Schach

Alexander war ein lieber Junge, schüchtern zwar, jedoch sehr hilfsbereit und umgänglich, aber man konnte in seinen Augen eine besondere Ängstlichkeit beobachten. Wenn die aufflackerte, war er ein anderer Mensch, aggressiv und unberechenbar. Solange er noch klein war, fanden das alle Leute im Haus amüsant, für sie waren es Kinderflausen.

Er wuchs am Stadtrand in den Plattenbausiedlungen auf, seine Familie wohnte im sechsten Stock, er fand es eigentlich unheimlich, sagte es aber niemandem, weil er fürchtete, dass er sich lächerlich machte. Nachts konnte er nicht einschlafen, die Geräusche kamen aus allen Ecken, und die Fratzen, die ihm am Tag aus dem Teppichmuster entgegen starrten, erwachten und quälten ihn.

Selbst wenn er die Augen schloss, konnte er sie sehen, sie durchbohrten ihn, so dass er einen stechenden Schmerz fühlte, und das jede Nacht. Es hörte erst auf, als sein Vater ganz unerwartet auf der Straße zusammen brach und kurze Zeit später starb. Sein Vater war äußerst streng, er war Beamter, fühlte sich aber überqualifiziert, seine Arbeit füllte ihn nicht aus, dafür spielte er leidenschaftlich gern Schach. Er traf sich jeden Tag in einer Kneipe, um zu spielen, er gehörte zu den besten Spielern in dem Bezirk, aber zu mehr reichte es auch nicht.

Er hoffte, sein Sohn würde es schaffen, er wünschte sich einen erfolgreichen Sohn, also übte er jeden Tag mit ihm. Alexander kam von seinem Wesen eher nach der Mutter, er träumte lieber, als sich der Realität zu stellen, er fühlte sich nicht wirklich lebendig, außer in diesen Angstzuständen. Und er war ein schlechter Schachspieler.

Obwohl sein Vater ihn regelmäßig prügelte, damit er sich konzentrierte, wurde es nicht besser, er konnte einfach nicht voraus schauend denken, außerdem fing immer sein Vater mit dem Spiel an, für ihn blieb nur die Farbe schwarz.

Wenn der Vater nicht zu Hause war, spielte er sein eigenes Märchenschach, die Figuren bekamen Namen und schwirrten, wie er es wollte, über die Felder, die schwarzen Figuren waren die Guten und mussten gewinnen.

Die quadratischen Felder faszinierten ihn besonders, die acht war seine Lieblingszahl und hier gab es acht mal acht davon, die ganze Welt hatte Platz darin, mehr brauchte es nicht, immer wieder zählte er die Felder, auch in Gedanken hatte er sich sein eigenes Schachfeld geformt. Die Perfektion davon war ein Brett ganz ohne Figuren, nur die reine Zahl.

Aber die Figuren spazierten in Gedanken über sein Brett, er konnte sie nicht loswerden, also spielte er immer neue Spiele mit ihnen, bis auch die schwarzen Figuren nicht mehr die Guten waren, alle Figuren waren jetzt seine Feinde geworden. Nachts verbrüderten sie sich mit den Fratzen, und versuchten, sein Schachbrett zu zerstören, fast hätten sie es geschafft, aber dann starb der Vater, für eine Zeit schien er erlöst zu sein.

Alexander kannte den Tod nicht, Schachfiguren sterben nicht, er verstand nicht, was damit gemeint war, dass sein Vater nun tot ist. Aber er weinte wie seine Mutter, und er fühlte sich gut damit, befreit und lebendig, er war endlich am Leben, die Angst verschwand, die Fratzen hatten keine Macht mehr über ihn. Der Tod war eine magische und positive Kraft für ihn, natürlich war er traurig, aber so spürte er sich.

Dieses Gefühl wollte er nicht verlieren, aber es ließ nach einer Weile nach. Seine Mutter bemerkte die Veränderung ihres Sohnes, sie dachte, dass aus ihm nun bald ein richtiger Mann werden würde und bat ihn, eine Ausbildung zum Tischler zu machen, er könne Schachbretter und besondere Figuren dafür herstellen. Er war einverstanden, aber weil er sich wieder so leer fühlte, überlegte er, was ihm dieses verloren gegangene Hochgefühl verschaffen konnte.

Er tötete seinen geliebten Hund, zuerst versuchte er, ihn zu ertränken, als das nicht gelang, tötete er ihn mit einem Hammer, er sah, wie sich das Tier vor Schmerz krümmte und ihn bis zum Schluss mit treuen Augen anblickte. Er war so gerührt von diesem Anblick, dass er vor Tränen nichts mehr sehen konnte. Und da war es wieder, dieses innere Glück, die wohlige Trauer, als wären alle Figuren vom Schachbrett gegangen und keine Qual mehr in seinem Kopf.

Die Ruhe hielt eine Weile an, seine Mutter freute sich über ihren Jungen, der vielleicht etwas ganz besonderes werden könnte. Er arbeitete fleißig, lernte mit seinen Händen die schönsten Figuren zu erschaffen, sein Meister prophezeite ihm, dass er es zu etwas bringen konnte. So gut ihm dieses Lob tat, es machte ihn nicht wirklich froh, er brauchte mehr, er wollte der ganzen Welt zeigen, dass er da war, dass man ihn kennen sollte.

Oft hatte sein Vater gesagt, dass er selbst der beste Schachspieler sei und die Welt es noch merken würde. Nun, da er tot war, kam es auf ihn an, auf sein Märchenschach. Er würde sein Bedürfnis, sich zu spüren mit der Aufmerksamkeit, die er brauchte, verbinden.

Erst acht und das acht Mal, auf den Feldern wären keine Figuren mehr, sondern Menschen, und er würde wieder sein Glücksgefühl haben, danach würde er erlöst sein, alle würden erlöst sein.

Schach hatte er seit dem Tod seines Vaters nicht mehr gespielt, nun würde sein ganz großes Schachbrettspiel alle Spieler übertrumpfen, wenn er damit fertig war.

Er machte einen Plan, alle acht Tage würde er jemanden aussuchen, solche, denen es sowieso nicht so gut ging, es gab einen großen Park im Zentrum der Stadt, dort saßen viele Bedürftige, Kranke und Alkoholiker herum. So streunte er durch die Anlage, wenn er jemanden allein fand, erzählte er ihm, dass sein Hund gerade gestorben war und er einen Partner für das gemeinsame Besäufnis brauchte. Wenn es darum ging, einen Kummer zu ertränken, sagte keiner nein.

Unter dem Park befand sich ein Abwassersystem, dort hinein warf er diejenigen, mit denen er getrunken hatte, mit der Gewissheit, dass sie dort sterben würden. Es ging ihm blendend, er lebte wie im Rausch. Er leistete wie ein Uhrwerk ganze Arbeit, alle acht Tage einen Menschen, meistens Männer. Aus der Zeitung erfuhr er, dass drei von ihnen den Abwasserkanal überlebt hatten, das machte ihn rasend. Er fühlte sich verraten, sein Plan war durchkreuzt worden, also würde er nun auch keine Regel mehr einhalten.

Ihm fiel ein, wie er seinen Hund getötet hatte und ging nun mit einem Hammer vor. In kürzester Zeit hatte er so mehr als vierzig Menschen ermordet, in den Zeitungen sprach man vom Hammer-Mörder, keiner merkte, dass es eine höhere Idee dazu gab. Gekränkt darüber wurde er unvorsichtig, er wollte eine Kollegin töten, die aber hatte ihren Sohn benachrichtigt, dass sie einen Spaziergang mit einem Kollegen machen wollte.

Als sie nicht zurück kam, benachrichtigte der Sohn die Polizei, so kamen sie auf die Spur des Mörders. Erschrocken darüber, dass er entdeckt wurde, blieb er jedoch vor dem Richter ganz gefasst. Er meinte, dass er nur Leute getötet hätte, denen es doch schlecht ging, außerdem müsse er seine wichtige Mission vollenden, nur so könne er sich und die Menschheit erlösen.

Bisher, behauptete er, waren nur neunundvierzig Menschen gestorben, es müssen aber vierundsechzig sein, acht mal acht. Und wer sollte das nun tun, wenn man ihn wegsperrt, er war so verzweifelt darüber, dass man ihn ständig beobachtete, weil man Angst hatte, dass er sich umbringt.

Seine Mutter besuchte ihn ab und zu, sie glaubte, dass er seine Taten nicht gewollt hatte, ein Dämon sei in ihn gefahren, er würde auch wieder verschwinden. Für sie blieb er etwas ganz besonderes, ihr kleiner Alexander.

Nur Schach war ein mörderisches Spiel.

 

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