Tod

Meine erste Leiche sah ich als kleines Kind, es war Sommer, wir waren an der Ostsee, ein Ertrunkener wurde aus dem Wasser gezogen, er lag dick und rosa auf dem Boden. Ich wusste nicht, dass er tot war, nur in er Erinnerung konnte ich die Tatsachen kombinieren. Der Tod machte mir keine Angst, jedenfalls nicht der eigene. Schlimm wäre es gewesen, wenn meiner Mutter etwas passiert wäre, da begriff ich sehr wohl, dass er eine Gefahr für mich sein konnte. Kurze Zeit später erlitt meine Mutter eine Lebensmittelvergiftung, sie lag kreidebleich und fast bewegungslos im Bett. Das war sehr unheimlich und bedrohlich, ich habe diesen Laden, wo die giftige Leberpastete gekauft wurde, nie vergessen und nie mehr betreten. Meine Mutter erholte sich wieder.

Der Tod blieb mir lange fern, zumindest physisch, Leichen konnte man gelegentlich im Fernsehen beobachten. Auch im Traum habe ich Leichen gesehen, die ich sehr gruselig fand. Wir Kinder in der Umgebung waren fest davon überzeugt, dass es einen Kindermörder in unserer Nähe gibt, und er schon tote Mädchen in die Mülltonnen entsorgt hatte, wir waren stets in Panik, wenn es dunkel war und ein Mann uns folgte, aber es war auch ziemlich aufregend. Zwei junge Mädchen aus der Nachbarschaft, die sehr eng befreundet waren und fast wie Schwestern aussahen, nahmen zusammen Tabletten, weil die eine schwanger geworden war, die starb, die andere überlebte.

Als ich noch relativ jung war, wurde ich auch schwanger, ich entschloss mich zu einer Abtreibung. Ich habe den Fötus nie gesehen, es war wohl sehr schwer, ihn aus meinem Bauch zu operieren. Das hätte ein lebendiges Wesen werden können, aber ich wäre eine erbärmliche Mutter geworden, trotzdem fühle ich eine Art von Reue für dieses Kind, das keine Chance hatte. Erst als meine eine Oma starb, konnte ich den Tod wieder richtig sehen.

Sie lag im Sarg, nur das Gesicht war nicht bedeckt. Ihr Gesicht war unglaublich kantig, die Wangen eingefallen, die Augen zu, fast hohl, als hätte sie sie verloren. Ich war fasziniert, traurig sein konnte ich erst Jahre später. Sie war ein strenger, herrischer Mensch, unfähig zur inneren Einkehr, und sie konnte ungerecht sein, ihre sechs Kinder behandelte sie sehr unterschiedlich. Sie litt an sich und an ihrem Mann, der hin und wieder trank, es gab viel Streit. Mich liebte sie, und ich hatte sie trotz ihrer Wutanfälle gern.

Als sie von ihren Kindern in ein Pflegeheim nach Ostberlin verfrachtet wurde, weil Mecklenburg zu weit war, siechte sie nur noch vor sich hin und wollte sterben, ihr Haar war gelb, nicht einmal das Rauchen war ihr gestattet. Sie fragte mich nach Gift, und ich hätte ihr es gegeben, wenn ich gekonnt hätte, das war kein würdiges Leben mehr. Ich war erleichtert, als mich die Nachricht von ihrem Tod erreicht hatte, sie war erlöst.

Wieder folgte eine lange leichenfreie Zeit, das heißt nicht, dass ich den Tod ignorierte, aber die unmittelbare Erfahrung fehlte mir. Da ich zu der Zeit Theater spielte, bin ich oft in meinen Rollen gestorben, verzweifelt und wahnsinnig. Als mich dann selbst der Wahnsinn erreichte, und ich massiver Todessehnsucht und Betrübnis ausgesetzt war, schickte mich ein Freund, der Herzchirurg war, inzwischen ist er an Krebs gestorben, in eine Herzklinik, ich sollte mir wirkliches Leid ansehen.

Das tat ich, und ich sah aus der Form geratene Fleischberge an Maschinen, nur der Brustkorb senkte sich hin und wieder, ansonsten waren es bekleidete Haufen, von denen keine Energie ausging, es war nicht fassbar. Die Kleinkinder waren schwer zu ertragen, sie hatten trotz allem etwas niedliches und lösten Beschützerinstinkte aus. Die Schwester sagte mir, dass sie die kranken Kinder auch nicht ertrüge, um die tat es ihr besonders Leid, da sie noch nicht gelebt hätten.

Mir fiel ein Krankenhausbesuch ein, als ich gerade mit dem Rauchen anfing, meine Mutter sagte, dass ich mir Raucherbeine ansehen sollte und schickte mich zu einem befreundeten Arzt, der mich durch die Klinik führte. Aber es gab gerade keine Raucherbeine, also wurde ich in die Abteilung für missgeburtliche Kinder geschickt. Ich sah die Kleinen in ihren Gitterbettchen mit freundlichen neugierigen Augen, ihre Körper hatten völlig anormale Formen. Sie lebten in diesen Betten und sie würden hier sterben, tief traurig war ihr Ausdruck, klar und demütig. Dieses Erlebnis hat mich nie ganz losgelassen, und nie wollte ich Arzt werden, weil ich den unmittelbaren Tod nicht vertrug.

Auch Grausamkeiten im Fernsehen halte ich nicht aus und schließe meine Augen solange. Und die Geräusche, die das Sterben verursachen kann, können einen aus der Bahn werfen.

Ich habe mal eine Hinrichtung mitangesehen, wo jemandem die Kehle mit einem stumpfen Messer durchgeschnitten wurde, dieses Röcheln verfolgt mich bis heute, und ich kann nicht begreifen, wie man das überhaupt tun kann. Anscheinend reicht der Ekel nicht aus, oder der Mensch gewöhnt sich daran, was ich aber nicht glauben kann.

Ich las in einem Buch über den Krieg, wie sich Soldaten mit den Zähnen die Pulsadern zubissen, damit sie nicht verbluten, das blieb mir im Gedächtnis haften. Ich selbst zögerte immer, mich zu verletzen, wenn ich der Meinung war, nicht mehr leben zu wollen, da mich die Verwundung meines Körpers ungemein abschreckte, oder wenn es nicht klappt, man gefunden wird und als Behinderter weiter leben muss.

Drei Menschen, die ich kannte, schafften es, sich innerhalb weniger Wochen umzubringen. Der erste sprang vor die U-Bahn, er war sofort tot, die zweite hatte sich ein besonders hohes Haus ausgesucht und sprang in den Tod, der dritte knebelte sich und tötete sich mit Strom. Das waren keine Hilferufe mehr, das war die Entschlossenheit zur Endgültigkeit. Ein ehemaliger Kommilitone wurde einfach ohnmächtig und war eine Sekunde später nicht mehr am Leben. Eine entfernte Bekannte nahm Beruhigungstabletten und Alkohol und legte sich nachts auf eine einsame Parkbank im eisigen Winter und verstarb dort.

Eine richtige Leiche sah ich erst wieder, als mich eine Freundin bat, ihr zu helfen, sie hatte sich überreden lassen, eine Totenmaske abzunehmen, weil sie Maskenbildnerin ist. Nur hatte sie keine Erfahrungen mit Toten, bisher waren es sehr lebendige Leute, denen sie das Silikon ins Gesicht schmierte und das sofort hart wurde.

Ganz anders bei diesem Toten, er war kalt und der Raum war genauso kalt, es wurde einfach nicht hart und lief seitlich herunter oder in den halbgeöffneten Mund. Die Lösung war ein Föhn, mit dem ich am Kopf des Toten rumhantierte bis der Kunststoff langsam fest wurde. Es war ein angenehmer Toter, seine Farbe war zwar gelblich violett, aber seine Ausstrahlung war friedlich und nicht gequält oder gar unheimlich. Der Bestatter war extrem gut gelaunt und ließ nebenbei verlauten, dass auch er nicht mehr lange zu leben hatte.

Sein Mitarbeiter erzählte mir Horrorgeschichten über Selbstmörder, die man erst spät gefunden hatte, und die schon halb verwest waren, der Sommer hat auch seine Nachteile. Ein Mann hing wohl sehr lange am Strick, es war sehr heiß und der Körper voller Maden, dunkel verfärbt und aufgedunsen, er musste vorsichtig vom Strick geschnitten werden, damit der nicht runter fällt und aufplatzt. Auch an den Tod könne man sich gewöhnen, lernte ich dort.

Ich wusste da noch nicht, dass ich bald sehr schmerzhaft meinen liebsten Menschen verlieren würde. Meine Oma war schon 97 Jahre alt, sie liebte das Leben, war bescheiden und freute sich über jede Kleinigkeit, sie war fast blind, aber sie konnte mich gut hören und verstehen, laufen konnte sie auch nicht mehr, sie wurde in einem Rollstuhl geschoben. 100 wollte sie werden, und ich glaubte ihr, so rüstig und gesund wie sie war. Sie hatte einen gütigen Blick und unbeschreiblich warme, kräftige Hände, mit denen sie meine immer ganz fest hielt.

Es war Winter, und es ging ihr nicht gut, das Wetter wurde nicht besser, auch ihr Zustand nicht. Sie konnte nicht mehr richtig essen, hatte Durchfall und verlor zusehends an Gewicht, selbst das Umdrehen im Bett fiel ihr schwer, ihre Gesichtszüge veränderten sich sehr, die Wangen fielen ein, die Nase wurde spitz, die Augen fahl, die Lippen violett.

Ich fuhr alle zwei Tage nach Luckenwalde, nach einigen Wochen erwischte ich mich bei dem Gedanken, dass es doch endlich vorbei sein sollte, ich fühlte mich schuldig. Auch das Wetter blieb beschissen, Schneeregen und Eiseskälte, und ich in ständiger Sorge und Anspannung. Langsam wurde mir klar, dass es dem Ende zugeht, sie würde sterben, die Ärztin gab ihr schon Morphium. Dann war da meine Angst, dass meine Oma plötzlich ganz alleine stirbt, jeder Anruf erfüllte mich mit Schrecken. Es gab noch zwei Dinge, die ich ihr und mir wünschte, dass es schnell geht und dass ich dabei sein darf, wenn sie stirbt. Sie hatte keine Angst vor dem Tod, sondern Angst vorm Sterben. 

Ich machte noch eine Videoaufnahme von ihr und wollte mit ihr ihre Lieder singen und Gedichte lesen, aber es war schon zu spät, sie hatte keine Kraft mehr, ich spielte ihre Lieblingsmusik, manchmal war ein Anflug von Lächeln zu beobachten.

Als ich das nächste Mal hinfuhr, nahm ich eine Zahnbürste mit, ich wollte da bleiben und mit ihr warten und ihre Hand halten, so wie sie meine immer gehalten hatte. Als ich ankam, war sie allein im Zimmer, ihre Nachbarin konnte es nicht mehr ertragen und wurde in ein anderes Zimmer gebracht. Ich ging zum Bett, da lag sie schwer atmend auf dem Rücken, die Augen grau verschleiert und nach oben gedreht, sie hatte ihr Bewusstsein am Vortag verloren. Die Schwester kam herein und ich sagte, dass sie wohl nicht mehr zurück kommen würde, sie schüttelte sichtlich mitgenommen ihren Kopf und sagte noch, dass manche Menschen schon Tage so gelegen hätten, bis sie sterben konnten.

Damals rauchte ich noch und sehr viel, ich rannte also alle halbe Stunde nach draußen in die Kälte und panisch wieder zurück, es wäre der Alptraum gewesen, wenn sie genau in dem Moment gestorben wäre. Aber sie atmete schwer, ansonsten rührte sie sich nicht, ich spielte noch kurz die "Moldau", das war unsere Musik, dann ließ ich die Stille zu, sie sollte es nicht so schwer haben, wenn sie die Musik vielleicht hören und traurig sein würde.

Sie roch auch schon ganz anders, nach vermoderter Erde, aber nicht unangenehm, wahrscheinlich fingen die Organe an zu versagen. Ich war wieder eine Zigarette rauchen, und als ich ins Zimmer kam, hörte ich sie nur noch schwach atmen, sie machte sich in die Hose, ich wollte die Schwester holen, fand sie aber nicht und ging zurück ins Zimmer. Ganz sacht und unregelmäßig ging ihr Atem, ich war dicht bei ihr, ihre Haut war schon ganz wächsern, dann atmete sie ganz leicht aus, und dann nicht mehr.

Ich rief "OMA, OMA" und weinte, legte meinen Kopf an ihren, der schon kalt war. Ihre Hände waren noch warm und blieben es, solange ich bei ihr war. Sie war tot, und der Moment des Übergangs war nicht zu fassen, es passierte einfach, ganz unspektakulär. Aber ihre Fingerspitzen wurden sofort lila, und es war kein schöner Anblick, der Mund stand offen, die Augen ließen sich nicht schließen und waren noch weiter nach oben verdreht, das Gesicht war noch mehr eingefallen, der Farbton der Haut undefinierbar, fast faulig, der Geruch seltsam streng.

Da lag eine Hülle, aber kein Wesen mehr.

Ich holte die Schwester, sie schrieb den Todeszeitpunkt in die Akte und gab mir einen Zettel "Mein letzter Wille" von der Oma, darauf stand, dass sie eingeäschert und anonym begraben werden will, einfach und ohne Rituale. So war sie, sie wollte niemandem Mühe machen. Zuerst musste die Ärztin kommen und den Totenschein ausfüllen, als sie kam, sagte sie nur, dass es toter nicht mehr geht, vielleicht war es ihre Art, damit klar zu kommen, schließlich kannte sie meine Oma sehr lange.

Ich rief dann meine Mutter an, ich war erstaunlicherweise sehr gefasst, danach wurde das Bestattungsinstitut benachrichtigt. Sie wollten in einer Stunde dann da sein, so viel Zeit blieb mir noch mit meiner Toten. Ich saß da und war völlig erschöpft, ich wusste nicht, wie es nun weiter gehen sollte, meine Oma war mein Fels, mein Schutzengel, jemand, der mich verstand, der für mich seelenvoll und herzensgut war.

Nun war es doch so schnell gegangen und so unbegreiflich, ich versuchte froh zu sein darüber, dass sie nicht allzu lange leiden musste, und dass ich dabei war, als sie starb. Vermutlich hatte sie das gespürt und auf mich gewartet, weil sie wusste, dass ich mir das nicht verziehen hätte, wenn sie ohne mich gegangen wäre. Mir fiel ihre Stimme ein, wie sie so oft sagte: "Meine Gutste" und "Mit Dir hab ich Glück gehabt", dabei gab es Zeiten, in denen ich mich nicht wirklich um sie gekümmert hatte, was ich im Nachhinein sehr bereute.

Nichts ist klarer und entschiedener als der Tod, sie lag da, und ich versuchte, mir ihr Gesicht genau einzuprägen, es war schon dunkel draußen.. Als sie starb, war es Nachmittag gewesen, ich wäre gern länger allein mit ihr geblieben, da kamen schon die Männer vom Bestattungsinstitut. Sie brachten eine Bahre mit Rollen herein, darauf lag ein schwarz glänzender länglicher Sack mit einem langen silbernen Reißverschluss.

Sie fragten mich, ob sie sich an die Arbeit machen könnten, ich nickte, und sie nahmen den Leichnam, der ganz steif geworden war, einer die Füße und der andere die Schultern und legten ihn wie eine Puppe auf die Bahre. Jetzt sah ich erst, wie dünn ihr Leib geworden war, ihre Haare waren weiß wie ihr Hemd. Sie rückten den schwarzen Sack zurecht und schlossen von unten langsam den Reißverschluss bis auch der Kopf in das Schwarz getaucht endgültig verschwand, ich sagte noch ein hilfloses "Auf Wiedersehen", während sie vom schimmernden Plastik verschluckt wurde.

Das war´s, das war das Ende, ein paar Handgriffe und sie war weg, die Welt würde ohne sie genau so weiter machen. Ich packte schon mal ein paar Dinge zusammen, die ich für wichtig hielt, auch ich konnte mich auf mein praktisches Tun verlassen, ich funktionierte. Die anderen Mitbewohner waren sehr traurig, ich versuchte sie zu trösten.

Als ich fertig war, bestellte ich mir ein Taxi und fuhr mit dem Zug nach Hause, leer und matt, mein Kopf war wie zubetoniert, kein Gedanke bewegte darin. Erst als ich zu Hause war und ins Bett ging und wie immer das Licht ausmachte, kroch eine seltsame Angst in mir hoch. Ich hatte das Gefühl, dass jemand in meiner Nähe ist, ich musste das Licht die ganze Nacht anlassen, zwei Wochen lang, dann beruhigte ich mich wieder. Ich wusste, dass in anderen Kulturen geglaubt wird, dass die Seele des Verstorbenen noch 40 Tage auf der Erde wandelt. Und ich konnte sie diese 40 Tage lang vor meinem geistigen Auge sehen, danach nicht mehr.

Mir fiel noch ein, dass ich sie gerne noch gewaschen hätte, so ist es früher üblich gewesen, aber da hatte ich in dem Moment nicht dran gedacht, nun haben es fremde Leute gemacht. An dem Abend, an dem ich erfuhr, wann die Beerdigung sein sollte, hörte ich im Fernsehen ein Lied, das ich sehr liebte, es war sehr traurig und passte zu meiner Stimmung. Ich hatte diese Musik da, es war Purcells "Dido and Aeneas", die letzte Arie.

Ich hatte mir nie Gedanken um den Text gemacht, nun aber las ich: "Wenn ich in der Erde liege, mögen meine Verfehlungen dich nicht bekümmern. Denk an mich! Doch ach! Vergiss mein Los."

 

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