China-Todesauto

Dass sie vor kurzem den selben nächtlichen Traum hatten, merkten sie erst Tage später. Am Telefon berieten sie, was nun zu tun sei, auf jeden Fall würden sie sich in Peking treffen. Doch vorher mussten sie ausfindig machen, ob es diese junge Frau, die ihnen im Traum erschienen war und Unheil bringen könnte, in dem besagten Dorf überhaupt gibt.

Sie suchten in den Akten und entdeckten Hinweise, dass diese Frau mit einem Bauern verheiratet war und schickten einen Boten dorthin. Der fand heraus, wer sie war, und wo genau sie wohnte. Unscheinbar und versteckt lebte sie weit weg von der Hauptstadt. Und sie sprach nicht, kein Wort.

Man erzählte sich, wer sie zum Sprechen bringt, wird die Macht in China für die nächsten hundert Jahre besitzen. Auch soll sie die Gabe haben, Schriften auf eine ungewöhnliche Weise lesen zu können, manche meinten, sie bräuchte überhaupt nicht zu lesen, sie wisse alles schon bereits und hörte jedes entfernte Wort. Auch war sie in der Lage, Dinge zu sehen, die nicht in ihrer Umgebung geschahen. Zu den Ahnen sollte sie Kontakt haben, zu den dunklen Kräften, die die Geschicke der Welt bestimmen. Sie war als Waise gefunden wurden, niemand wusste, woher sie kam.

Ihre Erkenntnisse über diese Frau meldeten sie gehorsam den Machthabern, die wollten die Geschichte nicht glauben, aber als auch andere Kader von Träumen heimgesucht wurden, befahlen sie, dass sie sofort nach Peking zu holen sei. Schon als die Beauftragten das Dorf von weitem sahen, spürten sie eine beunruhigende Kraft, die Bewohner blickten erschrocken auf diesen unverhofften Besuch.

Die junge Frau hatte sich versteckt, nur ihren Mann konnten sie finden. Den sperrten sie in das nächste Gefängnis, wo er befragt und gefoltert wurde, seine Zähne wurden ihm heraus geschlagen, seine Finger und Füße gequetscht, sein Körper hatte überall verräterische Flecken.

Man entschied sich, ihn im Schnellverfahren zu verurteilen mit der Begründung, dass er Staatsgeheimnisse verraten habe und ließ ein Todesauto kommen. Sie brauchten ihn nicht mehr, sie wussten nun, wo sich seine Frau verborgen hielt, noch am selben Abend wurde sie verhaftet.

Sie wurde auf dem schnellsten Wege nach Peking gefahren. Sie saß mit erhobenen Haupt, obwohl sie vor ihrem inneren Auge das Todesauto genau sehen konnte, in das ihr Mann hinein gezwungen wurde, den Stuhl, an dem man ihn festschnallte und die tödliche Spritze. Das Rezept für den Tod bringenden Inhalt der Spritze hatte man aus Übersee, mit drei Substanzen, für die Betäubung, für die Muskellähmung und für den Herzstillstand. Doch er quälte sich noch viele schmerzvolle Minuten.

Man redete der Bevölkerung ein, dass Spritzen humaner seien als die sonst üblichen Genickschüsse, und die mobile Neuerung könnte auch überall hinfahren, und es sähe immer offiziell aus. So wollten sie zusätzlich zu den öffentlichen Hinrichtungen, die es in vielen Regionen gab, um die Menge zu stimulieren und zu steuern, sich als übermächtiger und allgegenwärtiger Staat präsentieren. Der Erfinder der Idee, diese Vehikel einzusetzen, wurde vorsorglich, damit er nichts preisgab, auch schon in so einem Auto zum Tode gebracht.

Inzwischen waren sie in Peking angekommen. Die junge Frau wurde in einen dunklen Raum eingeschlossen, man fasste sie überall an, aber sie gab keinen Laut von sich. Sie berieten, was mit ihr zu tun sei, ob man es ernst nehmen und sie wegsperren sollte. Sie könnte auch eine Verrückte sein, schon öfter gab es selbst ernannte Seher, die sich gründlich irrten. Niemand würde es wagen, die Machtverhältnisse in Frage zu stellen und wenn doch, waren die tödlichen Konsequenzen vorprogrammiert. Auch die wenigen Beherzten, die sich gegen das System auflehnten, in unterschiedlichsten Formen Widerstand leisteten, hatten mit dem Schlimmsten zu rechnen.

Der Tod schien so banal, es gab immer das gleiche widerliche Bild eines verwesenden Körpers, die Vollstrecker hatten sich längst daran gewöhnt. Jeder konnte im Grunde diese Arbeit verrichten, man brauchte keine besonderen Fähigkeiten dafür.

Allmählich fanden sich immer mehr Menschen, die nachts von dieser jungen Frau träumten. Es entstand eine unheimliche Situation, die sich verstörend ausbreitete, und niemand wusste so recht, was es zu bedeuten hatte. Ganz oben wurde entschieden, die Angelegenheit doch ernst zu nehmen und abzuwarten.

Es vergingen Wochen, im Land wurde es unruhig. Die Bauern weigerten sich, weiterhin ihr Joch zu ertragen, in den Städten kam es zu unkontrollierbaren Ansammlungen. Die Mächtigen wurden nervös, sie begriffen, dass diese junge Frau über Fähigkeiten verfügte, die sich jenseits ihrer Einflussnahme befanden. Sie war anscheinend in der Lage, in die nächtlichen Träume einzudringen. Und ihre Untergebenen träumten nun den Aufstand.

Und der Weg, bis sie ihr Ziel erreicht haben würden, war nicht mehr allzu weit. Damit war die Grenze überschritten, die Despoten in Peking mussten handeln und zwar schnell. Sie fingen an, die junge Frau zu foltern, jeden Tag ein wenig mehr, um sie zum Sprechen zu bringen. Sie schwieg beharrlich weiter. Dann versuchten sie es auf die freundliche Tour, führten sie nachts aus ihrem Verlies durch die Gemäuer der Zentralregierung, damit sie die Stärke der Herrscher mit eigenen Augen sah.

Begleitet wurde sie von einer ganzen Einheit der Schutzpolizei, die mit ihren dunklen Brillen und ihrer schwarzen Kleidung und Helm wie Insekten aussahen, ihre Stachel waren die Schlagstöcke und Pistolen. Die junge Frau wandelte durch die Gänge als würde sie wissen, wohin sie gehen wollte, jeder ihrer Schritte wurde von Kameras überwacht. Dann wollte sie ein bestimmtes Gebäude betreten, man gestattete es ihr. Darin waren die Petitionen gesammelt, die das Volk in den letzten Jahren von überall her geschickt hatte. Was dort im Keller lagerte, müssen Milliarden von Bittschriften gewesen sein. Wahrscheinlich nochmal so viele hatten Peking nicht erreicht, sie wurden gewaltsam aufgehalten oder vernichtet.

Millionen von Bürgern flehten um Hilfe, deren Kinder verschleppt und verkauft wurden, deren Frauen und Männer verschwanden, deren Hütten geplündert oder zerstört worden waren, die hungerten, die ihre Arbeit einbüßten, auf der Straße schliefen, welche, die als Sklaven in Minen und Gruben schuften mussten, andere, die in Lagern erbarmungslos zugrunde gingen, viele, die ihre ganze Habe verloren hatten, ihre Häuser und Felder ohne Entschädigung, eingeschüchtert und erpresst wurden, gedemütigt, verraten, verlassen, getreten, gefoltert, verstümmelt, zerstückelt, mit glühenden Eisen gequält, jedes Körperteil einzeln zerbrochen, erhängt, erschossen, erstochen, in die Luft gesprengt. Endlose Zeugnisse des Schreckens, der schnelle Tod schien oft eine Gnade zu sein.

Die junge Frau hörte die leisen Stimmen der kleinen Leute und erstarrte, obwohl sie vieles von dem ahnte, was dort geschrieben stand. Was sie am meisten erschütterte, war des Volkes Glaube, dass sie ganz oben in der Zentrale von diesen Zuständen nichts Genaues wussten. Der große Führer allein würde sie erlösen können, dachten sie, korrupt und grausam waren für sie nur die Beamten. So baten sie schon seit Jahrhunderten ihre Kaiser und hofften vergebens.

Als Ameisen bezeichneten sich die einfachen Geschöpfe, sie brauchten einen Herrn und knieten nieder in ihrer Einfalt und Anmut. Nichts als Grausamkeit hatten sie gelernt. So sollte es auch dem Nächsten geschehen, wer etwas mehr bekam, wollte noch mehr bekommen, sie traten sich gegenseitig in das Elend. Die Trauer der Alten, die das überlebt hatten, blieb sprachlos, das Land war wund und blutig.

Die junge Frau fing an zu flüstern, sofort wurde der Vorsitzende gerufen, das hatte er persönlich so angeordnet. Die Dämmerung brach langsam durch einen Lichtschacht, es war still und ihr Flüstern nicht zu verstehen. Als das Staatsoberhaupt den Raum betrat, zuckten alle vor Furcht zusammen, nur die junge Frau stand reglos in der Mitte.

Als sie ihm gegenüber stand, meinte er, dass er an sie glaube, dass sie doch nun zu ihm sprechen könne. Er sei der rechtmäßige Erbe eines erfolgreichen und leuchtenden China, so viele Siege hätte er schon errungen, so sehr lag ihm sein Land am Herzen. Und es sollte auch mindestens die nächsten hundert Jahre so bleiben. Sie öffnete den Mund, sehr behutsam formte sie noch unverständliche Worte, aber sie fing an, zu sprechen, und die Macht würde gesichert sein. Langsam kristallisierte sich ein Satz heraus. Sie werden die Macht verlieren. Sie werden die Macht verlieren.

Wütend machte der Tyrann eine Handbewegung, was nichts anderes hieß, als sie hinrichten zu lassen, an einem entfernten Ort und heimlich. Man führte sie ab und sperrte sie gleich in ein Todesauto, welches hunderte Kilometer weit weg seinen Zweck erfüllen sollte. Sie saß gefasst während der Fahrt auf dem Stuhl, aus ihrem Augen sprach Vergeblichkeit.

Nachdem sie gestorben war, breitete sich im Land wieder die alte Ruhe aus. Das schwere Leben wurde weiter ertragen, man ging seiner Arbeit nach und die Behörden ihrem Diebstahl. Sie vergaßen, dass da eine Chance auf Veränderung bestanden hatte. Es machte ihnen Angst, wenn sie noch darüber nachdachten. Es war doch nur ein Traum gewesen, der vorüber ist, wenn man erwacht.

Sie werden die Macht verlieren.

 

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