Schauspieler

Sie war Anfang zwanzig, ihre Erfahrungen mit Männern waren noch dürftig. Diese aber waren bisher noch nicht besonders erfreulich, sie fühlte sich benutzt und gedemütigt, niemand schien zu fragen, was sie sich wünschte, keinen interessierte es wirklich, wie es ihr innerlich ging.

Trotzdem gab sie die Hoffnung, dass es besser würde, nicht auf. Oft hatte sie sich in Männer verliebt, die bereits gebunden waren, sie hatte keine Chance, obwohl sie von Frauen oft beneidet wurde, da sie sehr hübsch war, und die anderen dachten, sie könne jeden haben. Aber so war es nicht, sie hatte immer das Nachsehen.

Schon damals merkte sie, dass das Äußere nicht entscheidend dafür war, dass man im Leben mehr Glück hatte. Sie fühlte sich ungeliebt, nicht gewollt und hatte Angst davor, dass dieser Zustand nie mehr aufhört. So stark war ihr Wille, die große Liebe zu finden, dass sie jeden Tag, die Menschen danach absuchte.

Sie war Schauspielerin geworden, weil ihre Mutter es so gewollt hatte, obwohl diese das nie zugeben würde, aber der Druck, Erfolg zu haben lastete schwer auf ihr. Aber sie hatte es geschafft und war an einem großen Theater engagiert und arbeitete ziemlich viel, das war auch alles, was ihr blieb, das Auf-der-Bühne-Sein.

Sie hatte ein kleines Zimmer gemietet, es war eher ein Schlafplatz, und es ging ihr schlecht, wenn sie so allein zwischen den Wänden saß. Um es besser zu ertragen, nahm sie den Alkohol zu Hilfe, Weißwein mit Wasser, da wurde man nicht so schnell betrunken, und sie spürte innerlich etwas Wärme. Aber meistens war sie im Theater und trank dort weiter, und sie war dort nicht allein. Es hatten auch andere ähnliche Sorgen, die so genannten Theaterleichen, die nur noch für und im Theater lebten, ein Außerhalb gab es nicht mehr und würde es nicht mehr geben. Nur sie war eigentlich noch zu jung für diese Rolle.

Um sich abzulenken, fuhr sie umher und sah sich andere Inszenierungen an, eine davon war "Iwanow", es ging um einen Intellektuellen, der mit sich, seiner Umgebung und den Frauen nicht zurecht kam, ein Gescheiterter, der, obwohl geliebt, am Ende keinen Ausweg für sich sah, dem Missverständnis folgte der Selbstmord.

Und der Schauspieler dieser Rolle war wirklich großartig, sie verliebte sich sofort in ihn, dabei vergaß sie, dass es eine Rolle war, die er so glänzend beherrschte, denn als sie mit ihm sprach, war er wie der Iwanow, ratlos und unverstanden, er wisse nichts. 

Sie fand das sehr interessant und fuhr bald wieder hin, um Matthias zu treffen. Als er sie sah, sagte er nur, sie solle weg gehen, immerhin war er verheiratet und hatte mit dieser Frau ein Kind, aber sie war zu jung, um zu begreifen, dass das keine guten Voraussetzungen sind, ihr war der Ernst der Lage nicht klar. Matthias war dreizehn Jahre älter als sie, eigentlich war er sehr unscheinbar, aber er hatte ein klares Gesicht und grausig blaue Augen.

Und natürlich ging sie nicht weg, und sie liefen nachts durch den warmen Regen und küssten sich. Aber als er sagte, ob sie gefickt werden wollte, war sie leicht irritiert, denn so hatte sie das nicht gesehen, sie hatte sich verliebt und wollte nicht nur gefickt werden. Schließlich kam es auch nicht dazu, sie gingen in sein Zimmer, er holte sich einen runter, denn er wollte seine Frau nicht betrügen.

Sie waren betrunken genug, um dann doch einzuschlafen. Als sie ein paar Stunden später aufwachte, war sie allein im Raum, sie legte einen Zettel auf das Bett, darauf stand nur: VER..., was immer das heißen mochte und fuhr nach Hause. Sie schrieb ihm einen langen Brief, war sehr unglücklich, hatte sie doch begriffen, dass er nicht für sie frei war, und sie hasste ihr Schicksal dafür.

Sie glaubte, dass es ihre große Liebe hätte werden können und ertränkte ihren Kummer im Alkohol. Kurz darauf verliebte sie sich erneut, auch er war verheiratet und hatte Kinder, es war schon fast lustig, wenn es nicht so tragisch gewesen wäre, denn diesmal war es tatsächlich die große Liebe, ohne dass sie es wollte. Auch mit ihm küsste sie sich nur, auch er nahm und ging wieder.

Eine kurze Geschichte, die man genießt und vergisst, sollte es sein, nur das konnte sie nicht, vergessen. Für sie war es das Schönste, was sie erlebt hatte, in ihrer Arbeit sah sie keinen Sinn mehr, auch in ihrem Leben nicht, trotzdem ging es irgendwie weiter. Sie schmiss das Theater hin, arbeitete ungern für das Fernsehen, sie musste Geld verdienen, aber es ging stetig abwärts. Auch ihre Schönheit verblasste allmählich, sie sah verhärmt und gequält aus, früher war sie aufgefallen durch ihr Strahlen, nun nahm sie niemand wahr, sie war zu einer Unperson geworden.

Es wurde immer unerträglicher für sie, vor allem, weil kein Theaterboden sie auffing, sie war völlig isoliert, hatte sie doch ihre Jugend dem Theater gewidmet, und jetzt stand sie mit leeren Händen da. Sie war so weit unten, dass sie Matthias wieder anrief, er meinte, dass sie damals das Theater verlassen hatte würde einem Sprung aus dem fünften Stock gleichen, und dass sie ein wertvoller Mensch sei, das Leben sei noch nicht zu Ende, man könne doch beten, das kostet ja nichts, diese Worte halfen ihr wenig.

Sie war so verzweifelt, dass sie einen Freund anrief, der ihr ein Engagement an einem kleinen Theater verschaffen konnte, so war sie halbwegs gerettet, war im Theater eingebunden. Bis dahin ging sie in eine Klinik, weil sie nicht mehr wusste, wie sie die Tage überleben sollte, sie bekam Spritzen, der Arzt meinte, sie hätte einen zu hohen Preis für das Theater bezahlt, es gäbe doch noch ein anderes Leben. Aber das konnte sie nicht gelten lassen.

Sie musste feststellen, dass sie ihre Fähigkeiten auf der Bühne fast verloren hatte, sie wusste nicht mehr, wie sie sich bewegen sollte, ihre Stimme versagte, sie fühlte sich unsicher und verloren auf den Brettern. Merkwürdig war der Zufall, dass sie zuvor "Die Möwe" gespielt hatte, eine Tournee, die sie kräftemäßig an den Rand gebracht hatte, diese Rolle handelte, wie sie nun zu ihrem Entsetzen bemerkte, wie von ihr. Dieses Mädchen wuchs sorglos auf, da kam ein Mann in ihr Dorf, der sie vor lauter Nichtstun ins Verderben stürzte, sie wurde Schauspielerin und scheiterte kläglich. Sie war auf der Welt, um zu leiden.

Aber sie hatte doch noch gar kein Glück gehabt, sie wollte das nicht akzeptieren, sie wollte ihr Glück erzwingen, es konnte nicht sein, dass es für sie kein Gelingen, keine gute Fügung gab. So erfuhr sie, dass Matthias in Scheidung lebte, das war es also, da war die große Liebe vielleicht, und sie rief ihn an, erzählte, dass sie wieder am Theater sei und wollte ihn besuchen kommen. Er meinte, dass er Zeit bräuchte wegen seiner Scheidung.

Sie spielte die Premiere irgendwie, die anderen Vorstellungen fielen aus, so entschloss sie sich, Matthias zu besuchen. Es war ihr Geburtstag, als sie bei ihm auf der Treppe saß, er kam mit seiner Freundin, die jedoch gleich wieder ging. Sein Zimmer roch abgestanden, unangenehm. Jetzt erst konnte sie ihn genauer betrachten, er hatte sein feines Gesicht verloren, seine Augen waren stumpf und kalt. Aber sie übersah die Wirklichkeit, sie hielt fest an dem Gedanken, dass das Schicksal es gut mit ihr meinte und ihr nun die Liebe geschickt hätte, sie hatte nur deshalb so leiden müssen, dass sich nun alles fügte, endlich.

Sie war Mitte zwanzig und hatte das Gefühl, schon vierzig zu sein. Ein Gespräch fand nicht so richtig statt, er sagte, er wisse nicht, was Liebe sei, aber sie wisse es, meinte sie, und sie verblieben, dass sie sich erst im Herbst wieder treffen.

Der Sommer war unerträglich für sie, in Griechenland besuchte sie Delphi, ein nichtssagender Steinhaufen, sie versuchte, die Zeit herum zu kriegen, langsam schlichen die Tage, und mit ihnen der Zweifel daran, ob es nun bergauf gehen würde. Vielleicht war das eine Falle, die Dämonen lagen schon auf der Lauer, und es würde noch schlimmer kommen. In ihrem Kopf wütete es, sie versuchte, die Gedanken zu bändigen, positiv zu bleiben, den Glauben zu bewahren, es musste alles wieder gut werden, bitte, flehte sie.

Wieder zurück im Theater war das erste, was sie tat, den Vertrag aufzulösen, sie wusste nicht mehr, wozu sie auf der Bühne stehen sollte, und tatsächlich beruhigte sich ihre innere Lage etwas. Sie telefonierte nun öfter mit Matthias, seine Freundin hatte ihn verlassen, und sie fuhr nach einer Weile zu ihm. Als sie ankam, hatte sie ein ganz schlechtes Gefühl, da war ein fremder Mann, ein kleines Zimmer mit einem hässlichen runden Tisch, zwei Stühle und eine Matratze auf dem Boden, es sah erbärmlich aus, sie hatte es nicht bemerkt, als sie von Monaten da war.

Es war später Abend, Matthias legte sich auf die Matratze und wartete, bis sie sich zu ihm legte. Als sie das tat, rollte er sich auf sie, steckte seinen Penis in sie, es vergingen stumme Minuten, bis er sich zurück auf seinen Platz begab. Sie fühlte sich leer gebrannt, ausgelaugt, benutzt, aber sie wollte an die Liebe glauben und dachte, dass es wenden würde. Matthias meinte nur, dass sein Schwanz vorher in seiner Hose stand, sie sollte das wohl als Kompliment werten, aber sie empfand nur Ekel.

Die nächsten Tage waren auch nicht erfreulicher, und sie wusste, dass sie sich geirrt hatte, es war keine Liebe, schon gar keine große, Matthias hatte nur ein Fickinteresse, ansonsten ging er ins Theater arbeiten, das war für ihn sein zu Hause. Er war schwerer Alkoholiker, und total depressiv, allerdings kokettierte er damit, wenn er meinte, dass alle am Theater unglücklich seien. Er schien nicht wirklich unglücklich, er war gefragt als Schauspieler, und er war sehr eitel und ehrgeizig, ein zweiter Gerd Voß wollte er werden, wie er sagte, der, von dem alle reden.

Sie bemerkte, dass er richtig dämlich war, er führte ein Tagebuch, um seine geistigen Ergüsse für die Nachwelt aufzuschreiben, er war stolz auf den Satz, dass man als Schauspieler dumm genug sein müsse, wobei er sich natürlich für viel zu klug hielt. Er hatte eine Brille, die er nicht brauchte, damit er intelligenter aussah, clevererweise schwieg er meist in der Kantine, um sich so eine Aura des Geheimnisvollen zu geben. Er las nie, sondern löste Kreuzworträtsel, er hatte so einen merkwürdigen Therapeuten, der ihm gewisse Sphären erklärte, überirdische Dinge, esoterischer Scheiß. Dann meinte Matthias auch noch, Buddhist zu sein, er fand, er sei ein guter Mensch, und es liegt in der Natur der Dinge, dass man anderen weh tut, er sei nicht verantwortlich.

Er wolle auch gar nicht frei sein, wozu, andere sollten bestimmen, das waren dann die Regisseure, der strukturierte Theaterbetrieb, der ihm seine Entscheidungen abnahm. Eine Frau sollte gleichzeitig eine Mutter und Nutte für ihn sein. Und dann sagte er ihr noch, sie hätte bei dem letzten Treffen wie der Tod ausgesehen, so furchtbar.

Ihr ging es zusehens schlechter, ihr Traum war zersprungen und die Reste davon bohrten sich ihr in den Leib, so schmerzvoll und unerträglich war ihre Lage, sie hatte keine Kraft mehr, konnte kaum aufstehen, wollte ihre Augen nicht mehr öffnen, es sollte nicht wahr sein. Er fickte sie noch, wollte gemolken werden, wie er sagte, es wurde ihr langsam egal, die Depression begann sie gefühllos zu machen. Er roch widerlich nach gesunden Tropfen, auch sein Samen hatte einen strengen Geruch.

Sie musste hier weg, sie wusste zwar nicht wohin, aber weg musste sie. Sie fühlte sich von der Liebe verraten, von Gott verraten, ihr ganzes Leben hatte sie in Angst zugebracht, hatte gehofft und gegeben, und nichts als Elend dafür bekommen. Matthias meinte noch, dass sie eifersüchtig wäre, dass er am Theater sei und sie nicht, er unterstellte ihr, dass sie ihm Böses wünschte. Das hatte sie eigentlich nicht vorgehabt, aber er machte sie zur Hexe, zur bösen Frau.

Sie verließ ihn und ging wieder in die Klinik und lag dort entkräftet im Bett, die Ärzte waren ratlos. Aber der Hass fing an von ihr Besitz zu ergreifen, er hatte sie benutzt wie ein Sprungbrett, damit er auf der Bühne glänzen kann, sie als Person war ihm egal, er gebrauchte sie nur, es tat ihm nicht Leid, als sie ging, er hatte nur seinen Erfolg im Kopf, seine Anerkennung, er wollte der Beste von allen sein.

Sie rief ihn von der Klinik aus an, aber er konterte nur, dass sie ihn benutzt hätte, sie sei ja gekommen und wieder gegangen. Er hatte inzwischen eine neue Freundin, auch noch sehr jung, da eine reife Frau ihn wahrscheinlich nicht ertragen konnte. Seine Geschiedene hatte ihm gesagt, sie wolle nicht noch ein Kind haben, damit meinte sie ihn, der keine Verantwortung tragen wollte und glaubte, die Bühne sei das Leben.

Sie war nicht neidisch auf ihn, dass er an einem guten Theater spielte, sie hasste ihn dafür, dass er sie missbraucht hatte, ihr Körper war voller Abscheu, ihr Hirn voll von Feindseligkeit. Sie konnte nicht mehr schlafen, die Gedanken wurden immer düsterer, sie wollte sich selbst los sein, raus aus dem Körper, die Spuren, wie er in sie eingedrungen war, konnte sie wie einen eingebrannten Abdruck spüren. Ihr war klar, dass ihr Leben zerstört war, sie würde nie mehr auf der Bühne stehen können und lieben könnte sie wahrscheinlich auch nicht mehr.

Matthias würde sie vergessen, sie war nur eine Kurzgeschichte für ihn, aber genau das wollte sie ändern. Sie fieberte auf den Tag hin, als sie ihn wieder aufsuchte, den Ärzten in der Klinik erzählte sie, dass sie etwas zu erledigen hatte.

Der Gedanke an Rache gab ihr Kraft, sie fuhr hin und beobachtete Matthias, wie er allein in seine Wohnung ging, sie folgte ihm, er wohnte ganz oben. Er bekam einen Schreck als er sie sah, wieder wie der Tod blinzelte sie ihn an, noch bevor er etwas sagen konnte, stürzte sie ihn die Treppe hinab. Er lag da wie eine kaputte Puppe, und sie ließ ihn dort liegen. Sie fuhr zurück in die Klinik, sagte den Ärzten, dass es eine Auseinandersetzung gegeben hatte und bat, dass diese im Krankenhaus anrufen und fragen, wie es Matthias geht.

Nach einer Weile hatten sie den zuständigen Arzt am Telefon, man sagte ihr, dass es schlechte Nachrichten gebe und Matthias für immer gelähmt bleiben würde, das hieße, er könne nicht mehr als Schauspieler arbeiten, sein Leben sei zerstört. Sie empfand keine Genugtuung, aber vielleicht würde er verstehen, was er ihr angetan hatte. Sie waren nun beide nur noch Zuschauer in der Publikumsherde.

Nichts ist vergänglicher als ein Schauspieler, der nicht mehr spielt.

 

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