Stiefel

Auf ihrem Nachbargrundstück standen viele Gartenzwerge.

Ihr Nachbar war ein netter Kerl, aber seine Passion für Gartenzwerge konnte sie nicht teilen. In allen Größen hatte er sie, manche mit Spaten und Hammer oder auch winkend mit einem Tuch.

Die meisten hatten rote Mützen, die sich in alle Richtungen bogen, genauso rot waren ihre kugeligen Wangen und die wurstigen Lippen.

Ihre freundlichen Fratzen wirkten trotz ihrer Harmlosigkeit in der Masse bedrohlich.

Aber was sollte sie tun, sie konnte ihrem Nachbarn nicht verbieten, auf seinem Grund und Boden die vielen Gestalten zu beherbergen.

Es schien ihm immense Freude zu machen, jede neue Errungenschaft zeigte er ihr mit einem breiten Lächeln wie nach einer erfolgreichen Jagd.

Das neueste war ein roter Stiefel, in dem man Blumen pflanzen konnte.

Sie trug es mit Fassung, wenn er ihr stolz einen seiner Lieblinge präsentierte und ermunterte ihn, weiter zu sammeln, da sie wusste, dass er allein wohnte und keine Familie hatte.

Seine Zwerge waren seine Ersatzfamilie, manchmal schritt er durch seinen Garten und redete mit ihnen über das Wetter und über den Schmutz, von dem er sie regelmäßig befreien musste.

So hatte er immer zu tun und spürte seine Einsamkeit wohl nicht allzu sehr.

Sie hatte eine Tochter und einen Enkelsohn. Sie telefonierten fast jeden Tag, immerhin war sie schon eine alte Dame von über achtzig Jahren, aber noch sehr rüstig, in ihrem Haus erledigte sie alles noch selbst.

Ihre Tochter kam selten, sie arbeitete sehr viel und hatte ganz andere Interessen, ein besonders inniges Verhältnis bestand nicht zwischen den beiden, dafür aber das zu ihrem Enkel.

Er sah ihr so ähnlich und er hatte ihr Gemüt geerbt, war äußerst sensibel und hörte ihr immer zu, wenn sie von ihrer Vergangenheit sprach, für ihn war es wichtig zu wissen, woher er kam.

Sie erzählte ihm ihre Geschichte von der Flucht, vom Krieg, vom Hunger, von der Angst, aber die besonders grausamen Details ersparte sie ihm.

Sie war in Königsberg aufgewachsen in einer gut situierten Familie. Ihr Vater arbeitete an der Universität, er liebte die Philosophie, natürlich den großen Sohn der Stadt, Kant. Er war der Meinung, dass man sein ganzes Leben damit zubringen konnte, sich mit seinem außerordentlichen Werk auseinander zu setzen.

Ihre Mutter regelte den Haushalt, sie war sehr musisch begabt und sang viel mit den Kindern, zwei Geschwister hatte sie einst, eine Schwester und einen Bruder, beide etwas älter.

Das Schicksal schien so gut zu ihnen zu sein, dann kam der der Krieg und mit ihm das ganze Elend, Unglück über Unglück.

Der Vater und der Bruder wurden eingezogen und mussten zur Ostfront, erschütternde Briefe kamen aus Russland, Tod und Verderben waren an der Tagesordnung. Gnadenlos wurde alles niedergemetzelt, was sich den deutschen Soldaten in den Weg stellte. Kinder, Frauen und Greise wurden gequält und zerstückelt, ihre Hütten abgefackelt. Wie in einem Blutrausch stachelten sich die Soldaten gegenseitig an, wer der Grausamste sei.

Sie fanden Gefallen an ihrer Macht über Leben und Tod. Sie waren die Herren der Welt, das dachten sie jedenfalls, niemand würde sich ihnen in den Weg stellen können.

Dann kam die Schlacht um Stalingrad, das Unfassbare geschah und die scheinbar Auserwählten wurden besiegt. Beide, ihr Vater wie auch ihr Bruder waren dabei. Der Vater starb im Gefecht, wahrscheinlich hatte er es darauf ankommen lassen, er konnte das Entsetzen nicht mehr ertragen.

Ihr Bruder kam in russische Gefangenschaft, aber auch er war ein gebrochener Mensch, seine Kraft reichte nicht aus, den harten Bedingungen der Gefangenschaft zu trotzen.

Er verstand den Hass der Russen auf alles Deutsche, aber was er nicht begriff, dass die gefangenen höher dekorierten Deutschen besser behandelt wurden als die einfachen Soldaten. Dass sie diese Unterschiede machten, widersprach eigentlich der kommunistischen Ideologie, dachte er zumindest.

Sie waren bei der Kälte in Baracken eingepfercht, es gab eine Wassersuppe und manchmal etwas Brot. Er wusste, dass sein Vater nicht mehr lebte und erstarrte innerlich, ein Tier war er geworden, das nur noch ein Stück Brot im Kopf hat. Überleben um jeden Preis, hieß es.

Aber die vielen Leichen, die eingefroren überall lagen und die Körperteile, die man nicht mehr zuordnen konnte, über die man stolperte oder manche Gesichter, die stumm zu schreien schienen, konnten den Lebenswillen auch brechen. Wie sollte man das je vergessen können, wie sollte man ein normales Leben noch führen können, nach all dem Abschlachten jeglicher Menschlichkeit.

Ihr Bruder entschied für sich diese Schuld, die er empfand, die ihn nieder drückte, anzunehmen und mit dieser Bürde, die ihn nicht mehr leben ließ, zu sterben.

Seine Kameraden versuchten ihn zu retten, gaben ihm mehr Brot, aber sein Gewissen verweigerte die Nahrung. Auch hatte er keine Frau und Kinder, die auf ihn warteten, nur seine Mutter und Schwestern, aber er dachte, dass sie es auch ohne ihn schaffen können, sie waren äußerst energische Personen.

So schien es jedenfalls, ihre sensiblen Seiten zeigten sie fast nie, sie hatten gelernt, sich in jeder Situation zusammen zu reißen. Als sie erfuhren, dass Vater und Bruder gestorben waren, war auch deren erster Gedanke, sterben zu wollen. Jedoch sie hofften, dass der Krieg nun bald zu Ende sei.

Er dauerte aber noch zwei lange grausige Jahre, obwohl Königsberg erst eineinhalb Jahre später bombardiert wurde. Dabei kam ihre Schwester ums Leben, sie war aus dem Haus gegangen und kehrte nicht zurück, es war so unwirklich, so unbegreiflich.

Die Einwohner waren über das Bombardement entsetzt, das hatten sie nicht vermutet, ihre berühmte Stadt würde vielleicht nun in die Hände der Roten Armee fallen. Doch dann trat eine trügerische Stille ein, fünf Monate passierte nichts, alle fühlten sich relativ sicher.

Dann kam der endgültige massive Angriff der Roten Armee und der Bürgermeister verbreitete die sofortige Aufforderung, dass die Frauen, Kinder und Greise die Stadt sofort verlassen sollten.

Sie war noch nicht einmal zwanzig Jahre alt, ihre Mutter erklärte ihr, was die Russen mit ihr machen würden, wenn sie die Stadt erobert hätten.

So beschlossen sie, ihr Hab und Gut hinter sich zu lassen und zum Bahnhof zu gehen.

Aber die Züge waren voll und nur einen Tag später unterbrachen die Russen den Schienenweg, ihnen blieb nur noch die Flucht über die gefrorene Ostsee.

Es war einer der kältesten Winter überhaupt, die dunklen Menschenmassen schleppten sich über das Eis. Die beiden Frauen hatten sich Bekannten angeschlossen, damit sie nicht so schutzlos sind.

Ihre Mutter war unglaublich tapfer, sie ließ sich nicht anmerken, dass sie ihren Mann, ihren Sohn und ihre Tochter verloren hatte. Beide schafften es, auf ein Flüchtlingsschiff aufgenommen zu werden.

Später dann reisten sie zu Verwandten in das Dorf, in dem sie immer noch lebte. Ihre Mutter starb kurz nach dem Krieg, sie selbst lernte bald ihren Mann kennen und bekam ihre einzige Tochter.

Ihr erzählte sie nie die Geschichten von früher, für sie war es nur die Vergangenheit, auch verdrängte sie das meiste, zu schrecklich waren die Bilder, die ihr noch im Gedächtnis hingen, als sie im strengen Frost aus ihrer Heimat flohen.

Aber in ihren Träumen sah sie Kadaver von Menschen und Tieren, wie diese den Weg säumten, weiß gefrorene Augen starrten in den grauen Himmel, offene Münder stöhnten. Regelmäßig kehrte dieser Anblick zurück, als wäre keine Zeit vergangen. Sie sprach nicht darüber, denn sie wollte niemanden damit belasten.

Nur ihr Enkel fragte immer wieder. Aber sie wollte, dass er ein unbeschwertes Leben führen könne und schwieg über die Einzelheiten.

Aber seit dieser Stiefel da im Garten ihres Nachbarn stand, fand sie keine ruhige Minute mehr, zuerst wusste sie nicht, warum das so war. Aber dann fiel es ihr ein.

Als sie über die Ostsee liefen, stand da ein brauner Stiefel, aus ihm ragte ein abgebrochenes Bein, die Knochen reckten sie nach oben und das Fleisch hing in Fetzen herab. Sie hoffte, sie könnte irgendwann vergessen, aber sie musste begreifen, dass es nicht in ihrer Macht stand, zu vergessen.

Jeden Morgen, wenn sie nun aus dem Haus ging, versuchte sie diesen Stiefel, der inzwischen mit blauen Blümchen bepflanzt war, zu ignorieren. Ihren Nachbarn begrüßte sie verkrampft, er konnte zwar nichts dafür, aber sie entwickelte langsam feindliche Gefühle gegen ihn.

Ihr Enkelsohn merkte, dass etwas nicht in Ordnung war und bat sie zu erklären, was sie so massiv verstimmt hatte. Sie wollte zuerst nicht reden, aber dann brach es aus ihr heraus, sie beschrieb diesen entsetzlichen Stiefel von damals und dass sie immer daran denken musste, wenn sie täglich diesen roten Blumenbehälter sah. Ihr Enkel meinte, dass er den Nachbarn bitten wolle, diesen Stiefel wieder zu entfernen, das sei sicher kein Problem.

Am nächsten Tag besuchte er ihn und erschrocken nahm der Nachbar diesen aus seinem Garten.

Die Zwerge lächelten jedoch unaufhörlich weiter.

 

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