Willkürweltzeit

Wie ein Urknall der Ohnmacht, katapultierten sich die Gotteskrieger, die virtuelle Planspiele blutleerer Bildschirmgemetzel vollkommen verinnerlicht, durch die Zeiten zum Punkttag komprimiert, in die als Hoffnung verstandene Ewigkeit. Und die nun auf Neuanfang gestellte Willkürweltzeit korsettiert die Daseinsstruktur in unterschiedlichen Abstufungen von Menschenwürden bis zur Nichtwürde des wieder in Erscheinung getretenen Feindes.

Die Essenz der Macht ist die Gewalt, und das Ventil dafür muß zwangsläufig herbeigewirklicht werden,
die byzantinische Pyramide, so funktioniert Macht, ist ein, wie man weiß, ein sehr stabiles Gebäude, ein jeder, der sich in dieses Gefüge begibt, verfällt dem Glauben, daß die Welt verfügbar ist, der Gedanke, retten zu können, schließt den Gedanken, herrschen zu können, mit ein. Fakt ist, daß sich der Mechanismus der Macht wie eine Konstante durch die Epochen zieht, und somit eine Art Gefäß für unser liquides Sein geworden ist.

Die Frage ist, ob dies eine Grundkomponente für unser Überleben ist oder unser Überleben genau daran scheitern könnte. Macht auszuüben, heißt sämtliche Projektionen der anderen auf sich zu vereinen, mit der Legitimation, auch gegen der Willen der anderen, handeln zu können, eine Art letzte Instanz, die wiederum Schuld absorbierend den Einzelnen entlasten soll.

Da wir einander immer näher rücken, gibt es keine Ausweich -bzw. Nischenidentität mehr, durch den begrenzten Raum werden wir gedanklich abgezirkelt und tragen stellvertretend die Verantwortung für mitunter genau das, was wir zutiefst ablehnen. Die bewußte Abgabe von Macht funktioniert nicht mehr als stille Übereinkunft, sondern als erstarrte Schnittstelle, eine Falltür ins Bodenlose, sich der Rechtlosigkeit zugesellt und als ersehnter Lohn für erlittene Demütigungen.

Wir leben immer noch in der selben Schichtung, genannt kalter Krieg, es ist nicht gelungen, die Glaubensbarrieren rechtzeitig zu entschärfen, und wie ein sich selbst treibender Zyklon dirigiert uns der Zeitgeist immer in der Hoffnung, wir mögen die Geschichte im windstillen Auge erleben, und mit angemessenen Abstand der Zerstörung des Anderen als Zuschauer beiwohnen.

Der 11. September beginnt wahrscheinlich im Jahre 1979, schon damals waren die Knotenpunkte Afghanistan, die von den USA bezahlte und wieder fallengelassene Wiege der al-Qaida damals gegen den Einmarsch der Sowjets, und die Revolution in Iran, der drohende Kontrollverlust der USA, der nur mit der Stabilisierung des irakischen Systems zu dämpfen war. Alle Beteiligten beriefen und berufen sich noch heute, für eine höhere Sache zu kämpfen und zu sterben, die höhere Sache findet aber nie statt, es gibt nichts, außer die Rettung des jeweils Nächsten, trotzdem handeln die Mitspieler für die Einträge in das wohl heiligste Buch, das der Geschichte, Krieg ist das sicherste Mittel dafür.

Wir sind begierig auf den kontrollierten allabendlichen Thrill, wir bezahlen die Erfinder unserer geheimsten Schauer, wir selbst produzieren unsere inneren Filme in die Anschauung, so präzise wie am 11. September sind wir selten bedient worden. Auch die Erwartungen der Bush-Regierung sind damit übertroffen worden, heißt es doch schon 1998 in einem Strategiepapier eines neokonservativen "Think-Tanks", um ihre Herrschaft zu erhalten und zu erweitern, benötigt die USA "irgendein katastrophales und katalysierendes Ereignis so wie etwa Pearl Harbour" ; die das unterschrieben haben, sitzen heute in den Schlüsselpositionen  der amerikanischen Außenpolitik.

In gewisser Weise kann man dieser Denkart den Verlust der Unschuld zuschreiben, der 11. September wurde genau auch deshalb möglich, weil er als Gedankenspiel schon eingefügt war, um durch einen Waffengang größt möglichsten Einfluß der Herrschaftssphäre auszuüben. Man muß beiden Seiten zugestehen,  daß sie für ihre Freiheit und den Export dessen jedes Mittel gebrauchen.

Krieg ist wie das in eine Form gießen der Wirklichkeit, und die höchste Form, Krieg zu führen, ist, es eben nicht zu tun. Wir leben immer noch in einer Welt, in der wir durch das miteinander Verhandeln und das gegenseitige Anerkennen, und auch das Berufen auf Gott als "im Frieden sein", ein für alle erträgliches Leben schaffen können, es gibt keine andere Lösung, als die, miteinander zu reden.

 

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