Torero-Spiel

Wie an jedem Nachmittag nach der Schule saß Jean stundenlang an seinem Computer.

Sein Lieblingsspiel war immer noch Doom 3, er hatte ein gewisse Virtuosität erreicht und die 26 Levels waren für ihn kein Problem mehr. Das hätte ihn eigentlich langweilen müssen, aber zu gern fantasierte er sich auf den Mars im Ausnahmezustand, die Dämonen fand er spannender als die echten Menschen. Vom Abschlachten der Figuren mit Motorsägen, Pistolen, Maschinen- und Plasmagewehren konnte er einfach nicht genug bekommen.

Und die Outworld in Mortal Kombat in Armageddon zu schlagen, löste in ihm Allmachtsgefühle aus, jede Wirklichkeit war dagegen uninteressant, er konnte so über das Schicksal aller Reiche entscheiden, an ihm hing das Existieren der Krieger, ja des gesamten Erdreiches.

GTA fand er auch nicht schlecht, Vice-City und San-Andreas waren für ihn richtige Städte, da war viel los, im Gegensatz zu dem kleinen Vorort von Paris, in dem er lebte.

Und er konnte wilde Verfolgungsjagten mit Motorrädern und Hubschraubern machen, dabei mit Bomben, Granaten, Flammen- und Raketenwerfern umgehen. Das Töten fand er lustig, Attentate waren an der Tagesordnung, am liebsten sprengte er Polizeireviere in die Luft. Aber das Beste waren die Amokläufe, die Rampages, das war eine extreme Herausforderung.

Nebenbei aß er eine Menge Süßigkeiten und trank viel Cola, dementsprechend war er in den letzten Jahren auch etwas fett geworden, was ihn aber nicht störte. Mädchen waren nicht seine Sache, außerdem mochten die auch niemanden mit so dicken Brillengläsern.

Sein bester Freund war Albert, vom äußeren ganz das Gegenteil, schmal, drahtig und nervös.

Auch er mochte diese Spiele, aber er war nicht so besessen davon wie Jean, lieber ging er spazieren und nahm vieles mit seiner Handykamera auf, aber nichts spektakuläres. Manchmal auf dem Schulhof sahen sie sich kleine Filme an, Schlägereien und harte Pornos, die fanden sie witzig, alles Schlampen, diese Weiber.

Albert hatte sich trotzdem einen gewissen Feinsinn bewahrt, er machte sogar noch Hausaufgaben, war gut in der Schule und wollte später in Paris studieren, Soziologie oder Psychologie, etwas in der Art. Und er war verliebt in eine Mitschülerin, aber nur heimlich, den Mut, ihr das zu offenbaren, hatte er noch nicht aufgebracht.

Auch sie war fasziniert von den kleinen Videos, besonders von denen, die diverse Mutproben zeigten. Das brachte ihn auf eine Idee, er wollte sie unbedingt beeindrucken, obwohl er selbst noch nicht daran glaubte, dass er es wirklich für sie tun würde.

An diesem Nachmittag ging er zu Jean, der hörte wie immer kaum zu, weil er so vertieft in das Ausrotten seiner virtuellen Feinde war, aber als Albert ihm erzählte, was er eventuell vorhatte, war Jean begeistert. Entgegen seiner Gewohnheit schaltete er den Computer ab und starrte Albert ungläubig an, das hatte er von seinem Freund nicht erwartet, dass er so überhaupt drauf sein konnte.

Eigentlich war Albert für ihn ein Muttersöhnchen, aber ihre Freundschaft hielt schon zwei Jahre, sie erzählten sich fast alles, nur Mädchen waren kein wirkliches Thema. Die Pornos waren zwar okay, aber nur zum Wichsen und Witze machen.

Jean hatte schon vom Torero-Spiel gehört, es war das Allerneueste. Früher sprang man auf Züge, rannte kurz vor der Zugdurchfahrt über die Gleise, auch das war schon spaßig anzusehen.

Nun galt es, sich an einer TGV-Hochgeschwindigkeitsstrecke auf die Schienen zu legen und erst im letzten Moment, wenn der Zug mit über 300 Sachen herannahte, von den Gleisen zu springen. Das wurde natürlich gefilmt und im Internet und auf den Handys verbreitet. Man sah den Spielern die Freude an, die der Adrenalin-Kick in ihre Gehirne sprühte. Wer das tat, war ein richtiger Held in der Runde und alle konnten sich das hinterher auf den Videos anschauen, das erhöhte das Ansehen in der Clique ungemein.

Jean war also erstaunt, dass Albert so etwas im Sinn hatte. Dass dahinter dieses Mädchen stand, verschwieg Albert natürlich, er wollte sich keine Blöße geben. Jean holte eine Flasche Whisky aus einem Versteck, den mischten sie in die Cola, damit seine Mutter, falls sie nervend an die Tür klopfte und eintrat, nichts bemerkte. Das war zwar nicht oft, denn sie wollte keinen Ärger mit ihrem Sohn, sie meinte, er hätte eben zur Zeit seine Spielphase, aber auch er würde irgendwann erwachsen werden.

Da saßen sie nun und schmiedeten Pläne, die TGV-Strecke war nicht allzu weit entfernt. Aber sie wussten nicht so recht, ob sie es heute schon wagen würden, also tranken sie sich Mut an.

Jean ging aus dem Zimmer und bat seine Mutter, ihr die Taschenlampe zu geben, sein Freund und er wollten einen abendlichen Spaziergang machen. Seine Mutter war erfreut, da sie ihren Sohn nur selten zu einem Gang an die frische Luft überreden konnte, vielleicht würde er doch vernünftig werden und sie gab ihm die Lampe. Einen Naturfilm wollten sie machen, scherzte er, was sie absolut wörtlich nahm.

Natürlich spürte sie, dass er etwas getrunken hatte, aber für ein Video in der Natur schien das nicht weiter schlimm zu sein. Seinen Freund Albert mochte sie sehr gern, eben weil er so ganz anders war als ihr eigener Sohn, er wirkte reifer und hing nicht ständig vor dem Bildschirm herum. Sie erhoffte sich einen guten Einfluss durch ihn.

Langsam wurde es dunkel, die beiden überlegten, ob sie noch einen Freund anrufen und ihn in ihre geheime Angelegenheit einweihen sollten. Aber sie waren schon angetrunken genug, dass sie glaubten, sie würden es auch allein schaffen. Dann trat die Frage auf, ob sich jeweils beide auf die Gleise legen sollten, sie kamen dann aber zu dem Schluss, einer würde es tun, der andere filmt.

Albert wurde übermütig, er hatte die Idee gehabt, er wolle das nun durchziehen und morgen würde es die ganze Schule sehen. Sie würden begreifen, wie mutig und außergewöhnlich er sei, vielleicht würde er auch ein Lächeln von dem Mädchen bekommen.

Bisher waren zwar schon einige solcher Videos im Internet zu sehen, aber die Anzahl hielt sich noch in Grenzen. Sie taten es an jeder Strecke, ob Richtung Lille, Lyon, Marseille oder Straßburg. Es war immer aufregend und was konnte schon passieren, man sah und hörte den Zug kommen.

Aber nur wer ganz kurz vorher wegsprang, machte es richtig.

Albert wollte das echte Leben, nicht wie Jean die Scheinwelt am Computer, er wollte etwas Besonderes werden, die anderen überflügeln. Viele nannten ihn einen Streber, was ihn sehr kränkte, ihm fiel das Lernen einfach leicht. Und er war ein Tagträumer, die Computerspiele brauchte er nicht wirklich, viel lieber hing er seinen Gedanken nach. Nur Jean zuliebe und um mit den anderen mithalten zu können, spielte er auch gern gelegentlich.

Heute nun sollte es sein Abend werden, er würde Anerkennung und Bewunderung ernten, sie würden sehen, wie sehr sie sich in ihm getäuscht hatten, er sei kein Feigling. Er rief seine Eltern an und bat erfolgreich bei seinem Freund übernachten zu dürfen. Voller Elan und einem Kribbeln im Bauch machten sich die beiden auf den Weg, den Whisky nahmen vorsichtshalber mit, nur keinen Rückzieher machen, versicherten sie sich.

Die Taschenlampe war stark genug, das Licht würde ausreichen, der Akku war aufgeladen und das Abenteuer konnte beginnen.

Sie filmten sich anfangs gegenseitig und lachten in die Kamera, es war ein unglaublicher Spaß. Albert hatte sich noch nie so lebendig gefühlt, auch Jean fühlte sich glücklich und befreit, der Alkohol war in ihre Köpfe gestiegen.

Jean hatte die Eingebung, dass Albert ein paar Sätze sagen solle, so als wären es seine letzten, er wollte ihn filmen und so tun, als würde Albert sich umbringen wollen. Albert fand diesen Witz sehr gelungen und schrie, dass er heute unsterblich werden würde. In seinem Übermut johlte er, dass er außerdem unsterblich verliebt sei und das, was jetzt folge, sei der Beweis dafür.

Dann grinste er und berichtigte sich artig, er spiele jetzt nur das Torero-Spiel, aber für die ganze Welt. Er legte sich auf kichernd aus die Schienen und Jean hatte Schwierigkeiten, das Handy und die Taschenlampe in seine Richtung zu halten, er schüttelte sich vor Lachen. Der TGV musste gleich kommen, die Stimmung blieb ausgelassen, obwohl sich Albert plötzlich nicht mehr so ganz wohl fühlte in seiner Rolle.

Der Zug kam schnell, ungeheuer schnell, im nächsten Moment raste er an Jean vorbei, der tapfer die Kamera hielt. Der Zug verschwand wie er gekommen war, seine dröhnenden Geräusche zerrissen die Luft. Jean hatte sich nur auf das Filmen konzentriert, doch etwas stimmte nicht.

Albert lag nur da, statt ihm fröhlich um den Hals zu fallen, sein Körper hatte die Form eines gefallenen Kriegers wie aus den Spielen, die meist so liegen, als würden sie laufen. Jeans Blicke wanderten langsam in Richtung Kopf, da war ein aufgerissener Mund wie der einer Mumie still und schrecklich, eine Nase gab es nicht mehr und auch keine Augen, der obere Teil des Kopfes war nur noch ein blutroter, gelber Brei.

Leon dachte wieder an seine Krieger, die er täglich niedermetzelte und begriff die Situation noch nicht. Er rief, Albert solle doch aufstehen, aber er konnte sich selbst nicht hören, es war eine eisige Stille um hin herum. Sein Blick wurde unscharf, aber seine Brille trug er noch, er versuchte, einen Schritt zu machen, konnte sich jedoch nicht mehr von der Stelle rühren. So eingefroren verging endlose Zeit.

Nur ein Spiel auf seinem Rechner, redete er sich ein, aber seine Umgebung wollte sich nicht täuschen lassen. Er hielt noch das Handy und die Lampe, das Handy rutschte aus seiner nassen Hand. Durch das Geräusch wurde er plötzlich hellwach und Entsetzen durchfuhr ihn. Das war doch nicht möglich, das konnte doch nicht wahr sein, so war das nicht gedacht, diese Sätze marterten ihn wie Endlosschleifen.

Als er merkte, dass er wieder fähig war, sich zu bewegen, rannte er überstürzt weg. Völlig außer Atem erreichte er seine Wohnung und schloss sich in sein Zimmer ein, er saß zusammengekauert an seinem Schreibtisch. Er machte seinen Computer an, ein Spiel würde ihn ablenken, doch er fand keinen Gefallen mehr an den roten Flecken, die das Blut darstellten. Dann fiel ihm ein, dass er das Handy zurückgelassen hatte. Er wusste nicht, was er erzählen sollte, wenn die Polizei es finden würde, doch er war unfähig, an den Ort zurückzukehren.

Es vergingen Stunden, draußen wurde es heller und er hockte immer noch vor dem Bildschirm. Eine eigentümliche Neugier ließ ihn im Internet nach Torero-Spiel suchen. Er gab das heutige Datum ein, dann sah er Albert, wie er lachte, sah sich selbst, wieder Albert, dann die Schienen, auf die er sich hingestreckt hatte, dann den Zug, den leblosen Körper und den zerquetschten Kopf, das Blut und die gelbliche Hirnmasse.

Es gab auch schon einige Kommentare dazu. Er sei der erste Todesmutige, der das Torero-Spiel vollendet hat. Ein Triumph über das trostlose Leben. Und wie tragisch, er war doch noch jung, ein furchtbares Ereignis, so unglaublich traurig. Und das sei atemberaubender als jedes Blutbad am Computer, der absolute Oberkick.

Jean wurde müde und schlief ein.

 

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