nationalstolz entwickelte.

Selbst die orthodoxe Kirche hatte wieder Fuß gefasst, Putin war als Kind heimlich getauft worden und bekreuzigte sich artig in den Gotteshäusern. Sein Weg war mit Gott, von Gott bestimmt, so lautete das Credo der geistlichen Führung, die immer, wenn es möglich war, mit den Machthabern paktierte.

Aus russischer Sicht war Putins Karriere stringent erfolgreich, ein einfacher Mann, der es vom Geheimagenten ganz nach oben geschafft hatte. Aber die Präsenz des FSB weckte ein wenig Schauder in vielen Menschen und man achtete wieder darauf, mit wem man worüber sprach. Offensichtlich wurde deren absolute Macht durch den Fall Litwinenko, der auch im Westen ein Unbehagen auslöste. Es war wie ein offener Brief, dass die alten Zeiten des Terrors noch nicht vorbei waren. Es gibt keine ehemaligen Spione, das war ein eisernes Gesetz, wer sich abwandte, hatte mit dem Ärgsten zu rechnen.

Ernsthafte Sorgen machte man sich um Putins Nachfolge, nicht nur im Ausland, auch die Russen wollten ihn behalten. Demütig beschwichtigte Putin sein Land und die Welt damit, dass er die Verfassung anerkenne und nicht noch einmal als Präsident antreten wolle und zauberte seinen Buben hervor, den etwas ungelenken Teddybären Dmitri Medwedew.

Fast zwei Jahrzehnte führte der ein Schattendasein als harmloser Erfüllungsgehilfe, allerdings hatte er als Chef von Gasprom seinen nicht unerheblichen Anteil am System Putins. Was dann doch verwunderte war die Tatsache, dass er nicht dem FSB angehört. Aber das war äußerst schlau von Putin, denn so hat Medwedew keine eigene Hausmacht, schließlich sitzen die FSB-Kumpanen überall. Und Medwedew kann nicht auf sie zurückgreifen, er gehört nicht zum eigentlichen Zirkel der Macht und hat somit nicht den Rückhalt wie damals Putin, um seine Machtfülle durch die ehemaligen Strukturen zu festigen.

Wenn der Westen nun glaubt, es könnte sich durch einen liberaleren Präsidenten etwas ändern, rechnet er nicht mit den Kräften im Hintergrund.

Die nächste Überraschung war Putins Entschluss als Ministerpräsident weiter in der Politik zu wirken, er darf sich auch unentbehrlich fühlen. Die Verehrung, die ihm entgegengebracht wird, kann ihn nichts anderes glauben machen. Doch als Ministerpräsident untersteht er dem Befehl des Präsidenten. Also wird er eben mal schnell als ehemals Parteiloser Vorsitzender der Partei Einiges Russland, die über eine Zwei-Drittel-Mehrheit in der Duma verfügt und die Machtbefugnisse neu bestimmen kann und den Präsidenten notfalls absetzen könnte.

Wie in einem Spinnennetz sitzt Medwedew in den Klauen der Geheimdienste fest.

Und wie groß oder klein der Kreis um Putin wirklich ist, das weiß niemand, Geheimnisse gab er nie wirklich preis. Aber er hat vorgesorgt und verschiedene Gruppen geschaffen, die er als Schiedsrichter gegeneinander ausspielen kann, wenn sie sich um die Futtertröge der Macht streiten.

Er allein wird die Balance weiter halten. Aber es gab noch nie Platz für Zwei im Kreml, vielleicht ist es eher eine ausgefeilte Struktur des Doppeladlers.

Und der FSB-Clan muss an der Macht bleiben, zu viel hätten sie zu verlieren. Das Einzige, was sie vor Strafe schützt, ist im Kreml zu bleiben. Es geht um nichts Geringeres, als zu überleben, zu verstrickt sind sie in dunkle Machenschaften und Intrigen, ihre Hände sind mit Blut besudelt.

Und Putin ist das Gesicht dafür, das uns alle anschaut.

 

Zurück zu den Texten