Schock

Es war eine klare Mondnacht, sie lief über einen Markt, zuerst sah sie die üblichen Früchte- und Gemüsesorten, aber das änderte sich plötzlich, auf den Ständen wuchsen Schlingpflanzen und ungewöhnliche Tiere, Vogelspinnen und große Käfer krabbelten umher. Etwas irritiert suchte sie einen Weg aus diesem bedrohlichen Gewirr, dann sah sie ein Restaurant, sie ging hinein und da saß ein unglaublich angenehmer Mensch und lächelte sie an.

Sie erwiderte sein Lächeln und fühlte sich so glücklich. Er setzte sich zu ihr, er hatte ein feines durchgeistigtes Gesicht, eine sanfte Stimme und schmale Hände. Er war sehr feminin, was sie sehr mochte. Es war Liebe auf den ersten Blick, sie lachten, aßen ein wenig und gingen eine hell erleuchtete Straße entlang, die ihr bekannt vorkam.

Er wohnte ganz oben und es gab keinen Fahrstuhl, auf jeder Stufe küssten sie sich, es dauerte eine Weile, bis sie seine Wohnung erreichten. Diese hatte zwei Zimmer, eines mit einem winzigen Bett und eine kleine Küche.

Da lagen sie nun, eng umschlungen und wach die ganze Nacht. Sie konnte es kaum fassen, so viel Glück hatte sie noch nie erlebt, sie vergaß ihre dunklen einsamen Jahre. Sie hatte nicht mehr geglaubt, dass sie den Mann finden würde, mit dem sie den Rest ihres Lebens verbringen wollte. Und nun war er da, einfach so, ein Moment hatte alles verändert.

Sie bat Gott innerlich um Verzeihung für die Vorwürfe, die sie ihm gemacht hatte, weil sie immer so allein sein musste. Aber sie hatte durchgehalten, oft dachte sie an Selbstmord, aber den letzten Schritt wagte sie nicht. Jetzt war sie reichlich belohnt worden. Dieser Mann, der ihr so nahe war, sagte ihr, dass er sie liebt, wie er nie eine Frau vorher geliebt hatte. Er wollte nichts von sich berichten, sie akzeptierte das, aber sie wollte ihm ihre ganze Geschichte erzählen und er hörte zu. Aber die Vergangenheit zählte nicht mehr, nur noch die Gegenwart.

Der Mond war groß und orange in dieser Nacht, das mochte sie besonders, aber er schien sich nicht zu bewegen, etwas stimmte nicht. Aber sie war zu glücklich, um das zu hinterfragen. Dann kam der Tag durch das Fenster, sie stand auf und ging in das andere Zimmer, ein großer Spiegel hing an der Wand, davor stand ein Stuhl, sie setzte sich und macht sich zurecht.

Sie hörte einen lauten Knall, ein heißer Strahl durchfuhr sie, wie angewurzelt saß sie auf dem Stuhl und konnte nicht mehr aufstehen. Nach unendlichen Minuten schaffte sie es, ihre Beine zu bewegen, mit weichen Knien ging sie in das andere Zimmer. Dort saß er gebeugt an einem Schreibtisch, sein Kopf lag auf in einer Blutlache, seine Augen schauten leer.

Sie wollte schreien, aber es kam kein Laut über ihre Lippen. Sie stand Minuten oder Stunden, starrte ihn an, aber er bewegte sich nicht mehr. Ihre Füße zwangen sie, die Wohnung zu verlassen, sie hastete die Treppe hinab, aus dem Haus und rannte auf die Straße, in ihrem Kopf überholten sich die Gedanken gegenseitig.

Außer Atem blieb sie an einer Ecke stehen, sie sah sich um, erkannte diese Gegend aber nicht mehr. War es eben noch taghell gewesen, brach auf einmal die Dunkelheit in den Himmel.

Wieder ging ein riesiger Mond auf, er wurde zusehends größer, fast bedeckte er den ganzen Horizont, seine Krater und Gebirge waren beängstigend nah und deutlich zu erkennen. Sein sonst so fernes seltsames Gesicht wirkte wie ein Spiegel einer ausgedörrten Welt.

Sie bekam Durst, aber die Häuser standen verschlossen, keine Tür war geöffnet. Sie musste den Weg zum Markt finden, wo sie ihn kennen gelernt hatte. Vielleicht traf sie jemanden von gestern, konnte herausfinden, wer ihn getötet hatte. Sie erinnerte sich an eine Gestalt, die ihnen gefolgt war, das konnte der Schlüssel dafür sein, diesen Fall aufzuklären.

Als sie endlich nüchtern denken konnte, wurde ihr das ganze Ausmaß bewusst, sie hatte ihre große Liebe getroffen und am selben Tag verloren. Sterben war ihr einziges Verlangen und dieser Durst, der sie zurück trieb in die Straße. Aber es gab keine Hausnummern, keinen Hinweis mehr, auch der Mond war verschwunden und die Gegend finster.

Ein paar vermummte Leute traf sie, die sie nach dem Markt fragte, diese schüttelten nur die Köpfe, dass es hier schon seit langer Zeit keinen mehr gäbe. Die Nacht wurde zur endlosen Falle, vielleicht war sie ja schon tot und wusste es nicht, dachte sie, oder es war alles nur ein Alptraum gewesen.

Jedenfalls konnte sie ihrer Wahrnehmung nicht mehr trauen, sie war in einer fremden Stadt, in der sich fast nichts zu bewegen schien, außer die paar Menschen, die alles verneinten. Es gab keine Autos, es lag nichts auf den Wegen, sie schien in ein Gemälde eingesperrt zu sein. Aber die Hoffnung nahm wieder überhand, es war alles nur ein böser Traum, ihr Geliebter würde auf sie warten, sie musste nur sein Haus finden.

Plötzlich sah sie einen Lichtschein, da war tatsächlich der Markt wieder. Erleichtert war sie nur im ersten Augenblick, denn auch da hatte sich einiges gewandelt, die Personen wirkten zerbrechlich und je näher sie kam, sah sie, dass sie alle hinter einer Glasscheibe standen. Sie hämmerte dagegen und bat um Auskunft, ob sich jemand noch erinnerte an den jungen Mann von gestern. Eine Stimme konnte sie verstehen, ob sie den meinte, der tot sei.

Wer hat ihn ermordet, hörte sie sich sagen und wo wohnt er. Sie verstand nicht, wie sie es wissen konnten. Es war also kein Traum. Dann klopfte ihr jemand auf die Schulter, es war derjenige, der ihr gestern aufgefallen war, aber sie erschrak so sehr, dass sie wegrannte. Er folgte ihr und trieb sie zu jenem Haus, das sie suchte.

Die Tür stand offen, sie zählte sie Treppen, daran erinnerte sie sich noch, auch an die Wohnung, die sie ängstlich betrat. In der Küche saßen zwei Frauen, die sich als Psychoanalytikerinnen ausgaben und über Selbstmord debattierten. Inzwischen war auch der Mann, der ihr gefolgt war in der Küche angekommen. Er gab sich als ein Freund ihres Geliebten aus und schaute sie hasserfüllt an.

Sie verstand nicht, was geschehen war. Die Frauen wollten von ihr wissen, was sie hier suche. Sie meinte, sie wolle zu ihrem Liebsten. Sie fragten sie, wie er denn hieße, das wusste sie nicht. Dieser Freund entkleidete sich plötzlich und hüpfte auf der Stelle, während er nur das Wort Hüpfhöhle nannte. Sie war außer sich, er dachte wohl, sie wollte nur eine Bettgeschichte.

Die Frauen lenkten ein, sie wollten sich auf seine Kindheit konzentrieren und wühlten in alten Fotos herum. Sie bat sie, ihr seinen Namen zu nennen, aber sie wussten nur seinen Nachnamen. Dann hatte sie endlich den Mut zu fragen, was denn passiert sei, dieser Freund kicherte überdreht. Sie ging in das Zimmer, wo sie ihn zuletzt gesehen hatte. Da saß er unberührt und reglos, und sie sah eine Pistole neben ihm liegen. Sie schrie hysterisch auf, wer ihn umgebracht hätte, und dass ihr Leben nun zerstört sei, dass sie ihn doch liebe.

Die Frauen schauten verächtlich, eine sprach, sie solle sich nichts vormachen, wenn sie noch nicht einmal seinen Namen wüsste, außerdem, was ist eine Nacht. Dieser Freund bemerkte lakonisch, dass sie ihn umgebracht hätte. Völlig schockiert starrte sie ihn an, unfähig auch nur ein Wort zu formulieren. Die Frauen blickten auf, als hätten sie eine Lösung parat. Nicht die Kindheit, die Frau ist Schuld.

Sie hatte jetzt alle drei gegen sich aufgebracht, und ihr Geliebter hatte sich wegen ihr das Leben genommen, weil er die Erfüllung und sie nicht ertrug. Sie dachte, sie hätte endlich das Glück, die Gnade gefunden, nun war alles wie eine tödliche Krankheit, die sie langsam dahinraffen würde.

Gelähmt schlich sie aus der Wohnung, die Treppen hinab, auf die Straße. Da war er wieder, der riesengroße Mond. Sie stand auf einer Wiese, hungrig, durstig, ringsumher nichts. Die Welt war ein Schatten, das Licht eine Täuschung und ihr Leben war beides.

 

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