Spinnennetz

Er hatte sich gerade mit seiner Frau gestritten und war voller Wut aus dem Haus gerannt. Sie versuchte, ihn über das Handy zu erreichen, weil ihr das alles so Leid tat, sie hatte ihn noch nie in diesem Zustand gesehen, aber er schaltete das Handy aus, wollte seine Ruhe haben.

Sie war schwanger gewesen und hatte einen Abbruch vornehmen lassen, ohne ihn davon zu informieren, sie wollte kein Kind haben, diese Verantwortung machte ihr Angst. Sie fühlte sich nicht in der Lage dazu, Mutter zu werden, hatte sie sich doch mit ihren Eltern überhaupt nicht verstanden und litt bis heute unter dieser kaputten Beziehung. Aber sie liebte ihren Mann, ohne ihn würde sie verzweifeln, sie brauchte ihn mehr, als es eigentlich sein sollte.

Nun war sie doch sehr besorgt, als sie seine heftige Reaktion sah, vielleicht hätte sie ihm das nicht erzählen sollen. Er war außer sich, tief gekränkt und verletzt. Und wie er so aus dem Haus stürmte, und sie ihm nachsah, ahnte sie, dass etwas Unheimliches passieren würde. Deshalb rief sie ihn auch sofort an, wollte ihn um Verzeihung bitten, und dass er schnell zurück kommt.

Sie weinte, als käme er nicht wieder, das erschreckte sie. Sie rief Freunde an, die beruhigten sie und meinten, dass er bestimmt bloß einen Spaziergang im Naturpark mache, und was könnte da schon geschehen. Er würde bald zurück kommen, ganz sicher.

Immer tiefer rannte er in den Wald, die Wege hatte er schon längst verlassen, er wollte absolut allein sein. Er konnte es nicht fassen, dass er hätte Vater werden können und nun so darum betrogen wurde. Zu gern hätte er ein Kind mit seiner Frau gehabt, obwohl ihm klar war, dass sie seelisch sehr labil ist. In jungen Jahren hatte sie eine Psychose erlitten und musste immer noch Medikamente nehmen, zu riskant war ein Rückfall, der sie wieder in ihre Abgründe stürzen könnte.

Er wusste, dass sie sich insgeheim ein Kind wünschte, jedoch massive Angst hatte, als Mutter zu versagen, sie erlebte ihre Beziehung mit ihrer eigenen Mutter als äußerst schwierig, sie war eine fordernde und kaltherzige Frau. Vielleicht war sie es, die diese Abtreibung forciert hatte, denn auf keinen Fall wollte sie Großmutter sein, das hatte sie ihm schon deutlich gemacht.

Je länger er darüber nachdachte, um so mehr verzieh er seiner Frau, es war nicht gut gewesen, sie so zu erschrecken, sie würde sich Vorwürfe machen. Es war auch nicht mehr zu ändern, eine nächste Chance würde es wohl nicht geben. Aber er liebte sie und wollte ihr verzeihen, einen langen Spaziergang brauchte er trotzdem, um sich wieder zu beruhigen. Nachdem er sich gefasst hatte, widmete er der Umgebung seine Aufmerksamkeit, der Wald, in dem er sich befand, war nicht dicht bewachsen, er gab viele Lichtungen, der Boden war hellgrün durch das Moos, es sah sehr idyllisch aus.

Er kehrte um, und ging schnellen Schritts in Richtung nach Hause. Der Wald wurde dichter, der Boden immer dunkler, ständig hatte er Spinnweben im Gesicht. Er erinnerte sich daran, dass er als Kind öfter in ein Spinnennetz gelaufen war, es war zwischen den Bäumen gespannt und so fein, dass er es nicht sehen konnte, aber er fühlte es auf seinem Gesicht. So widerlich war es, dass er regelmäßig Alpträume hatte, in denen er in riesige Spinnennetze lief, letztendlich passierte ihm nichts, aber es war einfach nur schrecklich.

Nun fürchtete er sich nicht mehr, im Gegenteil, er musste lachen, wenn er in ein Netz lief. Dass er es damals für so schlimm gehalten hatte, amüsierte ihn. Dann sah er einen weißen Schleier auf den Bäumen, der bin zum Boden reichte. Neugierig betrachtete er das Ganze, er konnte es kaum fassen, es war ein riesiges Spinnennetz, das sich über mehrere Meter erstreckte und sehr fest gewebt schien. Es müssen hunderte, wenn nicht tausende von Spinnen zusammen daran gearbeitet haben. Doch wozu, er hatte keine Erklärung.

Er war völlig fasziniert, so etwas hatte er noch nie gesehen, noch hatte er davon gehört, dass Spinnen sich zusammen schließen, um vielleicht auf größere Beute zu hoffen. Nur was wollten sie fangen, vielleicht einen Hasen oder ein kleines Reh, aber würde denn das Netz auch halten, er musste es genauer untersuchen.

Es war so gebaut, dass es eine Art Eingang gab, durch den er mühelos gelangte, doch kaum war er im Zentrum dieses Gespinstes, schossen tausende von Spinnen aus den Bäumen und webten den Eingang in Sekunden zu. Er wollte sich befreien, aber die Spinnweben erwiesen sich als äußerst robust, je mehr es sich rührte, umso fester wurde er eingeschlossen. Er konnte gerade so sein Handy in der Hosentasche anmachen, seine Frau nahm ab.

Er wollte schreien, aber schon hatte er dutzende von Spinnen im Mund, sie krochen überall rein, kleine schwarze Viecher, die eigentlich ganz harmlos aussahen. Aber in diesen Massen glichen sie einem Ungeheuer. Er ahnte nun, warum sie so ein großes Netz gebaut hatten. Er fühlte überall ihre Stiche, konnte sich nicht mehr rühren und gab dumpfe Schreie von sich. Seine Frau, die das hörte, war außer sich vor Angst. Sie würde ihn finden, sagte sie, er solle das Handy an lassen, mit der Polizei wären sie in zehn Minuten da.

Er erstarrte innerlich vor Schreck, alles krabbelte an ihm, in ihm, und stach und biss sich fest. Er konnte kaum noch etwas sehen, seine Augen brannten wie Feuer, sie waren fast völlig zugeschwollen, aber was er sah, glich einem Horror wie aus dem Fernsehen, lauter schwarze mittelgroße Spinnen hingen an seiner Haut. Immer mehr kamen dazu, es müssen unendlich viele sein, sein ganzer Körper schien anzuschwellen, auch seine Finger konnte er nicht mehr bewegen, er sackte langsam in sich zusammen.

Die permanenten Stiche spürte er wie heiße Nadeln überall und in jeder Sekunde. Er versuchte zu denken, dass das alles nur ein Alptraum wäre, aber die glühenden Schmerzen, das Gekrabbele am ganzen Leib entließ in nicht aus dieser unfassbaren Wirklichkeit. Dazu hörte er die Stimme seiner Frau, die ihn bat, etwas zu sagen. Er ging zu Boden, er war hellwach, so wach war er noch nie gewesen, obwohl er sich wünschte, in tiefen Schlaf zu versinken. Doch den Gefallen tat ihm das Schicksal nicht, er wurde von allen Seiten attackiert, am schlimmsten waren die Viecher an seinem Kopf, in den Ohren und Nasenlöchern, durch die er kaum noch Luft bekam.

Seine Frau fing an zu weinen und wimmerte, er solle doch wenigstens etwas sagen, ein Wort, aber er wollte seinen Mund nicht mehr aufmachen. Dann überlegte er, wenn er es doch täte, vielleicht würde er schnell ersticken, wenn die Spinnen in seine Luftröhre und in seine Lunge kriechen würden. Doch seine Frau hatte die Polizei verständigt, vielleicht wären sie rechtzeitig hier, aber eigentlich glaubte er nicht daran. Er ahnte, dass er nicht mehr entkommen konnte, seine Kraft reichte einfach nicht aus, er war am Ende.

Nur warum hatten es die Spinnen auf Menschen abgesehen, da sie doch höchstens Mäuse aussaugten, sie mussten einer höheren Intelligenz folgen, die sie sich so zusammen rotten ließ, als hätten sie nur ein Ziel. Vielleicht sollte es ein Wild sein, und er war nur per Zufall in das Netz geraten. Anscheinend war es den Spinnen egal, sie machten sich konzentriert über seine Körperflüssigkeiten her.

Inzwischen kauerte er am Boden und versuchte, über sein Leben nachzudenken, seine Frau hörte er leise weinen, als wäre er schon tot. Er lag zusammen gekrümmt im Moos, die Gedanken bei seinem Baby, vielleicht war es doch die richtige Entscheidung gewesen, dass es nicht in diese Welt kommen sollte.

Und was würde von ihm selbst bleiben, er sah seine Mutter vor sich, die er nicht lieben konnte und den Vater, den er nicht lieben wollte. Aber was würde seine Frau ohne ihn tun, dieser Gedanke war ihm fast noch unerträglicher als seine derzeitige Lage. Er fragte sich, da er nun sterben würde, ob sein Leben an ihm vorüber zieht, krampfhaft dachte er an früher, aber außer der nackten Angst und den furchtbaren Schmerzen konnte er nichts fühlen.

Er spürte, dass er sich innerlich bald nicht mehr wehren konnte, sein Wille gab langsam auf, er fügte sich in dieses Netz des Entsetzens. Manchmal noch hoffte er, dass sie ihn rechtzeitig finden würden, doch es schien ihm aussichtslos zu sein. Plötzlich wurde ihm merkwürdig leicht zumute.

Eine irre Freude machte sich in ihm breit, vielleicht würde er jetzt wahnsinnig werden, auch das war ihm inzwischen egal, und er fing an zu grinsen, bis er ein lautes Lachen nicht mehr unterdrücken konnte. Etliche Spinnen nutzten die Möglichkeit und flitzten in seinen Mund, er röhrte erst, dann röchelte er bis er verstummte. Sein Atem ging noch ein paar endlose Minuten, dann war sein Körper hingestreckt, leblos inmitten des vielbeinigen Gewimmels.

Zwei Tage lag er so, dann fand man ihn, die Spinnen hatten sich zurück gezogen. Seine Kleider waren viel zu groß geworden, er sah einer Mumie ähnlich, völlig vertrocknet und sein Haar, das dunkelbraun gewesen war, schimmerte in schlohweiß, seine Augenhöhlen waren leer, nur sein Mund blieb wie von einem ins Mark erschütternden Schrei geweitet.

Die Männer, die ihn fanden, konnten nicht fassen, was geschehen war, sie holten seinen Leichnam vorsichtig aus dem Netz und zündeten es sofort an. Tausende Spinnen gerieten in Panik , sie entkamen den Flammen nicht, es knallte ein wenig, wenn ihre voll gefressenen Körper in den Flammen zerplatzten. Die Männer ertrugen diese Geräusche nicht länger, hoben den leicht gewordenen Körper ihres toten Freundes auf und flüchteten.

Seiner Frau sagten sie nur die halbe Wahrheit. Dass er nicht mehr lebte, damit hatte sie gerechnet, aber was aus ihm geworden und wie er gestorben war, das verrieten sie ihr nicht. Ein Tier sei es gewesen, meinten sie, den Sarg ließen sie versiegeln, damit keiner das Grauen erblicken konnte.

In den nächsten Wochen durchsuchten die Männer die umliegenden Wälder nach Spinnennetzen, aber sie fanden nur die üblichen kleinen. Sie brannten sie alle nieder, in ihnen loderten die schrecklichen Bilder, die sie nicht vergessen konnten und der blanke Hass auf Spinnen.

 

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