Vertreibung

Immer wenn sie von Reichenwalde erzählte, kämpfte sie mit den Tränen, den Verlust ihres Heimatdorfes hatte sie nie überwunden. Auch nach inzwischen fast 60 Jahren war sie voll von Schmerz darüber.

Ihre Enkeltochter, um die sie sich als Kind rührend gekümmert hatte, hörte ihr immer zu. Es waren oft die gleichen Geschichten, aber sie fand sie keinesfalls eintönig, im Gegenteil, sie versuchte alles, was ihre Großmutter sagte, innerlich zu speichern, damit es nicht verloren ging, nicht umsonst gewesen war.

Nie hörte sie ein bitteres Wort oder eine Anklage und erst als ihre Oma über 90 Jahre alt war, war diese überhaupt dazu in der Lage zuzugeben, dass auch sie vergewaltigt worden war. All die Jahrzehnte bestritt sie dieses, sie meinte immer, sie hätte sich rechtzeitig im Schrank verstecken können. Wahrscheinlich wollte sie niemanden mit dieser Tatsache belasten.

Doch ihre Enkelin ließ nicht locker, sie kannte die grausamen Geschichten des Krieges und sie wollte genau wissen, was sie erlebt hatte, solange sie sie noch fragen konnte.

Eigentlich wusste sie wenig, es gab keinen Stammbaum, kaum Briefe und Fotos von früher, durch die Vertreibung ging alles verloren.

Es war der Winter 1945 und es war bitterkalt und verschneit. Eigentlich war die Großmutter schon in einer anderen Stadt verheiratet, Luckenwalde nahe Berlin, in der ihre Tante lebte. Doch ihr Mann war im Krieg und so blieb sie mit ihrer 4-jährigen Tochter in den Kriegsjahren auf dem Dorf bei ihrer Mutter, ihre beiden jüngeren Brüder waren ebenfalls an der Front.

Zwei Russen waren es, die sich nahmen, wovon sie glaubten, dass es ihnen zustand, sie vergewaltigten sie mehrmals, die damals 37 Jahre alt war. Ihre Mutter und ihre Tochter ließen sie in Ruhe, dann machten sie sich über das Essen und die Ausstattung her.

Sie besaßen das größte Haus im Ort, ihr Vater war Leiter einer Kohlengrube, er hatte sich mit viel Fleiß hochgearbeitet. Er war ein gutherziger Lebemann, war aber schwer krank, die Ärzte warnten seine Frau, dass er möglicherweise früh sterben würde.

Seine Frau war eine aparte Dame, sie sah großzügig darüber hinweg, dass ihr Mann sie ständig betrog, er solle sein Leben genießen, meinte sie später. Er starb jung und sie hatte nicht wieder geheiratet.

Für das große Familienhaus, das er bauen ließ, hatte er ein Darlehen aufgenommen. Es war gerade abbezahlt, als er verschied und dann stand auch schon der Krieg vor der Tür.

Er wäre sowieso zugrunde gegangen, hätte er erleben müssen, wie sein geliebtes Haus kurz vor Ende des Krieges in Flammen aufging, meinte die Großmutter später betrübt.

Sie liebte ihren Vater sehr, er war so gütig und herzlich, nur etwas verzieh sie ihm schwer. Dass er nicht wollte, dass sie einen Beruf lernt, Mädchen heiraten, war sein Argument. Ein Freund des Vaters wollte ihr damals eine Ausbildung verschaffen, aber das wollte eben der Vater nicht, oft sprach sie davon, trotzdem war sie ihm nie wirklich böse.

Für diesen Irrtum musste sie ihr ganzes Leben die schwerwiegenden Konsequenzen tragen. Sie ertrug es mit Fassung und Wehmut.

Etwas wirklich Ungewöhnliches tat ihr Vater, durch seine einfache Herkunft hieß er mit Nachnamen Hammel und beantragte, diesen Namen in Halmer abzuändern, kurz vor seinem Tod wurde das bewilligt. Er wollte, dass seine drei Kinder einen besseren Start ins Leben hätten und glaubte mit seinem Haus eine materielle Grundlage geschaffen zu haben, dass seine Nachkommen aus einem guten Hause stammen.

Sie erhielt sogar als junges Mädchen Klavierunterricht und lernte Französisch, ihre beste Freundin war die Lehrerstochter, die später unverheiratet schwanger wurde, was damals ein Skandal war. Aber gemeinsam erlebten sie eine unbeschwerte Kindheit, beide hatten rötliche Haare und fühlten sich wie Schwestern.

Ostern wurden die bunten Eier den Weinberg hinunter gekullert, im Winter rutschten sie mit dem Schlitten vom Galgenberg bis auf das Feld hinaus, es gab einen kleinen Teich im Dorf und Laub- und Kiefernwälder, Heidekraut und Weizenfelder rings herum. Alle hatten Tiere, Kühe, Schafe, Schweine und Gänse, viele Katzen und Hunde.

Jeder kannte jeden, man feierte zusammen, saß im einzigen Gasthaus und trank. Für die Kinder war das alles eine geheime Sicherheit, die ihr Dasein schützen sollte.

Die Oma erzählte oft von ihrer engen Beziehung zu ihren Tieren, einer kleinen Gans, die zum Schlachten verkauft worden war, die aber am nächsten Morgen wieder vor der Tür stand.

Tief gerührt von so viel Anhänglichkeit, versuchte sie, ihre Eltern zu überreden, das Tier zu behalten, aber sie gaben nicht nach. Genauso war es auch mit ihrer Lieblingskuh, die sich nochmal zu ihr umdrehte, während sie von ihren neuen Herren abgeführt wurde. Das waren die frühen Blessuren, die sie ertragen musste.

Auch war ihre Mutter sehr streng, nie wurde sie in den Arm genommen oder getröstet und ihre beiden Brüder gingen immer ohne sie in die abenteuerliche Umgebung.

Trotzdem war sie ein glückliches Kind, ihre Augen strahlten, wenn sie davon sprach, aber schon Minuten später kamen die Tränen hinterher, das schöne Haus, das so vertraute Dorf und ihre tiefe Verwurzelung, die sie dadurch erfuhr.

Ihre große Liebe, mit dem sie nur einen Abend lang getanzt hatte, der ihr glühende Briefe schrieb, dem sie sich jedoch nie getraute zu antworten, fiel in den ersten Gefechten des Krieges. Das traf sie mitten ins Herz und es sollte lange dauern, bis sie darüber hinweg kam. Auch gab sie unumwunden ihre späteren Pleiten, wie es nannte, mit den Herren der Schöpfung zu.

Im Dorf hatten sie den Krieg durch ihre abwesenden Männer schmerzlich gespürt, aber immerhin hatten sie zu essen und es fielen keine Bomben.

In der Familie war man von den braunen Machthabern nicht sonderlich begeistert, das Dorf war aber tief gespalten, jedoch man arrangierte sich. Und sie erzählte eine kleine Geschichte, wie sie einen Lehrer mit Guten Tag begrüßte, der aber Heil Hitler erwiderte, kurz darauf traf sie ihn im Dorf und sagte artig Heil Hitler und er grinsend Guten Tag.

Und dann kam der letzte schlimme Winter des Krieges. Sie waren gewarnt worden, dass die Russen nicht mehr weit weg waren, aber was sollten sie tun, so verharrten die Frauen mit ihren Kindern zu Hause und hofften und fürchteten sich. Schon Tage später waren sie da, wild und fluchend forderten sie Essen und Schnaps, sie setzten sich verdreckt wie sie waren, an die Tische mit den weiß gestickten Decken und bestaunten buntes Porzellan und teure Möbel.

Sie befahlen den jungen Frauen, in die Schlafzimmer zu kommen, die älteren brauchten sie nicht, die Kinder durften sich mit ihren Großmüttern in anderen Räumen aufhalten.

Jede junge Frau wurde entehrt, aber sie beschwerten sich nicht, Krieg ist Krieg, was soll man da machen. Auch ihre Großmutter erhob keine Vorwürfe, Menschen wissen oft nicht, was sie tun, es war eben Krieg, betonte sie. Und die Deutschen waren auch nicht besser gewesen.

Nachdem sich die russischen Soldaten bedient hatten, machten sie den Frauen verständlich, dass sie ihre Häuser verlassen sollten. Mitten in der Nacht schliefen alle in Decken gehüllt im Wald, den Kindern erzählten sie spannende Geschichten, damit sie sich nicht ängstigten.

Am Tage zogen die Russen weiter und die Frauen gingen wieder in ihre in Unordnung gebrachten Häuser zurück. Viele dachten, noch Schlimmeres könnte nicht geschehen, es vergingen zwei einigermaßen ruhige Wochen.

Dann kamen wieder Menschen aus dem Osten, diesmal waren es Polen. Sie erklärten mit Händen und Füßen, dass sie hier bleiben würden, sie wurden aus ihren Dörfern vertrieben und hierher gebracht, um sich anzusiedeln.

Fassungslos starrten die Bewohner die Neulinge an, sie waren sehr höflich und wurden vorerst aufgenommen. Es würde sich zeigen, ob sie die Wahrheit gesprochen hatten. Ein paar Stunden später kamen wieder bewaffnete russische Soldaten, die waren gar nicht freundlich und befahlen harsch, dass die Deutschen verschwinden sollten.

Wieder war es Nacht, wieder hockten alle zusammengekauert im nahe gelegenen Wald. Dann sahen sie einen Feuerschein am Himmel, ein Gebäude brannte, das größte im Ort, das Haus der Großmutter.

Die Russen wollten damit zeigen, dass sie die Gutsherren verachteten, sie vermuteten diese dort und wollten sie damit ins Mark treffen. Wenn die Großmutter davon sprach, wie sie am nächsten Morgen nur noch die Ruinen sah, schüttelte sie jedes Mal ungläubig den Kopf. Das Lebenswerk ihres Vaters war innerhalb von Stunden zerstört worden. Es war wohl gut, dass er das nicht mehr erlebte, waren immer wieder ihre Worte.

Sie hatte nichts retten können, alles war verbrannt, braunschwarze Mauern standen noch, in der Mitte war ein großer Haufen Asche. Zum Trauern und Nachdenken gab es keine Zeit, die Soldaten standen mit ihren Gewehren da und brüllten die zurückkehrenden Bewohner zusammen.

Sie sollten verschwinden und zwar für immer.

Die Großmutter fand im Stall eine Schubkarre, da hinein setzte sie ihre kleine Tochter, die ganz tapfer war und nie geweint oder geschrien hatte. Zusammen mit ihrer geschwächten Mutter machten sie sich auf den Weg nach Westen.

Das Kind wurde in Decken gehüllt, sie hatten noch ein wenig Brot, nachts setzten sie sich zu dritt auf die Karre und versuchten, sich auszuruhen.

Tagsüber schafften sie es einige Stunden, vorwärts zu kommen, es waren viele Flüchtlinge, die sich genauso verzweifelt in diese Richtung schleppten. Es wurde kaum geredet, zu schrecklich würde das Begreifen sein. Manche waren nicht mehr in der Lage, ihren Lebenswillen aufrecht zu erhalten und erfroren an den Wegesrändern. Da lagen sie nun, diese harten Körper, denen man die Sachen abnahm, um sich selbst zu wärmen. So eingefroren waren sie noch erträglich, weil sie durch die Eiseskälte nicht nach Leichen rochen, nur ihre Gesichter schauten grauenerregend bis in die nächtlichen Träume der Überlebenden, die sich nicht ganz unschuldig fühlten.

In den nächsten Tagen spielten sich ohne Unterlass Tragödien ab, Verwirrte und Verirrte riefen laut die Namen ihrer verlorenen Kinder, viele weinten und beteten laut. Der Hunger machte einige völlig verzweifelte Gestalten unberechenbar, schreiend fielen sie über andere her und beschimpften diese als hätten sie ihren Verstand verloren.

Es gab auf dieser Flucht wenigstens genug Schnee zu trinken, blau waren die meisten Lippen und Finger, doch die Angst und die Hoffnung trieben sie mutig weiter, zu Fuß, mit Schubkarren und kleinen hölzernen Wagen.

Der Marsch über die gefurchten Wege dauerte 5 Tage und 5 Nächte, dann waren die Großmutter, ihre Tochter und ihre Mutter halb verhungert in Luckenwalde bei der Tante angekommen, dort hofften sie, sicher zu sein. Sie waren am Leben geblieben, aber bettelarm, doch sie hatten auf ihre Weise Glück gehabt, sie waren nicht getrennt worden wie viele Andere, die ihre Verwandten vermissten, ihre Kinder suchten, fast krank wurden vor Sehnsucht nach ihren Angehörigen und um Gewissheit darüber flehten.

Von den vernichtenden Kämpfen wie die um Berlin blieb die Kleinstadt glücklicherweise verschont. Die Großmutter musste Putzen gehen, damit sie sich das tägliche Brot leisten konnten, den ganzen Tag arbeitete sie für ein bisschen Nahrung.

Ein paar Wochen später kam ihr Mann unverletzt aus dem Krieg zurück. Als er von den Alliierten befragt wurde, was er als Soldat bei der SS genau getan und wie viele Menschen er auf dem Gewissen hatte, trug er heimlich einen Strick bei sich, aber er wurde als Mitläufer eingestuft und nicht gefangen genommen.

Er war viel zu bequem als sich von der allgemeinen Kriegsbegeisterung hinreißen zu lassen. Viel lieber lag er auf dem Sofa und rauchte seine Zigarren, überhaupt war er nicht gesprächig und ließ sich immer nur bedienen. Es war keine gute Beziehung zwischen den Eheleuten, aber man trennte sich damals nicht.

Auch ihre Brüder kamen zurück, sie waren gebrochene Menschen geworden, nie sprachen sie über ihre Erlebnisse im Krieg. Der eine bekam zwei Kinder mit der Wirtstochter aus dem Heimatdorf, sie ließen sich im Norden nieder. Der andere blieb allein, er konnte es nicht mehr ertragen, von jemandem berührt zu werden. Ihn hatte es in den Westteil Deutschlands verschlagen, seine Pakete halfen oft, über die Runden zu kommen.

Wenn die Oma ihrer Enkelin erzählte, wie sie in der Frühe die Kirche putzen musste, im Krankenhaus Wäsche wusch, bügelte und sonstige schwere Arbeit verrichtete, weinten sie beide.

Und immer wieder beschrieb sie ihr Dorf, den Geruch des Frühlings, die Freude mit der Familie und die unendlichen Spiele, die die Natur ihnen schenkte.

Einmal war sie dorthin zurückgefahren mit ihrer Nichte und deren Mann, da waren schon mehr als 20 Jahre vergangen. Die Mauern ihres Hauses standen noch, man hatte ein Dach darüber gebaut und es so als Scheune benutzt. Einen stechenden Schmerz spürte sie damals in ihrem Herzen, nie wieder wollte sie das sehen müssen, obwohl die polnischen Einwohner äußerst freundlich waren und sie mit Kaffee und Kuchen bewirteten.

Sie wollte sich ihre Erinnerung halten, so wie es früher gewesen war, ihr Kindheitsparadies, ihr inneres Bollwerk gegen die feindliche Welt. Sie hatte eine Stärke, die bewundernswert war, sie konnte vor ihrem geistigen Auge die früheren Zimmer, den Garten und ihren Vater sehen, und sie konnte das Glück, welches sie dabei empfand in die graue Wirklichkeit hinüber retten.

Aber sie litt ihr Leben lang unter Schlaflosigkeit, ihre Alpträume trieben roh erbarmungslose Splitter der dunklen Zeiten in ihren Schlaf.

Schwer war das Leben, ein Kampf, wie sie sagte, die Vertreibung aber war das einschneidendste Ereignis, die ewige Wunde ihres Daseins, jeden Tag dachte sie daran.

Pflichtbewusst und mit Hingabe pflegte sie ihre Tante, später ihre Mutter, die im Alter weiche Züge bekam, bis diese starben und dann noch ihren verwirrten Ehemann, der zum Schluss seinen Verstand verlor, nachts umher geisterte und wie ein Kind in die Hosen machte.

Später berichtete sie noch über andere tragische Schicksale in der Familie, eine Tante von ihr hatte sich aus Liebeskummer die Pulsadern aufgeschnitten, ein Onkel hatte sich im ersten Krieg selbst erschossen, weil er mit dem Töten nicht zurecht kam.

Und es gab den anderen Onkel, der studieren wollte, er war sehr schlau, aber seine Nerven waren nicht die besten. So entschied er sich, Förster zu werden, wie schon seine Vorfahren, die meistens Bauern und einfache Leute waren.

Ihre Tochter, die das liebste Kind für sie war, die so tapfer alles ertragen hatte, trug sie auf Händen, nannte sie ihre einzige Freude im Leben. Auch ihre Enkeltochter liebte sie abgöttisch, herzallerliebst sei sie als Baby gewesen. Ihr fühlte sie sich verbunden und zugehörig und sie trauerten nicht nur gemeinsam, sie hörten auch immer Musik, vor allem Die Moldau. Ihre Oma sprach oft bewundernd, wie ein Einzelner so etwas Unglaubliches schaffen konnte, mit seinen Melodien so viel Glückseligkeit den Menschen zu geben vermochte.

Manchmal nachts im Traum betrat sie einen Kristallpalast, überall funkelte es in schillernden Farben, sie schritt wie eine großzügig Beschenkte durch die Gemächer und staunte über den Reichtum aus edelsteinverzierten glashellen Gebilden. So überirdisch formvollendet und berauschend war es, schwärmte sie, wenn sie hin und wieder davon träumte.

Die Großmutter war eine sehr einsame Frau, sie war so enttäuscht worden von den Menschen und vom lieben Gott, denn sie war sehr religiös erzogen worden. Und wo war der liebe Gott als sie so leiden musste, Politik und Krieg hatten sie nie interessiert. Man hatte ja keine Ahnung, man wusste es nicht besser, war ihre resignierte Erklärung für das ganze Elend.

Und sie hatte keine Freunde in der Stadt, nie fühlte sie sich heimisch, sie blieb eine Vertriebene. Weil sie keinen Beruf gelernt hatte und ihr Mann nicht viel tat, musste sie immer sehr hart arbeiten.

In der Wohnung ihrer Tante lebte sie mehr als 40 Jahre, sie war sehr fleißig, sie hatte einen Garten am Stadtrand, dort erntete sie Gemüse, Früchte und Blumen. Sie nähte die Kleider für sich, ihre Tochter und für Andere. Sie war sehr bescheiden und sparte, um ihrer Tochter und Enkelin etwas geben zu können.

Ihre Wohnung war sehr gemütlich, aber äußerst ärmlich, eine Stube mit einem Ofen, zwei Kammern, eine Küche, kaltes Wasser auf dem Flur, und die Toilette war über den Hof in der Waschküche. Ein Telefon besaß nur ihre Vermieterin, eine Klavierlehrerin, die noch im hohen Alter nach Westberlin übersiedelte. Stets war ihre Wohnung in Ordnung, aufgeräumt und sauber.

Ihre Hände waren sehr kräftig und immer warm, sie hatte diese gütige Ausstrahlung und das tiefe Verständnis für ihre empfindliche Enkeltochter. Oft nahm sie sie in ihre Arme und spendete ihr Trost. Sie erkannte deren verletzliche und schwermütige Seele, gab ihr ein geistiges Heim, eine Sicherheit, einen Schutz, den sie dringend brauchte.

Denn auch diese wurde ein Flüchtling, zwei Jahre bevor die Mauer fiel, nutzte sie eine Chance und blieb im Westen. Einen tiefen Moment der Reue, was ihre Oma betraf, konnte sie nie ganz abschütteln. Sie wusste, wie sehr sie an ihr hing, wie sehr sie sich wünschte, sie zu sehen.

Jeden Tag dachte die Großmutter an sie, jeden Tag erledigte sie wie ein Uhrwerk ihren Haushalt, ging einkaufen, kochte für sich und arbeitete im Garten. Und das alles tat sie ganz allein, die Verluste mussten sie ungeheuer gequält haben, aber sie ertrug es klaglos.

Ihre Heimat und ihr geliebtes Enkelkind konnte sie sich nur noch in Gedanken vorstellen, aber es offenbarte sich ihr eine große Kraft, die sie überleben ließ und hoffen. Sie wartete geduldig jeden Moment, dass sie wenigstens ihre Enkeltochter wieder sehen dürfe.

Dann kam die Wende und die Hoffnung war eine Tatsache geworden, unglaublich glücklich schloss die Großmutter sie in ihre Arme. Aber ihre Enkelin war eine andere geworden, sie wusste nicht mehr, wo sie hingehörte, durch ihre Flucht und die schnelle Wende war sie innerlich durcheinander geraten. Ihre Wurzeln hatte sie zeitweise verloren, es dauerte einige Jahre, bis sie wieder etwas zur Ruhe kam, ihre Oma verstand das nicht wirklich.

Inzwischen war sie in einem Heim untergebracht und machte sich große Sorgen um den Zustand ihrer Enkelin, die sie lange nicht besuchen konnte, weil sie an Depressionen litt und behandelt werden musste.

Sie selbst hatte zwei Kriege überlebt, ein mühevolles Leben gehabt, eine unglückliche Ehe und viel Einsamkeit und die tragischen Verluste durchgestanden. Wie ein langer Schatten war auch ihre Enkeltochter davon berührt, vieles von dem trug sie in sich, ohne dass es ihr bewusst war.

Auch ihr Lebenslauf war nun von Verlusten, Dunkelheit und Trauer gezeichnet.

Als es ihr wieder besser ging, besuchte sie ihre Oma alle zwei, drei Wochen in Luckenwalde im Heim, in dem sie noch 10 Jahre lebte, um ihr wenigstens etwas von der Liebe zurückzugeben, die sie all die Jahre von ihr bekommen hatte, auch weil sie ein schlechtes Gewissen plagte, dass sie sie einst so treulos verließ.

Für jeden Besuch, für jede Minute war sie so unendlich dankbar und innerlich erfüllt.

Sie hörten wieder viel Musik, lasen zusammen Gedichte von Heine, den die Oma besonders verehrte. Ihre Enkelin reiste extra nach Island, weil ihre Oma sich so nach dem Norden sehnte, früher hatte sie Reportagen darüber gesehen, die Gletscher, die Geysire und das Nordlicht, das geheimnisvollste aller Lichter. Einmal war es sogar in Luckenwalde zu sehen, das hatte sie nie vergessen, es flackerte in rotgrünen Farben und war unbeschreiblich magisch.

Dann beschloss sie, nach Reichenwalde zu fahren, um ihrer Oma davon zu berichten und um selbst zu wissen, woher sie eigentlich kam.

Das Dorf sah verfallen aus, die Bewohner schauten anfangs skeptisch, wurden aber freundlicher, als sie ihnen drei Fotos von früher zeigte. Das Haus ihrer Oma hätte sie allein nicht gefunden, ein Pole zeigte ihr die Scheune, den kläglichen Rest. Auch der Garten war verwildert, man hatte das Gefühl, dass hier niemand richtig zu Hause war. Sie schienen im Ort zu leben, als würden sie jederzeit wieder gehen können.

Sie erkundete die nähere Umgebung, den zugewachsenen Weinberg und den Galgenberg.

Und sie wurde zum Kaffee eingeladen und neugierig befragt. Nur mit Mühe konnte sie sich verständigen und erzählte von ihrer Oma und wie alt sie schon war. Ein Pole gab ihr einen runden Stein, den er aus der Gartenmauer ihres früheren Grundstückes vorsichtig heraus geklopft hatte, der sei für ihre Großmutter.

Ein paar Tage später besuchte sie ihre Oma, sie konnte nicht mehr so gut sehen, aber dieser runde Stein machte sie glücklich, immer wieder wollte sie ihn in ihren Händen spüren. Und sie lauschte gespannt jedem Wort, das ihre Enkelin über ihr Reichenwalde sprach, den neuen polnischen Namen des Dorfes konnte sie sich nicht merken.

Für sie blieb es Reichenwalde, die Wiege ihrer Kindheit und Jugend, aus der sie ihr Leben lang schöpfte.

In ihren letzten Jahren brachte sie dann doch einiges durcheinander. Ihre beiden jüngeren Brüder waren schon längst gestorben. Der eine, der im Westen lebte, der ihr besonders lieb war, hatte sie so lange wie es ihm möglich war, zur Gurkenzeit im Herbst besucht. Sie war ein hervorragende Köchin, selbst ihr Mann meinte immer scherzhaft, wenn sie nicht so gut kochen könnte, hätte er sie vielleicht verlassen.

Nun erzählte sie ständig, dass ihr Bruder und auch ihr Mann sie oft besuchen kämen, zwei hochgewachsene Männer, was ihr immer sehr gefiel. Sie schloss ihren inneren Frieden mit ihrem sturen Ehemann, den sie um 30 Jahre überlebt hatte, er sei nicht so schlecht gewesen.

Würdevoll und ohne Zorn hatte sie ihr hartes Schicksal hingenommen.

Und trotz allem bewahrte sie sich ihre unerschütterliche Liebe und ihre versöhnliche Herzenswärme, ihre standfeste Zuversicht und ihre Fähigkeit, sich an den kleinen alltäglichen Dingen zu erfreuen.

Nie sprach sie ein böses Wort über diejenigen, die für den Verlust ihrer Heimat verantwortlich waren und den tiefen Kummer, welcher damit verbunden war. Es war eben eine unglückselige Fügung, die so viele Menschen getroffen hatte.

Aber welch ein entsetzliches Leid, das sich Menschen gegenseitig antun können, wenn sie nicht imstande waren, den so wehrlosen Frieden zu behüten.

Vergeltungsgedanken kamen der Großmutter nie in den Sinn, nur die leise lebenslange Trauer blieb.

Auch ihre Enkelin spürte nie einen Groll über diese tragischen Geschehnisse.

Oft und gern war sie bei ihren polnischen Nachbarn zu Besuch, fühlte sich von deren Herzlichkeit und Gastfreundschaft angezogen.

Sie schätzte die russische Literatur und die Musik, vor allem die orthodoxen Gesänge mit ihrer sehnsüchtigen Wehmut. Von Moskau war sie so sehr fasziniert, der grenzenlosen Vitalität der Menschen und der zärtlichen Brutalität dieser Stadt, dass sie sogar darüber nachdachte, dorthin zu ziehen. Nur die alten Mütterchen, die am Straßenrand betteln mussten, brachen ihr fast das Herz.

Und als ihre geliebte Großmutter mit 97 Jahren im Sterben lag und furchtlos die letzten schweren Tage mit dem Tod kämpfte, rang sie sogar noch in dieser Situation um jenen einen Augenblick, bis ihre Enkeltochter schließlich bei ihr am Bett saß, ihre Hand festhielt und sie endgültig gehen konnte, vermutlich wieder nach Hause.

 

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