Der langsame Schlaf

Ich liebe Dein weißes Haar.
Unerreichbar atme ich Dein Bild, das ich vor mir sehen kann.
Mein Körper will sich vernichten, mein Geist verlässt die winterliche Einsamkeit, um Dir nahe zu sein. In meinen Träumen hoffe ich, dass Du bei mir bist, ich ziehe Dich zu mir und die Wirklichkeit geht mich nichts mehr an.

Deine Stimme ist dunkel und erotisch, sie bricht zwischen Deinen Worten.
Ich höre immer wieder ihren Klang, um mich lebendig zu fühlen.
Es ist ein Spiel, das mich um meinen Verstand bringen wird und ich weiß es.
Ich riskiere meinen Verstand in jeder Minute, die ich nicht schlafen will, weil ich weiß, Du besuchst mich nicht nachts, Du besuchst mich gar nicht, Du weißt nichts von mir.

Aber ich regle meinen Alltag, ich esse widerwillig und trinke willig den Wein, dessen Wirkung mich hoffen macht. Müde werde ich nur langsam, zwischen den Nächten und den Tagen, aber nicht müde genug, um mir den Tod zu wünschen.
Ich werde weiter warten müssen auf einen Kuss, eine Berührung, die Leidenschaft, auf etwas, was mich in die Wirklichkeit zwingt. Es wird nicht so sein, wie ich es mir wünsche, es wird gar nichts stattfinden, nur im Schlaf, nachdem ich den ganzen Tag vernichtet habe.

Ich höre schon die Dämonen kichern, wie dumm ich war, mein Leben zu verschenken, mich nicht umzusehen, wenn ich den Straßen folge.
Doch ich kenne niemanden wirklich, die Gesichter sagen mir nichts, auch wenn ihre Münder sprechen, ihre Augen sich mir zuwenden. Für mich ist das wie ein Jenseits, das mich nichts angeht.
Die Menschen sind Geister, die draußen ihre Wege gehen, Geister auch die Gestalten im Fernsehen.

Das große Sterben jeden Tag und jede Nacht, das große Hungern, das ewige Abschlachten, das Gerede um Krieg und Frieden.
Niemand scheint einen Plan zu haben, die Erde dreht sich im Takt der Grausamkeiten.
Ich will alles verschlafen, schließe mich ein und bleibe in einer Art Schockstarre in meinen vier Wänden.

Doch auch im Schlaf wird mir alles genommen, ich finde den Weg nicht mehr, jemand nimmt sich das Recht, meine Habe zu verteilen und meine Wohnung gibt es nicht mehr.
Ich muss Zuflucht suchen in irgendwelchen Städten.
Dort lande ich, um zu arbeiten, was ich nicht kann, aber das verlangt man von mir.
Die Angst überfällt mich, weil ich versagen werde, man mich mitleidig anstarrt.
Die Normalität will nach meinen Fähigkeiten greifen, die ich nicht mehr habe, aber ich beuge mich dem, weil ich ahne, dass ich wieder erwache und mich in meiner gewohnten Umgebung weiß.

Wenn ich den Tag sehe, kann ich fliehen, ganz bewusst, ganz weit weg. Wie lange wird mich der Wahnsinn noch verschonen, der die Türen langsam öffnet, hell wie die Sonne, die einen blind machen kann.
Die Blindheit wird zu einem ewigen Dunkel, wo die gequälten Seelen zu schreien beginnen.

Dieser Schrei, der die Kehlen bevölkert, bevor die Körper von den Seelen in die Tiefe gezogen werden. Meine Gedanken sind bei denen, die mir voraus sind, weil sie wussten, dass sie nie mehr glücklich werden würden.
Deren Mut habe ich nicht, der Demütigung zu entgehen, nie mehr frei sein zu können.
Aber was habe ich gewonnen, weil ich bisher durchgehalten habe und wofür das alles.

Ein Schritt nur, wenn der Zug einfährt, ein Schritt nur, wenn man auf dem hohen Dach steht, eine Tat, wenn der Strick schon um den Hals sich legt. Ich denke oft an die, die ich einst bedauert habe, ich beneide sie heute um ihre Konsequenz.

Und doch, ich liebe Dein weißes Haar, Deine Stimme, meine unerfüllte Sehnsucht, meine ewige Einsamkeit.
Lass mich schlafen, ganz langsam, nur schlafen, ohne diese Träume von der Verlorenheit.

Es ist Krieg und es ist Winter, der Schnee fällt blutig vom Himmel, es wird geschossen, es fallen Bomben, Leichen liegen auf den Wegen, das Feuer lodert in den Häusern und färbt die Nacht.
Meine Mutter ist noch ein kleines Kind und wird in einem Schrank versteckt, aber sie kann durch die Ritzen sehen, wie ihre Mutter von zwei Soldaten vergewaltigt wird.
Sie weiß nicht, was das bedeutet, sie weiß nur, dass es etwas Schreckliches ist.
Ihre Mutter lässt es stumm über sich ergehen, wohl wissend, dass ihre Tochter in der Nähe ist.

Danach müssen sie das Haus verlassen, andere Soldaten schreien sie an, verschwinden sollen sie, nichts dürfen sie mitnehmen, nur ihr Leben mit einer Schubkarre davontragen durch die Eiseskälte des Winters.
Sie sehen ihr Haus abbrennen, die Flammen rücken in die Ferne mit jeder Minute, die sie mit dem Überleben beschäftigt sind. Sie schleppen sich durch den Schnee, sie schleppen sich durch meine Träume.

Ich sehe den Krieg auf der Haut meiner Mutter, er ist warm und abweisend, ich spüre die Kälte des Winters in meinem Gehirn. Ich friere von innen, jedoch weiß ich mich in Sicherheit, kein Mörder steht vor meiner Tür, obwohl ich es mir manchmal wünsche.
Ein Schuss von hinten, ohne ein Wort, eine kurze Sekunde des Todes.
Dann wäre es vorbei, aber mein Atem tut seine Pflicht und auch meine Gedanken tun es.

Was kommt nach dem Sterben, was, wenn das Sein nie aufhört, es einen weiter treibt durch eine Welt, die ihre Weisheit nicht preisgibt.
Ich fürchte, dass es ein Nichts nicht gibt, möglich, dass ich weiter gefangen bin zwischen den Untoten, denen ich begegnen muss, die mir ihre ewige Existenz aufzwingen, mich festhalten und fernhalten von denen, die ich geliebt habe.

Meine Zukunft soll Dein weißes Haar sein, Deine weiche Stimme, Deine ferne Erscheinung.
Doch mein Herz hat mich schon oft betrogen, immer und immer wieder mit schönen Gesichtern und einem Begehren, das ich nicht ausleben konnte. Meine Liebe hatte keinen Bestand, unerträglich ist mir der ewige Wandel meiner Wünsche.

Ich bin auf der Flucht, nachts, allein mit der Schubkarre, schwer gefüllt mit meinen Alpträumen und den Erinnerungen der Mutter meiner Mutter an ihre Heimat, ihr Haus, den Garten, das vertraute Dorf, in dem sie tanzte und liebte.
Heimat, ein ganzes Leben lang blieb ihr die bittere Trauer des Verlustes, fern blieb der Ort der Freude, fern für alle Zeiten ihres Seins. Und doch war es süß daran zu denken, es gab einst diese Heimat, diese unbeschwerte Lust auf das Leben.

Meine Heimat kennt mich nicht, sie treibt mich Tag für Tag in den Abgrund der Wünsche hinein.
Ich treffe auf das Schweigen der Stadt meiner Geburt und ich will die Sehnsucht atmen, von der man mir erzählt hat, doch ich spüre nichts davon.
Es bleibt der Krieg in mir, der Schutt meiner vielen Jahre, die ich vergeudet habe.

Auch Deinem weißen Haar werde ich eine Ewigkeit widmen, Dein Bild ist mir so vertraut wie eine Heimat, die ich mir vorstellen kann.
Mein Weg zu Dir führt mich über die goldenen Stolpersteine, durch den Fluch meiner Sprache, in das erdrückende Gewicht der Geschichte, die meine Schritte verlangsamen.
Weit werde ich nicht kommen, lange werde ich nicht schlafen können.

Rauch steigt in die Lüfte, Menschen verbrennen wie Dinge und auch wie Dinge liegen sie in den Gräben übereinander. Ihre Gliedmaßen scheinen sich wie mein Gehirn ineinander zu winden, bis der Kopfschmerz an meine Schädeldecke pocht.
Keine Gnade, kein Zeichen der Güte, kein Glück für mich, kein Vergessen, nur meine weißhaarige Zukunft, die ich selbst an mir nicht sehen will.

Schlafe ich, bin ich wach, wache ich, schlafe ich mich langsam in mein Grab.

 

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