Unsterblichkeit

Sie stand am Fenster in einem schäbigen Zimmer eines schäbigen Hotels. Gelblich waren die Wände und die Bettwäsche, kein Fernseher, kein Radio, kein Telefon. Nichts, was nach draußen führte außer der Tür, die verschlossen war, und eben das Fenster. Trostlos lag die verschneite Landschaft, ebenso gelblich wie das Zimmer; niemand war auf der Straße zu sehen.

Sie hörte sich selbst atmen und den anderen, der auf dem Bett lag und eingeschlafen war. Sein Mund war offen wie bei einem Toten, er war hässlich anzusehen, gelbliche Haut und gräuliche Haare, davon aber eine Menge. Er war noch angezogen mit einer graublauen altmodischen Hose, wie sie oft die Intellektuellen tragen, und einem, wie konnte es anders sein, gelblichen Hemd mit Perlmuttknöpfen.

Eigentlich waren sie verabredet gewesen, um miteinander zu schlafen, nun schlief er. Sie kannte ihn nicht, hatte keine Beziehung zu ihm. Sie musste zugeben, dass sie wahrscheinlich nie wirklich eine Beziehung zu einem Mann gehabt hatte. Sie fragte sich, ob es ihre Schuld war, und muss man das überhaupt? Die Wahrheit war, es ergab sich einfach nicht, so sehr sie es gewollt, sich danach gesehnt hatte. Sie war so zwanzig Mal in ihrem Leben verliebt gewesen, davon drei Mal voller Leidenschaft und Leid.

Sie stand mit der Stirn angelehnt an diesem schmierigen Fenster, sie sah gespiegelt diesen Mann auf dem Bett, er schnarchte leicht. Sie wollte nicht mit ihm schlafen, es war eine Laune gewesen, einfach einen Fremden vögeln, warum auch nicht. Aber es ging nicht, sie dachte an die Männer, die sie geliebt hatte. Der erste war ein Schuft, aber das machte nichts, er sah wirklich gut aus, schwarze Locken und grüne Augen, die Frauen waren verrückt nach ihm. Er ließ kaum eine Gelegenheit aus und erzählte ihr hinterher, wie es gewesen war, auch wie er mit seiner Frau schlief. Ihr sagte er, dass sie nicht gut im Bett sei, geduldig ertrug sie es zwei Jahre und wartete fast täglich in einem Café auf ihn; seine Anwesenheit machte sie glücklich, lebendig, nur das zählte.

Sie schlief in der Zeit noch mit drei anderen Männern, die hatten aber nur das Interesse so schnell wie möglich ihren Samen loszuwerden, es gab keine Zärtlichkeit. Und sie litt, ohne dass ihr das bewusst war, ihre Kraft ließ merklich nach, sie musste für ihr Studium arbeiten, konnte sich aber nicht konzentrieren. Als er sie mitten in der Nacht raus warf, weil ihm danach war, entschloss sie sich, diese Geschichte zu beenden, obwohl sie ihn noch liebte.

Da gab es einen anderen, den sie mochte, und er gab sich wirklich Mühe, lud sie ein und fuhr sie nach Hause, das tat ihr gut nach den zwei schwierigen Jahren. Aber sie wollte ihn nicht, er war nicht sonderlich erotisch, sein Gang hatte etwas von einem Hampelmann, er war gedrungen und trug so merkwürdige Mützen, weil er nicht so viel Haare auf dem Kopf hatte. Er war nicht dumm, eher verschlagen mit einer Art Bauernschläue, und er wusste ganz genau, dass sie das perfekte Opfer war. Sie ließ sich darauf ein, weil sie dachte, dass sie jederzeit wieder gehen könnte.

Nachts kroch er auf sie, blieb nicht lang, keuchte ihren Namen und rollte zur Seite ab. Am Anfang hatte er sie noch gestreichelt, was sie aber als unangenehm empfand, er hatte kleine Wurstfinger, widerlich war auch seine Zunge in ihrem Ohr. Sie verachtete sich zunehmend für diesen würdelosen Akt. Um ihn zu ärgern, betrog sie ihn auf einer Reise, aber der Ekel danach war so stark, dass sie hohes Fieber bekam und sich noch hilfloser fühlte als zuvor.

Sie saß in der Falle, hatte keine eigene Verfügung über ihr Leben, er hatte sie völlig isoliert; ihr Studium war gescheitert, Freunde hatte sie eigentlich auch nicht mehr. Und seine Bekannten redeten kaum mit ihr, sie wusste auch nicht, worüber sie reden sollte, es gab kein Thema, denn sie begriff nicht, was mir ihr passiert war. Er redete ihr täglich ein, dass sie nichts sei ohne ihn, nichts könne ohne ihn; sie war komplett unter seiner Kontrolle. Er war neun Jahre älter, und sie hatte nicht gelernt, sich zur Wehr zu setzen. Sie schrie und stritt mit ihm, und er fand das so niedlich, wie man ein Raubtier im Käfig amüsant findet. Dabei hätte sie ihm am liebsten ein Messer zwischen die Rippen gerammt, mit Freuden.

Es war auch kein anderer Mann in Sicht, mit dem sie hätte weggehen können, mit fast jedem wäre sie gegangen; in einen Freund hatte sie sich verliebt, der war aber unfähig zu einer Beziehung, schleppte ständig Frauen ab und verschwand wieder ganz schnell. Nach drei schlimmen Jahren verließ sie ihn, ganz plötzlich; damals stand die Mauer noch, sie fuhr zu Besuch nach Westberlin und blieb. Er konnte sie nicht mehr erreichen, erpresste sie am Telefon, dass sie in den Knast käme, sie aber glaubte ihm kein Wort mehr, so einfach war das. Damals dachte sie, dies sei die wichtigste Entscheidung im Leben gewesen, die Geschichte lehrte sie, dass man so etwas nie genau weiß.

Der Mann auf dem Bett schlief immer noch, sie fragte sich, warum ihr das alles einfiel, lange hatte sie nicht mehr an ihre Jugend gedacht; eine Zeit, von der alle sagten, dass sie die schönste Zeit sei, aber da war nichts Schönes, und es wurde auch nicht besser, so sehr sie das hoffte, als sie ihr neues Leben begann. Wieder verliebte sie sich mehrmals in Männer, die sie gar nicht wahrnahmen. Wenn sie Fotos von sich aus dieser Zeit sah, kamen ihr die Tränen, wie hübsch und zerbrechlich sie aussah, sie selbst hatte sich nie so empfunden; heute hatte sie ein normales, wenn auch verhärmtes Gesicht.

Sie sah sich nicht gern im Spiegel, ihr Ausdruck war ihr unheimlich, als wären es fremde Augen. Die Fensterscheibe, an der sie lehnte, war sehr schmutzig, sie sah nur ihr ungefähres Antlitz. Sie ging in Gedanken weiter; was war es, das Fazit aus den vielen Katastrophen, sie war gescheitert, ihr Leben war zerstört, nichts von alledem, was sie wollte, war in Erfüllung gegangen. Sie wollte Liebe, eine eigene Familie, nie mehr allein sein, und sie wollte Unsterblichkeit als Ausgleich, wenn sie schon keine Liebe bekam.

Da waren noch viele andere, der Tänzer, der eine andere Frau liebte, und jemand, der ihre Kollegin heiratete, und ein anderer verheirateter Mann, den sie so bewunderte, weil er auf der Bühne ein wirklich guter Schauspieler war. Und dann kam der Eine; sie war völlig irritiert über sein Auftreten, sie konnte seine Blicke hinter seiner Sonnenbrille nur erahnen, aber sie trafen sie tief, unerbittlich.

Eine Ahnung brachte sie um den Verstand, dass nun alles noch schlimmer werden würde, als es ohnehin schon war. Er war verheiratet und hatte Kinder, und er war ein berühmter Mann. Sie spürte beides, wenn sie ihn sah, Liebe und Unsterblichkeit. Und dann war noch diese tiefe Freude, von der sie nicht wusste, dass sie in ihr war; alle Schutzmechanismen, die sie aufgebaut hatte, waren verschwunden.

Sie war das erste Mal nicht mehr allein, das Leben hatte einen Sinn; sie schliefen nicht miteinander, sie küssten sich nur zwei Nächte lang, mehr nicht. Jedes Wort war in ihr Gedächtnis gebrannt, und danach ging er, schnell mit einem Handkuss. Er rief sogar ein paar Tag später an und sagte, dass es ihm gut gehe. Sie konnte nichts erwidern, ihr ging es nicht gut, und eine dunkle Ahnung schlich durch sie hindurch und wurde schließlich übermächtig.

Der Verfall setzte nach und nach ein, zuerst ging die Seele zu Bruch; dann sah sie sich überhaupt nicht mehr ähnlich, sie konnte nicht mehr schlafen, hatte Todesangst, sah überall Kreuze und betete. Es war das erste Mal, dass sie betete; sie wollte nur diesen Mann, auf alles andere wollte sie verzichten, ihn nur sehen, und wenn es einmal im Jahr war und sie in einem Verließ auf ihn warten müsse. Sie sah sein Gesicht vor ihrem geistigen Auge, seinen Gang; ihr Herz tat weh, es war wie ein Stein, sie hatte das Gefühl einer Schlinge um den Hals.

Jeder Spiegel flößte ihr Angst ein, in ihren Augen flackerte der Wahn. Sie hat sich davon nie erholen können; von nun an war ihr Dasein auf dieser Welt nicht mehr berechtigt, vielleicht war sie nicht zum richtigen Zeitpunkt gekommen, sie war eindeutig zu spät, ihr Platz war schon belegt. Aber sie wehrte sich gegen diesen Gedanken, und sie hatte erfahren, dass der Mann, in den sie sich davor verliebt hatte, in Scheidung lebte.

Vielleicht war es doch richtig so, dachte sie und rief ihn hoffnungsvoll an. Wenig später fuhr sie zu ihm hin, er war verändert, und der Sex war grauenhaft, aber sie wollte es nicht wahrhaben. Er benutzte sie nur, dachte an seine Noch-Ehefrau. Sie hatte alle Hoffnungen in diese Beziehung gesetzt, es blieb wieder nichts als Ekel übrig. Das Schicksal lässt sich nicht überlisten, es folgten weitere dunkle Jahre.

Bitter schmeckt das Leben, und die wenigen Momente der Glücks haben es noch bitterer gemacht. Sie stand immer noch am Fenster und überlegte, ob sie diesen Mann wecken sollte, sie wusste jetzt, dass sie wieder allein nach Hause gehen würde. Aber sie wollte die Sache noch zu Ende denken, schließlich konnte sie sich doch wieder verlieben, aber nur aus der Entfernung, zu sehr hatte sie Angst vor einer Abweisung, und diese Männer, die ihr gefielen, lebten sowieso in Beziehungen.

Und dann passierte es doch, dass da Einer kam, der sie aus ihrem Konzept brachte, in seinen Augen blitzte die Neugier und die Herausforderung; sie musste ihm ihre Liebe offenbaren und schrieb ihm. Vielleicht meinte es das Schicksal doch gut mit ihr, dachte sie erneut, so viel Hoffnung und Verlangen hatte sie dreizehn Jahre nicht mehr gespürt. Aber er ging ihr plötzlich aus dem Weg, wollte auch kein Gespräch und kam eines Tages mit einem Ehering am Finger. Er wich ihr plötzlich aus als wäre sie eine Krankheit, lenkte seine Blicke in eine andere Richtung, wenn er sie kommen sah.

So viel Verachtung hatte sie lange nicht mehr gespürt und verwelkte zusehends. Sie war hässlich geworden, hatte keinen Glanz mehr in den Augen, war erloschen. Auch das war nun schon drei Jahre her, verlieben konnte sie sich nicht mehr seitdem. Ihr Leben lang hatte sie davon geträumt, in die Arme genommen zu werden, lieben zu dürfen, ihre Zärtlichkeit auszuleben. An Selbstmord hatte sie oft gedacht, aber es nicht fertig gekriegt, in praktischen Dingen war sie eh nicht besonders gut; und die Furcht, als Behinderter zu überleben, abhängig zu werden, war größer als jede Lebensmüdigkeit.

Am meisten quälten sie diese Gedanken an früher immer und immer wieder, was hätte sie darum gegeben, nicht mehr denken zu müssen. Liebe und Unsterblichkeit und manchmal Gott. Sie fand, dass sie sich wieder um die Realität kümmern sollte, sah den Mann mit dem offenen Mund auf dem Bett an und wieder aus dem Fenster. Da fiel ihr ein sehr langsames Flugzeug auf, was sehr niedrig über den Horizont schwebte, es verschwand aus ihrem Horizont. Gerade hatte sie daran gedacht, diesen Mann zu wecken, da bemerkte sie einen hellen Blitz, der aus der Richtung des Flugzeuges kam, er war so gleißend, dass sie für Minuten das Augenlicht verlor.

Als sie wieder zu sich kam, ihr Körper hatte sich nicht bewegt, und nach draußen sah, war alles mit einem graugelben Schnee bedeckt, ein Flaum, der jeden Gegenstand leblos aussehen ließ. Wie gebannt sah sie die künstliche Welt, kein Mensch, kein Tier, kein Geräusch, absolute Stille, auch das Schnarchen des Mannes war weg. Sie hatte Angst, ihn anzuschauen und schrie, als sie sah, wie er sich verändert hatte, eingefallene Wangen, der Ausdruck einer Mumie, einfarbig die ganze Gestalt. Er atmete nicht mehr, sie wollte ihn berühren, da bemerkte sie, dass er durch ihr Anfassen zu Staub zerfiel.

Sie ging zum Fenster, der selbe Staub überall da draußen, keine Konturen, nur angedeutete Dinge wie Bäume, Häuser und Autos. Vielleicht war es ein Traum, es würde sich in Minuten wieder zurück verwandeln; aber es war kein Traum, langsam kroch die Panik in ihr hoch. Sie wollte das Fenster öffnen, aber da gab es keinen Riegel, sie trommelte gegen das Glas, aber es blieb unerschütterlich, sie ging zur Tür, es gab aber keine Klinke. Es gab nur das Zimmer mit einem Bett und dieser Staubleiche darauf.

Auch sie würde bald sterben, dachte sie, aber sie verspürte keinen Hunger und keinen Durst, auch ihr Körper hatte sich verändert, er war kühler geworden, und ihre Kleidung hatte die Farbe des Staubes angenommen. Aber sie konnte ganz klar denken, jeden Gedanken, den sie in der letzten Stunde hatte, konnte sie wiederholen, nur an ihrem Umfeld änderte sich nichts dadurch.

So saß oder stand sie stundenlang, müde wurde sie auch nicht mehr. Plötzlich fuhr ihr ein Geistesblitz durch den Kopf, ihr fiel ein, dass sie, wenn sie schon keine Liebe bekam, wenigstens unsterblich sein wollte. Und sie wusste in diesem Moment, dass sie diese Bitte erfüllt bekommen hatte, sie war unsterblich geworden, sie würde ewig in diesem Zimmer mit dem Haufen Staub auf dem Bett eingeschlossen sein, nichts würde sich mehr verändern.

Ihr ganzes Leben, jeden Tag konnte sie erinnern, ihre Träume und Wünsche, sie würde nicht sterben, so sehr sie es nun wollte. Das Wort Ewigkeit jagte durch ihre Gedanken und die Hoffnung, dass das Universum ein Ende haben würde. Sie flehte Gott um Erbarmen, aber er hatte ihren heimlichen Wunsch erfüllt, niemand anderes konnte das wissen, sie hatte nie geäußert, dass sie Unsterblichkeit wollte. Sie würde auf ihn warten müssen, so wie sie ihr ganzes Leben gewartet hatte.

 

Zurück zu den Texten