Strom

Im Süden der ehemaligen DDR gab es ein giftiges Industrie-Gespann, Leuna, Buna, Merseburg.  Ein Gestrüpp von metallenen Riesenkisten, Rohren und Schornsteinen machte die Natur rings herum zunichte. Immer wurde Gas abgefackelt, es loderten Flammen aus den Schornsteinen, nachts tauchten sie die Umgebung in unwirkliches, orangenes Licht wie eine Endzeitstimmung. Für einige Menschen war es auch das Ende ihrer Zeit, da die Schutzmaßnahmen dort kaum befolgt wurden, keiner kontrollierte auch nur irgendetwas, keiner fühlte sich verantwortlich, es war ja Volkseigentum.

In Leuna gab es die großen Hochspannungsanlagen, die sich innerhalb der Werkes befanden, dazu die monströsen Greifarme, die sich an die Leitungen anschließen konnten. Der Zuständige dort arbeitete schon relativ lange in der Abteilung und erzählte mit einer gewissen schaurigen Lust, dass er schon einige Arbeiter überlebt hatte. Diese waren aus Versehen an die Stromleitungen gekommen, und was übrig blieb, war ein kleines schwarzes Bündel, so groß wie ein Neugeborenes. Es ging ganz rasch, es zischte ein wenig und das war es dann. Ein schneller Tod, blitzschnell, keine Zeit für Schmerzen.

Er war schon länger krank, seine Motorik funktionierte nicht mehr, es würde auch nicht besser werden, er lebte in einer offenen psychiatrischen Klinik, da er massive psychische Probleme hatte. Er war schweigsam und unauffällig, hatte tiefe und ernste Augen. Er wusste, dass er kein normales Leben hätte führen können, auch war bisher das gute Leben an ihm vorbei gegangen. Er fühlte sich übergangen und gedemütigt, vernachlässigt und allein gelassen. Die Ärzte gaben ihm Medikamente gegen die Depressionen, er bekam seinen Alltag in den Griff, auch schien es, als würde er sich mit der jetzigen Situation abfinden.

Aber in seiner Innenwelt machte sich ein schwarzer Graben breit, jedes Licht, jede Farbe verlöschte jeden Tag ein Stück mehr. Er konnte die äußere bunte Welt nicht mehr wahrnehmen, es tat so weh, aus den Augen schauen zu müssen. Vielleicht würde er demnächst nicht mehr die Kraft haben, sich aus dieser Klinik zu bewegen, der Schmerz drückte ihn zu Boden, er konnte kaum noch aufstehen. Er wollte nicht mehr denken, keine Entscheidung mehr treffen müssen, er wollte nur schnell weg, ganz weg.

Früh morgens ging er aus der Klinik, schleppte sich zur U-Bahn, dahin, wo er früher gewohnt hatte, es war ein überirdischer Bahnhof. Er ging nach vorne, wo die Bahn einfuhr, der Bahnsteig war voller Menschen, aber er sah sie nicht mehr. Ihm war schwarz vor Augen, es hämmerte in seinem Schädel, sein Atem ging schwer, seine Beine drohten zu versagen, sein Wille jedoch war klar, nichts ging durch seinen Kopf, gar nichts.

Er sah die Bahn kommen und warf sich mit voller Wucht an die verkleidete Stromschiene, auch die Bahn war eine Sekunde später an dieser Stelle. Er war sofort tot, sein Körper war vollkommen entstellt. Wie lange diese Sekunde noch gedauert hat, wieviel Schmerz er noch ertragen musste, oder ob der Strom ihm gleich das Leben nahm, konnte man nicht mehr nachvollziehen. Der Fahrer der U-Bahn erlitt einen Schock und war nicht mehr in der Lage, seinen Beruf auszuüben.

Es gab noch einen anderen jungen Mann in dieser Klinik, er wirkte aufgeschlossen und zuversichtlich, er war hilfsbereit und unterhaltsam. Viele verstanden nicht, warum er in einem psychiatrischen Krankenhaus war, so normal war sein Auftreten. Er selber war gepeinigt von Selbstverstümmelungs-Gedanken, von Schmerz, den er sich zufügte, aber er redete nicht darüber, niemand sollte wissen, was eigentlich in ihm vorging.

Aber es wurde zur Obsession, er fühlte sich schuldig und abartig, somit ausgeschlossen. Meist blieb es in seiner Fantasie, dass er sich danach sehnte, stranguliert und gedemütigt zu werden, aber wenn er in seiner früheren Wohnung war, fesselte er sich oft mit Drähten. Als er sich wieder mal am ganzen Körper mit Kabeln geknebelt hatte, sah er fasziniert auf die Steckdose neben sich und überlegte, was wohl passieren würde, wenn er seinen Draht mit Strom in Verbindung bringen würde.

Dieser Gedanke bekam Macht über ihn, so sehr, dass er alle Bedenken vergaß, er dachte nicht daran, dass er sterben könnte, er war gebannt, fast hypnotisiert und tüftelte mit zitternden Händen die Schnüre in diese Steckdose. Ein gewaltiger Stromschlag durchzuckte seinen Körper, er wand sich auf dem Boden, konnte sich jedoch kaum bewegen, die Drähte bohrten sich in seine Kleidung und in sein Fleisch.

Er hatte noch Zeit zu schreien, einen kurzen Moment der Reue verspürte er, als er begriff, dass er nun der Endgültigkeit begegnet war. Sein Spiel, sein Verlangen waren ihm zum Verhängnis geworden, er starb nicht so schnell. Er lag mit Wundmalen übersäht, immer noch gefesselt auf dem Küchenboden, sein Gesichtsausdruck verriet eine Mischung aus extremen Schmerzen, sein Mund war verzerrt, und aus Erfüllung, seine Augen strahlten Wunschlosigkeit aus. Die Rettungshelfer waren zutiefst irritiert, als sie ihn so fanden und deklarierten dieses Geschehen als eine Form von Selbstmord, ausgeführt mit Strom.

 

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